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Nachbarn wie Jakob und Esau

Die „Freunde der deutsch-tschechischen Verständigung“ schaffen seit zehn Jahren Vertrauen beiderseits der Grenze.

 

 

Beispiele für das Zusammenleben von Nachbarn finden sich bereits im Alten Testament: Moses und Aaron, Jakob und Esau, Kain und Abel. Geschwisterliche Eintracht war indessen auch in biblischen Zeiten eher die Ausnahme. Die Konflikte waren oft schmerzhaft, ja zerstörerisch. Zum Glück aber war Gott mit seinem Segen am Werk.

 

Diesen Glauben teilen die Mitglieder der Vereinigung „Freunde der deutsch-tschechischen Verständigung“. Aus dieser Zuversicht heraus wirken sie Schritt für Schritt auf eine gedeihliche Nachbarschaft zwischen Tschechen und Deutschen im Raum um die Grenzstädte Selb und Asch (Aš) hin. Im Lutherhaus Selb beging man vor kurzem mit einem Festakt und einer Ausstellung das zehnjährige Bestehen der Vereinigung. Das Gründungstreffen hatte im Januar 2003 in der Christuskirche in Selb stattgefunden.

 

Geleitet wird die ökumenisch ausgerichtete Vereinigung von der evangelisch-lutherischen Pfarrerin Cordula Winzer-Chamrád, die die Pfarrei Hohenau an der Eger betreut. Tschechischer Kooperationspartner ist der Ascher Pfarrer Pavel Kučera von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder.

 

Dieser betonte bei dem Festakt, eines der Anliegen der Vereinigung sei, den ehemaligen deutschen Bewohnern des Ascher Landes das Gefühl zu vermitteln, dass sie in ihrer alten Heimat nicht ganz vergessen seien und dass man ihnen dort nicht mit Feindseligkeit begegne.

 

Ängste abbauen

Die tschechischen Mitglieder sind in der Vereinigung in der Unterzahl. „In Tschechien ist die Schwellenangst vor der Kirche größer als in Bayern“, stellt Pfarrerin Winzer-Chamrád fest. „Es sind nicht nur die Themen, die die Menschen bewegen, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen, sondern auch die Freude daran, sich zu treffen, Freundschaften zu schließen, im Schutzraum der Gruppe die Nachbarregion zu entdecken. Da braucht man jemanden, der einem die Tür öffnet“, so die Pfarrerin weiter. Höhepunkte waren für sie in den zehn Jahren seit der Gründung der Vereinigung die euregionalen Kirchentage 2003 in Selb und 2006 in Marktredwitz und Eger. „Da gab es Gottesdienste auch mit einer großen tschechischen Beteiligung, und wir wurden über die Region hinaus wahrgenommen“, sagt Pfarrerin Winzer-Chamrád rückblickend.

 

Der Selber Oberbürgermeister Wolfgang Kreil wies in seinem Grußwort auf frühe gemeinsame Wurzeln hin. Beide Städte, Selb und Asch, seien erstmals in einer Verpfändungsurkunde Kaiser Rudolfs II. erwähnt worden, der sie an die Vögte von Weida abgetreten habe. „Diese historischen Gemeinsamkeiten verbinden. Sie sind älter als der Zweite Weltkrieg“, sagte Kreil.

 

Und der Selber Dekan Volker Pröbstl erinnerte daran, dass es in der jüngeren Geschichte ein Modell für das Gelingen gutnachbarlicher Beziehungen gebe: die deutsch-französische Freundschaft. „Vor einigen Jahrzehnten wurden deutsche Austauschschüler in Frankreich noch angegriffen. Davon sind wir heute zum Glück weit entfernt“, erklärte er.

 

An dem Festakt nahmen auch der Vizepräsident der bayerischen Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Peter Seißer und Radek Matuška vom Westböhmischen Seniorat teil.

 

Unter den Ausstellungsstücken – größtenteils Fotos von gemeinsamen Veranstaltungen – stach besonders „Der Eiserne Vorhang in uns“ ins Auge. An einem nachgebildeten Stück Grenzzaun hängen tschechische und deutsche Schilder mit Schlagwörtern wie: Misstrauen, alte Wunden lecken, Unverständnis, rückwärts schauen, Besserwisserei, Gleichgültigkeit, Vorurteile.

 

Gemeinschaft stiften

Der Grenzzaun wurde für einen Wandergottesdienst geschaffen, der die fortdauernden Barrieren im Bewusstsein der Menschen thematisierte. Abgehalten wurde er in Mokřiny, dem früheren Nassengrub, und Eger (Cheb) sowie sechsmal auf deutscher Seite. Dabei nahmen die Gottesdienstbesucher die Schilder symbolisch vom Zaun. „Sie waren tief bewegt und dankbar, dass die Geschichte uns erlaubt, an dieser Entwicklung seit der Grenzöffnung zu partizipieren“, erinnert sich Pfarrerin Winzer-Chamrád.

 

Gemeinsame Gottesdienste wurden auch anlässlich des EU-Beitritts Tschechiens oder zum 20. Jahrestag der Samtenen Revolution und vor kurzem am Ascher Heinberg gehalten. Treffpunkt gemeinsamer Andachten, etwa zu Weihnachten, war auch wiederholt die Grenzkapelle, die 2007 am Grenzübergang Selb-Libá, dem Liebensteiner Tor, eingeweiht wurde.

 

Einmal im Monat kommen die Teilnehmer der Vereinigung zusammen. Zwischen 30 und 60 sind es an der Zahl, und sie kommen aus dem Ascher Land und dem Egerland auf tschechischer und dem Genzgebiet von Hof bis Marktredwitz auf deutscher Seite. Zweisprachige Vorträge und Exkursionen über Geschichte und Kultur helfen, die benachbarte Region besser kennenzulernen. Doch man hat auch schon bei Familienausflügen auf der Eger gepaddelt oder sich zu einem Sommerfest in Selb-Prexhäuser in unmittelbarer Grenznähe zusammengefunden.

 

Das tragende Fundament des Gefühls der Zusammengehörigkeit sind bei all diesen gemeinsamen Veranstaltungen die christlichen Werte. „Dass viel von dem gemeinsamen christlichen Glauben in die Vereinigung hineingetragen wird“, war denn auch der persönliche Wunsch, den Pfarrer Kučera beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen den Freunden der deutsch-tschechischen Verständigung mit auf den Weg in die Zukunft gab.

 

Die Autorin arbeitet als Journalistin und Übersetzerin in Oberfranken und Prag.

 

 

 

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