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Von Böhmen nach Ägypten

22 Teilnehmer aus vier Ländern fuhren fünf Tage lang auf den Spuren Otfried Preußlers durch Nordböhmen und das sagenumwobene Iser- und Riesengebirge.

„Der Weg von Böhmen nach Ägypten muss damals, in jenen heiligen Zeiten, durch das Königreich Böhmen geführt haben, quer durch den nördlichen Teil des Landes, bei Schluckenau etwa herein in das böhmische Niederland, dann nicht ganz bis zum Jeschken hinum, dann weiter im Vorland des Iser- und Riesengebirges (...) und zuletzt auf der Alten Zollstrase hinaus ins Schlesische, wo es dann nach Ägypten nicht mehr weit gewesen ist.“

Mit dieser geographischen Abenteuerlichkeit beginnt Preußlers „Die Flucht nach Agypten“. Darin beschreibt Preußler mit viel Witz und Lokalkolorit die Reise der Heiligen Familie, die im ausgehenden 19. Jahrhundert vor dem bösen König Herodes nach Böhmen flieht. Detailliert und mit opulenter barock-böhmischer Sprache erzählt Preußler von den Menschen, wie sie vor einem guten Jahrhundert im Iser- und im Riesengebirge gelebt haben könnten, von den böhmischen Landesheiligen – und natürlich vom Rübezahl. Otfried Preußler, der 1923 in Liberec (Reichenberg) geboren wurde, ist vor allem als Kinderbuchautor bekannt. Jedes Kind kennt seinen Räuber Hotzenplotz, die kleine Hexe oder Krabat, „Die Flucht nach Ägypten“ aus dem Jahre 1978 ist eines seiner wenigen Werke fur Erwachsene.

In diesem Jahr haben sich die 22 Teilnehmer der „Spurensuche“, die die Burgervereinigung Antikomplex, JUKON und die Junge Aktion gemeinsam organisieren, per Rad auf den Weg gemacht, den Maria, Josef und das Jesukindlein in Preußlers Buch zurücklegen.

Los ging es in Dolní Poustevna (Niedereinsiedel), von dort führte die Strecke über Šluknov (Schluckenau), Krasná Lípa (Schönlinde), Cvikov (Zwickau in Böhmen) hinein ins Isergebirge und weiter ins Riesengebirge bis nach Bernatice (Bernsdorf). Insgesamt radelten die Spurensucher fast 300 Kilometer – unterwegs gab es Lesungen an den Originalschauplätzen des Romans, Diskussionen und Kreatives rund um „Die Flucht nach Ägypten“. Dass es unterwegs die ein oder andere zügige Fahrt bergab gab, gefiel Markéta aus Česke Budjěovice (Budweis) besonders gut: „Die Natur und die rasanten Talfahrten, das ist ein guter Ausgleich zum Büroalltag. Und es ist eine tolle Verbindung von Kultur und Sport“, schwärmt die 27-Jährige, die als Konzipientin in einer Anwaltskanzlei arbeitet.

Offene Diskussionen

Auf der Spurensuche durch das Grenzgebiet ging es natürlich auch um das oft schwierige Miteinander von Deutschen und Tschechen in Böhmen im vergangenen Jahrhundert. An einem Schauplatz des Romans, dem Marktplatz in Jilemnice (Starkenbach), diskutierten die Teilnehmer darüber, wie man die deutschsprachigen und tschechischen Bewohner Böhmens versöhnen kann. „Im Buch versucht es der Heilige Wenzel mit einem Wunder, aber das funktioniert nicht“, erklärt Organisatorin Christiane Seifert, ifa-Kulturmanagerin bei der Landesversammlung. „Zwei Figuren aus dem Roman, Bělohlavek und Weishäuptl, ein Tscheche und ein Deutscher, leben hier direkt nebeneinander“, führt Organisator Ondřej Matějka von Antikomplex weiter aus. „Beide sprechen die Sprache des anderen, beide machen das gleiche und wollen trotzdem nichts miteinander zu tun haben. Beide leben sozusagen nebeneinander und trotzdem in verschiedenen Welten. Das zeigt die Tragödie des zugespitzten Nationalismus, wie es ihn damals gab. Das wollten wir den Teilnehmern begreiflich machen“, erklärt Matějka.

Der 80-jährige Walter Pazzioni aus Linz ist schon zum vierten Mal dabei. Und er ist nicht der letzte, wenn es bergauf geht. „Die kleinen Ortschaften und die Landschaft kennenzulernen, ist eine tolle Erfahrung –und natürlich die Gruppe, weil alle so offen sind“, sagt der Österreicher mit den italienischen Wurzeln. Jakub Novák aus Prag, mit 16 Jahren der jüngste Mitfahrer, ist zum ersten Mal dabei und will im nächsten Jahr unbedingt wieder mitradeln: „Es hat viel Spaß gemacht. Am besten hat mir der Besuch der Kirche in der Nähe von Rumburk gefallen. Dort gab es Fledermäuse im Glockenturm“, erzählt Jakub begeistert.

Vernarbte Landschaften

Ofer, 33 Jahre alt, Familienvater und Berufsmusiker an der israelischen Staatsoper Tel Aviv, hatte die weiteste Anreise. Gerade schreibt er am Centre for German Studies an der Hebräischen Universität in Jerusalem seine Magisterarbeit über Sudetendeutsche. „Die Tour war ein Highlight für mich. Ich habe viel über das Sudetenland gelesen, aber jetzt habe ich es gesehen – und gespürt in den Beinen“, lacht Ofer. „Dieses vernarbte Land kennenzulernen und das Miteinander der Menschen, der Tschechen und Deutschen und Österreicher, war für mich unglaublich spannend und sehr besonders“, sagt Ofer ernst. Und spätestens als die Gruppe in Hodkovice nad Mohelkou (Liebenau) die Krippenszene aus Preußlers Buch liest und sich danach selbst ans Krippenbasteln macht, löst sich auch das Rätsel, warum der Weg von Bethlehem nach Ägypten mitten durchs weihnachtlich-winterliche Böhmen führt: Von hier kommen die typischen mechanischen Weihnachtskrippen mit Uhr- und Pfeifenwerk und den beweglichen Figuren.

In Ägypten kommen die Spurensucher schließlich auch noch an – das liegt nämlich, glaubt man Preußler, in Kralovec (Königshan), an der tschechischpolnischen Grenze.

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