Vergangene Woche fand erneut ein Treffen des Debattierklubs der Fachschaft Germanistik und der Jugendorganisation der deutschen Minderheit JUKON statt. Mit Studierenden aus Lyon ging es diesmal um die Minderheitenfrage im Kontext der Globalisierung. Aber auch Notre-Dame durfte nicht fehlen.

Gemeinsam mit der Fachschaft Germanistik der Karls-Universität organisiert die JUKON (Jugend-Kontakt-Organisation) regelmäßige Debattiertreffen in Prag. Die Diskussionssprache ist deutsch, die Themen wechseln jedes Mal. Eine Besonderheit war das letzte Treffen, denn es gab internationalen Besuch: 16 Studierende des INSA (Nationales Institut Angewandter Wissenschaften) aus Lyon debattierten mit.

Das INSA ist eine internationale Hochschule für Ingenieurwissenschaften. Sie bietet die Option, Deutsch zu lernen. Neben der Sprache wird aber auch die deutschsprachige Kultur vermittelt. Damit hängt zusammen, dass die Studierenden jährlich an Exkursionen ins deutschsprachige Ausland teilnehmen dürfen. In ihren Germanistikseminaren haben die Studenten auch Franz Kafka gelesen. Es weckte ihr Interesse, dass ein tschechischer Autor auf deutsch schrieb, deshalb wurde die diesjährige Exkursion nach Prag organisiert.

Als Teil ihres einwöchigen Programms besuchten die Studenten gestern das Haus der Nationalen Minderheiten. Dort bekamen sie zunächst von Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, einen historische Überblick zu den deutschen Minderheiten in Tschechien. Unterstützt wurde er von Jonas Richter, der im Anschluss auch die Aufgaben der JUKON in Prag vorstellte, gefolgt von einer Selbstvorstellung der Fachschaft Germanistik.

Bild2 Jonas Richter Martin Dzingel Friederike Aschhoff web

Dann kam es zum eigentlichen Anlass des Treffens. Die Lyoner besuchten die Wanderausstellung „In zwei Welten“. Hier werden Angehörige deutscher Minderheiten in verschiedenen europäischen Ländern vorgestellt. Und dann begann das Debattieren. Zu zweit oder in kleinen Gruppen orientierten sich die Diskussionen an zwei Leitfragen: A) Fühlt sich jemand selbst als Teil einer Minderheit? Und mit welchen Gefühlen ist das verbunden?; B) Ist es gerade im Zeitalter der Globalisierung von Vorteil in zwei oder mehr Kulturen zuhause zu sein? Welche Vor- und Nachteile bringt dies?

Einige der Studenten verstehen sich selbst als Teil einer Minderheit in Frankreich, weil Verwandte von ihnen erst seit einer oder zwei Generationen in Frankreich leben. Sie kamen zum Beispiel aus Algerien oder Portugal. Manchmal nervt es sie aber auf ihre ausländischen Namen angesprochen zu werden. Zu weiten Teilen verstehen sie sich auch als Franzosen, werden aber wegen ihrer Namen in eine andere Ecke geschoben.

Einig waren sich aber alle, dass es helfen kann, sich selbst durch verschiedene Kulturen zu identifizieren. Dadurch könne man als Vermittler bei Problemen, auch im Alltag, helfen. Sie empfinden es auch als Freiheit, durch die Globalisierung die Gelegenheit zu haben mit vielen verschiedenen Kulturen in Kontakt zu kommen. „Kultur der Freiheit“ nennen sie diese Möglichkeit.

Wegen der jüngsten Ereignisse in Frankreich kamen die Studierenden nicht um den Brand von Notre-Dame herum. Emotional betroffen fühlten sich alle, obwohl sie sich weder mit der Kirche noch mit Paris allzu sehr verbunden fühlen. Benjamin Coelhogaspar beschreibt es folgendermaßen: „Es ist ein hunderte von Jahren altes Gebäude. Es ist Teil unseres alltäglichen Lebens, ein Stück unserer Geschichte und ein Symbol Frankreichs. Es ist wahrscheinlich so als würde der Big Ben in London abbrennen.“

Zum Abschluss des Tages erlebten die Franzosen schließlich noch etwas tschechische Kultur. Auf dem Ostermarkt am Platz Náměstí Míru konnten sie tschechisches Bier und andere kulinarischen Leckereien genießen.


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