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Stuttgarter Historiker an der Uni Brünn

Foto: Wolfram Pyta (r.) mit Zdeněk Mareček und Zdeňka Stoklásková - Bild: Hanna Zakhari

Im Rahmen des diesjährigen Herbstprogramms ist es dem Deutschen Kulturverband Brünn gelungen, den Stuttgarter Historiker und Leiter der Abteilung für neuere Geschichte der Universität Stuttgart, Wolfram Pyta, nach Brünn einzuladen.

 

 

Wolfram Pyta ist darüber hinaus Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg, die in Kooperation mit dem Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, die Unterlagen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen zur Verfügung halten, sie sichern und für die historische Forschung erschließen sollen. Einer seiner Schwerpunkte ist die Geschichte der Weimarer Republik, wobei hier sein Interesse vor allem Paul von Hindenburg gilt. Für seine 800-seitige Biografie über Paul von Hindenburg erhielt Pyta den Landesforschungspreis des Landes Baden-Württemberg für Grundlagenforschung 2008.  

Wolfram Pyta ist nicht nur kompetent, er ist in Stuttgart bei seinen Hörern auch sehr beliebt. Er ist es, zu dessen Vorlesungen neben den Studenten auch zahlreiche Gasthörer aller Altersstufen kommen, so dass die Hörsäle bei seinen Vorlesungen zeitweise überfüllt sind. Seine Art, Geschichte lebendig zu machen, sie verständlich, in freier Rede und mit viel Engagement darzulegen, ist im weiten Umfeld der Universität sehr gut bekannt.

Im Rahmen des 70-jährigen Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkrieges wollten wir in Brünn auch eine wissenschaftlich fundierte Antwort darauf anbieten, wie es zu dem allem kommen konnte, warum scheiterte die Weimarer Republik und wie konnte es passieren, dass jemand wie Hitler an die Macht kam?

Gezielte Ernennung

Pyta räumt mit dem Mythos des alten und nahezu hilflosen Reichspräsidenten Hindenburg auf, der von den politischen Abläufen überrannt wird und letztlich Hitler zum Reichskanzler ernennt.  Aus persönlichen Briefen Hindenburgs und anderen Archivdokumenten sei zu erkennen, dass der Präsident auch im hohen Lebensalter noch eine klar denkende  Herrschernatur war, die sich in Personalfragen  nicht hereinreden ließ, sich durchsetzte und die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gezielt anstrebte.

Die Gründe dafür seien zum einen in der politischen Zusammensetzung des Reichstages zu sehen, der von den Nationalsozialisten zusammen mit den Kommunisten beherrscht wurde: Hätte die Ernennung Hitlers, als Führer der stärksten Partei des Reichstags vermieden werden sollen, hätte Hindenburg Teile der Verfassung außer Kraft setzen und den Reichstag zumindest zeitweise ausschalten müssen um gegebenenfalls mittels der Armee (Reichswehr) der Geschichte eine andere Wende zu geben.

Und so erklärt der Historiker, dass Hindenburg zum einen den konfliktärmeren Weg, der obendrein mit der Verfassung im Einklang stand, wählte. Darüber hinaus sei Hindenburg ideologisch mit den Nationalsozialisten einig gewesen, die Idee einer „Volksgemeinschaft“ realisieren zu wollen. Eine Idee, die er bereits im Ersten Weltkrieg verfolgte und die zu einer einheitlichen politischen Willensgemeinschaft und zu einem homogenen politischen Körper führen sollte.

Es sei allerdings ein Fehler, das Scheitern der Weimarer Demokratie alleine auf das Handeln des Reichspräsidenten Hindenburg zurückzuführen. Der große Zuspruch der Wähler für die NSDAP war der wichtigste Faktor bei dem Geschehen des Jahres 1932. Warum die Wählerschaft in Deutschland die NSDAP zur stärksten Reichstagsmacht kürte, analysiert Pyta ebenfalls. Es sei eine Partei gewesen, die großen Anklang in allen sozialen Schichten der Bevökerung fand, den höchsten bei der protestantischen Agrarbevölkerung, aber auch in den bürgerlichen Vierteln der Großstädte, wie auch bei der Industriearbeiterschaft, wenn auch hier die Linksparteien vorherrschten. Am schlechtesten schnitt die NSDAP bei den katholischen Wählern ab. Weiter berichtet Pyta, dass die Partei in den Wahlveranstaltungen überaus geschickt agierte, sich modernster Agitationsmittel bediente und Hitler als zukunftsorientierte Leitfigur inszenierte.

Aus Fehlern gelernt 

Es sei nicht richtig, im Zusammenhang mit Hitler den Begriff „Machtergreifung“ zu verwenden. Hitler kam ganz legal und verfassungsgemäß an die Macht des Reichskanzlers, keineswegs habe er - damals - über den Verfassungsrahmen hinaus gehandelt.  In erster Linie war aber der Wählerwille, eine Partei zu wählen, die sich ganz unverblümt der Gewalt gegen Andersdenkende bekannte, der Grund für diese politischen Ereignisse. Wolfram Pyta endet mit der Feststellung, dass beim ersten Versuch, mit der anspruchsvollen Staatsform der Demokratie umzugehen, das deutsche Volk dafür nicht reif genug gewesen sei. Dagegen haben die Deutschen beim zweiten Versuch ihre Lektion gründlich gelernt. Deutschland sei heute das einzige Land Europas, in dem seit 60 Jahren keine Rechtspartei den Sprung in das nationale Parlament geschafft habe.

Die Vorlesung fand in einem der neu renovierten, modernen, großen Brünner Uni-Hörsäle unter der Teilnahme von etwa 80 bis 100 Studierenden und Mitgliedern der deutschen Minderheit statt. Begleitet wude sie durch Zdeněk Mareček vom Institut für Germanistik der Brünner Philosophischen Fakultät, Zdeňka Stoklásková und Tomáš Dvořák für das Brünner Historische Institut. Dem Vortrag folgten auch Persönlichkeiten des Brünner Magistrats und des Schulwesens. Er habe, so Pyta bei seinem Besuch, mehr als eine Idee für künftige gemeinsame Forschungsprojekte gewonnen und hoffe, dies sei der Auftakt für eine nachhaltige, weitere akademische Partnerschaft. 

Über diese Auswirkung unserer Projektidee freuen wir uns natürlich ganz besonders. Gleichzeitig  danken wir den Städten Brünn und Stuttgart für die freundliche Förderung der Veranstaltung sehr herzlich.  

 


 

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