Der Ärztemangel macht in den letzten Jahren vielen europäischen Ländern zu schaffen, auch Tschechien und Deutschland. In den beiden Nachbarländern gibt es überraschend ähnliche Gründe für den Missstand. Ein Patentrezept fehlt, die Suche nach Lösungen läuft aber beiderseits der Grenze auf Hochtouren.

Tschechien ist schon seit Jahren vom Ärztemangel geplagt. Mediziner fehlen in allen Regionen des Landes, allein in den Krankenhäusern handelte es sich im Februar 2019 republikweit laut der tschechischen Ärztekammer um zwei- bis dreitausend Ärzte. Doch nicht nur in den Kliniken besteht der Mangel, es fehlen auch Mediziner für Zahn-, Haus- und vor allem Kinderarztpraxen. Informationen des Tschechischen Rundfunks zufolge wird in den nächsten Jahren voraussichtlich ein Drittel dieser Praxen schließen müssen.

Als Ursachen des Ärztemangels werden zumeist die Ausbildungssituation der Mediziner, deren Überalterung sowie eine zunehmende Abwanderung der Fachkräfte ins Ausland genannt. Das Durchschnittsalter der in Tschechien praktizierenden Ärzte lag 2015 bei 55 Jahren, sagte der Präsident der tschechischen Ärztekammer, Milan Kubek, dem Interview-Magazin Investigate.cz und erklärte diesen Umstand zur „demografischen Katastrophe“.  

In den nächsten Jahren werden viele Mediziner in Rente gehen und es gibt nicht genügend Nachwuchs. Auch mittelfristig wird sich die Lage kaum bessern, denn die Zahl der Studienplätze ist aufgrund der zu geringen finanziellen Mittel stark eingeschränkt und das Lehrpersonal ist nicht ausreichend besetzt. Das wohl größte Problem stellt aber die Abwanderung der jungen Ärzte ins Ausland dar: Im Jahr 2015 hat laut Kubek rund ein Fünftel der Absolventen nach der Promotion das Land verlassen, die meisten von ihnen gehen aufgrund der höheren Löhne nach Großbritannien oder Deutschland.

Obwohl es bereits Lösungsansätze gibt, um die Herausforderung des Ärztemangels zu überwinden, erweist sich die endgültige Lösung des Problems als schwierig. Vor rund einem Jahr erklärte Premierminister Andrej Babiš in seiner Regierungserklärung, man werde in den nächsten Jahren rund 130 Millionen Kronen (umgerechnet etwa 5,2 Millionen Euro) jährlich zusätzlich bereitstellen, mit deren Hilfe die Anzahl der Studienplätze um 15 Prozent erweitert werden soll. Problematisch ist hierbei, dass der erwartete Ärztemangel bereits in den nächsten fünf Jahren auftreten wird, die Ausbildung eines Mediziners jedoch mindestens sechs Jahre in Anspruch nimmt. Erst langfristig wird dieser Ansatz also Wirkung zeigen können.

Vorerst verfährt man in Tschechien nicht anders als in Deutschland und stellt ausländische Mediziner, hauptsächlich aus der Slowakei sowie der Ukraine ein. Laut Auskunft der tschechischen Ärztekammer gegenüber dem Tschechischen Rundfunk arbeiteten hierzulande zuletzt 3200 ausländische Ärzte. Ungelöst bleibt damit jedoch das Problem der Abwanderung, denn selbst für viele ausländische Mediziner ist die Tschechische Republik lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg nach Deutschland oder Österreich. Dem kann wohl einzig durch attraktivere Arbeitsbedingungen sowie eine Angleichung der tschechischen Löhne an die im Ausland Abhilfe geschaffen werden.

Ärztemangel trotz Zuwanderung

Aber heißt das, dass es dank der tschechischen Ärzte in Deutschland keinen Ärztemangel gibt? Anfang des Jahres hat die Bundesärztekammer eine Statistik veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass es in der Bundesrepublik so viele praktizierende Ärzte gibt wie nie zuvor. Allerdings ist die Zahl von 2017 zu 2018 nur um 1,5 Prozent gestiegen und nur um 0,5 Prozent, wenn man die Ärzte herauslässt, die in Teilzeit arbeiten.

Aber die Zahl der zugewanderten Ärzte steigt stetig an. Bundesweit sind 392 400 Ärzte zugelassen, davon kommen mehr als 48 600 aus aller Welt. Allein von 2017 auf 2018 sind über 3300 ausländische Mediziner hinzugekommen. Das EU-Ausland stellt insgesamt 22 500 Mediziner in Deutschland, davon kommen 1000 aus Tschechien.

Trotz der steigenden Zahlen wird auch in Deutschland von einem Ärztemangel gesprochen. Einen Ost-West Unterschied gibt es laut der Bundesärztekammer dabei nicht. Wie auch in Tschechien gibt es einen größeren Mangel von Ärzten auf dem Land, aber nicht überall ist die Situation gleich schlecht. In Schleswig-Holstein gibt es zum Beispiel eine höhere Ärztedichte als in Bayern.

Auch Deutschland kämpft mit dem Problem der Überalterung. Das Durchschnittsalter von Allgemeinmedizinern liegt hier bei 55,5 Jahren. Nur langsam steigen auch die Zahlen der berufstätigen Ärzte unter 35. Das macht sich auch in der Bundesrepublik gerade in den Krankenhäusern bemerkbar. Der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, Ulrich Montgomery, forderte eine Personaluntergrenze in Krankenhäusern einzuführen. Nach seiner Aussage gegenüber der Rheinischen Post seien bundesweit 5000 Stellen in Krankenhäusern unbesetzt. Genau wie sein östlicher Nachbar will Deutschland das Problem mit Geld lösen. Ab 2020 sollen ausgewählte ländliche Krankenhäuser 400 000 Euro mehr bekommen.

Langfristig versucht die Politik, Pflegeberufe attraktiver zu machen. Ihnen hängt der Ruf an, viel und belastende Arbeit gegen geringes Gehalt leisten zu müssen. Gesundheitsminister Jens Spahn hat daher Anfang Juli vorgeschlagen, einen Mindestlohn für Pflegekräfte, auch in der Ausbildung einzuführen.

Ab 2020 wird auch das Verfahren für die Zulassung zum Medizinstudium geändert. Bisher hatte man kaum eine Chance, ohne eine herausragende Abiturnote in den Studiengang zu kommen. Das soll sich künftig ändern. Es sollen zudem Studenten bevorzugt werden, die sich nach dem Studium dazu verpflichten, einige Jahre auf dem Land zu arbeiten. Seit geraumer Zeit fordern Ärzte auch immer wieder, insgesamt mehr Studienplätze zu schaffen.

Doch bis diese Maßnahmen greifen, werden noch Jahre ins Land gehen. Und solange ist auch Deutschland auf das ausländische Personal angewiesen – das dann seinen Herkunftsländern fehlt.


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