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Eine Insel im tschechischen Meer

Das imposante Gebäude des ehemaligen Deutschen Staatsgymnasiums in Brünn wurde vor 150 Jahren eingeweiht.

 

Heute ist das langestreckte Gebäude am Komenský-Platz in Brünn Domizil der „Janáček-Akademie der Musischen Künste“ (JAMU), die einen exzellenten, weit über die Stadt hinausreichenden Ruf genießt. Aber nur wenige Brünner wissen, was sich in dem 1862 von dem österreichischen Architekten Eduard van der Nüll (1812-1868), dem Erbauer des Wiener Opernhauses, errichteten Haus vor 1945 befand. Einst galt das mährische Brünn als eine Stadt der Deutschen, Tschechen und Juden, die über Jahrhunderte mehr oder minder friedlich miteinander auskamen. Zugleich war das „lange“ 19. Jahrhundert aber auch seit seiner Mitte eine Zeit, in der sich zunehmend ethnisch-nationale Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen vor dem Hintergrund des nicht allein bei den Tschechen (und Mährern) wachsenden Nationalbewusstseins innerhalb der Habsburgermonarchie bemerkbar machten. Diese artikulierten sich auch in der Schul- und Unterrichtsfrage. Bis 1918 beherrschten die Brünner Deutschen, ohnehin in der Wirtschaft dominierend, die politische Verwaltung der Stadt, wenngleich sich die ethnischnationale Struktur in der Stadt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend zu Gunsten der einheimischen Tschechen zu verschieben begann. Ein Trend, der sich auch im Schulwesen zeigen sollte, das über Jahrhunderte durch eine deutsche Vorherrschaft geprägt war. Die Anfänge des deutschen Gymnasiums, lange im Jesuitenkloster beheimatet, reichen dabei bis in das Jahr 1578 zurück. Knapp 300 Jahre später, 1850, wurde die Maturitätsprüfung verbindlich eingeführt, sechs Jahre später die tschechische Sprache zum Pfl ichtfach. Schon 1870 jedoch wurde sie wieder als unverbindlich erklärt, nachdem in Brünn 1866 zuvor das erste tschechische Gymnasium seine Pforten geöff net hatte. Viele Deutsche, vornehmlich jene aus dem gehobenen Bildungsbürgertum, schickten ihre Söhne und später auch vereinzelt Töchter in das von altösterreichischem Humus geprägte, deutsche achtjährige Gymnasium. Das platzte allerdings, ob seiner beschränkten räumlichen Situation, nach 1850 aus allen Nähten. Ein neues Gebäude musste her, das dann der Wiener Architekt Eduard van der Nüll am damaligen Elisabeth-Platz erbaute, als Teil eines ganzen k.u.k. dominierten Architekturprogramms bei der Errichtung der Brünner Ringstraße. Viele Namen ehemaliger Absolventen lesen sich heute wie ein Who is Who der Geistesgeschichte Brünns im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Stellvertretend seien hier Christian d´Elvert, Fritz Tugendhat, Hans Lothar oder Peter Demetz genannt.

Verkannte Talentschmiede
Generationen von anerkannten, wohl mitunter auch gefürchteten, zumindest aber respektierten Lehrern, haben am Deutschen Staatsgymnasium unterrichtet, Generationen von Schülern – 1878/79 erreichte deren Zahl mit 639 ihren Höhepunkt – , von denen die meisten im Dunkel der Geschichte untertauchen, diese Bildungsstätte besucht. Ihr bitteres Ende fand sie 1945, verschuldet durch ein Regime, das mit seinem menschenverachtenden Rassenwahn und seiner militärischen Aggressivität einen Großteil des europäischen Kontinents ins Verderben zu stürzen suchte.
Doch die Erinnerung an das einstige Deutsche Staatsgymnasium, das in den Jahren 1865-1869 auch der spätere Staatsgründer der Ersten Tschechoslowakischen Republik, Tomáš G. Masaryk, besuchte, lohnt in jedem Fall, bildet sie doch einen wichtigen Teil unserer gemeinsamen Geschichte.
Dieser Intention folgend fand am 17. Oktober ein Kolloquium in Brünn statt, initiiert von dem Brünner Germanisten Zdeněk Mareček und dem Deutschen Kulturverband der Region Brünn, welches den allgemeinhistorischen, stadtgeschichtlichen und architektonischen Kontext dieser, aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verdrängten, Bildungseinrichtung zu würdigen suchte. Finanziell unterstützt von der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien widmeten sich tschechische und deutsche Geschichtswissenschaftler, Kunsthistoriker, Germanisten, Sprach- und Musikwissenschaftler in einem thematisch weitgefächerten Spektrum bekannten und weniger bekannten Lehrer- wie Schülerpersönlichkeiten sowie der Geschichte des Hauses. Die Erinnerungen noch lebender Absolventen des Gymnasiums mit bereicherten die historische Spurensuche. Eine rundum gelungene und gut besuchte Veranstaltung, die hoffentlich - und zwar nicht allein durch die zu erwartende zweisprachige Publikation, die die auf dem Kolloquium gehaltenen Vorträge vereinen wird – das Geschichtsbewusstsein der Brünner und ihrer immer zahlreicher werdenden Gäste erweitert und schärft.

Der Autor ist Historiker in Leipzig.

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