Aktuelle Seite: StartseiteForum Pilsener Projekte stellen sich vor

"Die Deutschböhmen fehlen uns"

Ulrike Mascher sprach mit dem Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der gemeinsam mit dem Zeichner Jaromir 99 die Comictrilogie um Alois Nebel verfasst hat, über die filmische Adaption und die Geschichte der Deutschen in Böhmen.

Sie schreiben sowohl auf Tschechisch als auch auf Deutsch und pendeln zwischen Deutschland und Tschechien – was gefällt Ihnen in Tschechien bzw. in Deutschland besser?

Die Unterschiede sind viel kleiner, als viele Menschen denken. Wenn man viel zwischen den beiden Ländern unterwegs ist, sieht man, dass die Unterschiede immer kleiner werden.

Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl. Ich bin ja so gut wie in Deutschland aufgewachsen. Ich stamme aus der Grenzregion und so war ich als Kind vier- bis fünfmal pro Jahr in Deutschland. Es ist ein Teil meiner Kindheit, meiner Geschichte. Ich schreibe ja sehr viel über Deutschland und Tschechien. Mir bringt es immer auch etwas Abstand – ich finde es schön, in Deutschland über Tschechien nachzudenken. Da ärgert man sich viel weniger über die Politik hierzulande und sieht, wie lächerlich manches ist.

Der Film „Alois Nebel“ spielt auch in der deutsch-tschechische Grenzregion. Außerdem tritt das schwierige Thema Vertreibung auf. Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dieser Thematik befasst haben?

Es war sehr lange ein Tabuthema über die Deutschen in Tschechien zu sprechen. Und wenn darüber gesprochen wurde, dann wurde das alles sehr vereinfacht und alle Deutschen wurden als Nazis dargestellt. Erst nach der Wende konnte man freier mit diesem schweren Thema umgehen. Das hat mich und den Comic-Zeichner Jaromir 99 fasziniert. Wir kommen beide aus der Grenzregion. Und diese Geschichten sind einfach da – sie wurden zwar lange begraben, aber sie sind immer noch da. Ich finde, das Thema hat sehr großes dramatisches Potenzial, um darüber zu schreiben oder Filme zu drehen. Ich denke, es ist nun an der Zeit auch dieses Kapitel der Geschichte zu bearbeiten und sich irgendwie dazu zu stellen. In meinen Roman „Grandhotel“, der auch verfilmt wurde, habe ich dieses Thema schon etwas beleuchtet. Aber ich bin ja nicht der einzige, der sich damit beschäftigt, Radka Denemarková hat dies mit ihrem Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ getan oder nehmen Sie den Film „Habermannův mlýn“.

Ich persönlich finde, dass uns Tschechen die Deutschböhmen und auch die Juden fehlen – es ist eine gewisse mentale Leere entstanden. Diese ganze Kultur, die durch das Zusammenleben – das natürlich nicht immer friedlich war – aber auch durch die gegenseitige Konkurrenz enstanden ist, stellte eine gewisse Buntheit dar. Und diese Buntheit fehlt jetzt hier.

Wird man Alois Nebel auch in Deutschland sehen können?

 

Der Comic wird im nächsten Januar in Deutschland erscheinen. Und auch der Film kommt im nächsten Jahr in Deutschland in die Kinos. Der Film ist eine deutsch-tschechisch-slowakische Co-Produktion. Über die Grenze zu schreiten, ist nicht nur eine tschechische Geschichte sondern eine mitteleuropäische und ich hoffe, dass man diese Geschichte auch in Deutschland versteht. Ich hoffe, dass unser Film mitteleuropäisch funktionieren kann.


Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Aktuelle Artikel - Radio Prag

Zitat des Tages

Blaise Pascal
Blaise Pascal: „Es gibt zwei gefährliche Abwege: die Vernunft schlechthin abzulegen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen.“
von zitate-online.de

Unsere Kooperationspartner

 

tschechien-online

prag-aktuell

Man spricht Deutsch

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Verlag Host Brno

kidscompany

Wetter

x



Das LandesEcho wird gefördert durch:
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)         ministerstvo-kultury-mini

Zum Anfang

Copyright © 2014 Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Alle Rechte vorbehalten.