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Mit europäischem Geist

Im Oktober fand die Bundesversammlung der sozialdemokratischen Seliger-Gemeinde im bayerischen Bad Alexandersbad statt.

 Auch deutsche Sozialdemokraten dürften die Vertreibung inzwischen als Verstoß gegen die Menschwürde bezeichnen, ohne als Revanchisten angesehen zu werden, sagte der bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Franz Maget bei der Bundesversammlung der Seliger-Gemeinde in Bad Alexandersbad. Die Nachfolgeorganisation der 1919 gegründeten Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (DSAP) in der  Ersten Tschechoslowakischen Republik fordert freilich nicht nur von den Tschechen eine kritische  Auseinandersetzung, sondern mahnt immer wieder auch zur Selbstkritik: „Das empfindliche Verhältnis zwischen Sudetendeutschen und Tschechen kann nicht durch Schuldvorwürfe und Forderungen verbessert werden, sondern allein durch die Bereitschaft zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und durch das Verständnis für die Empfindlichkeit der anderen Seite“, lautet eine der 1998 formulierten Brannenburger Thesen.

Die 1951 in der Bundesrepublik gegründete Seliger-Gemeinde mit gegenwärtig rund 800 Mitgliedern ist wie die katholische Ackermann-Gemeinde eine „Gesinnungsgemeinschaft“ in der Sudetendeutschen Landmannschaft. Sie versteht sich außer als Mahnerin auch als „Brückenbauerin“, so lautete jedenfalls das Motto diverser Vorträge zur Bundesversammlung. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs knüpft die Gemeinde immer häufiger Kontakte zu den tschechischen Genossen und schlägt so die Brücke zu der Zeit, als sudetendeutsche und  tschechische Sozialdemokraten gemeinsam im Parlament der Ersten Republik saßen, wo sie zeitweise die Mehrheit hielten.

In Bad Alexandersbad waren der tschechische Europaabgeordnete Libor Rouček und der ehemalige Ministerpräsident Vladimír Špidla zu Gast. Auch die beiden Alt-Präsidenten der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, Erwin Scholz und Walter Piverka, waren gekommen. Piverka bekräftigte in seinem Vortrag über die Entwicklung der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik, dass auch die Landesversammlung Brückenbauer im grenzübergreifenden Dialog sein wolle.

Alljährlich vergibt die Seliger-Gemeinde einen nach ihrem ersten Vorsitzenden Wenzel Jaksch benannten Preis für Verdienste um „die friedliche Neugestaltung Europas“. Er ging dieses Jahr an den Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz. Franz Maget, der für die SPD im bayerischen Landtag sitzt, nannte Schulz in seiner Laudatio einen „europäischen Tiefwurzler“, den kein Sturm knicken oder umreißen könne. Wie die Seliger Gemeinde, so Maget, überwinde Schulz durch sein Engagement für die Gemeinschaft Gräben. Der Preisträger nannte die Osterweiterung der EU „ein Geschenk“, auch wenn sich die EU gegenwärtig in einer Krise befindet, ist sie für Schulz „das Beste, was in diesem Jahrhundert passiert ist“.

Die aktuelle Debatte um die Zukunft Europas prägte Vorträge und Diskussionen während der dreitägigen Veranstaltung im Fichtelgebirge genauso wie der Blick in die Geschichte. Die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte ihre Wanderausstellung über Ernst Paul. Der im heutigen Děčín geborene Sozialdemokrat hatte wichtige Funktionen in der DSAP inne, später war er  Vorsitzender der Seliger-Gemeinde, Bundestagsabgeordneter und während des Kalten Krieges Verfechter des Dialogs mit dem Osten. Sein Credo im Diskurs über die Vertreibung lautete: „Wir müssen mit dem Vergeben beginnen.“

„Unsere Arbeit ist nicht nur rückwärtsgewandt“, betonte dann auch Albrecht Schläger, einer der  beiden derzeitigen Vorsitzenden der Seliger-Gemeinde. Ihr gehe es nicht um Restitution, sondern um Normalität im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Tschechien. Freilich kämpfe die Organisation wie auch die  Landsmannschaft oder die deutschen  Minderheitenverbände in Tschechien mit der Tatsache, dass „die biologische Uhr tickt“: Die Mitglieder werden immer älter, nur wenige neue kommen hinzu. Doch gebe es auch hoffnungsvolle Entwicklungen: Einige Kinder und Enkel traten laut Schläger inzwischen bei, so dass die Mitgliederzahl zumindest konstant bleibe, daneben gebe es Neuzugänge, die keine familiären Bindungen nach Böhmen oder Mähren haben, sich aber für die Arbeit der Organisation und die deutsch-tschechischen Beziehungen interessieren.

Der Autor lebt als freier Journalist und Buchautor in Kassel.

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