Die Karlsuniversität Prag und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) feiern das 60-jährige Bestehen ihrer Zusammenarbeit. Seit 20 Jahren ist der DAAD in Prag auch physisch mit einem Informationspunkt vertreten. Unter dem Motto „Perspektiven gemeinsamer Forschungs- und Wissenschaftskooperation“ wurde am 10. September während einer Festveranstaltung in den historischen Räumlichkeiten des Karolinums ein Blick in die Geschichte der gemeinsamen Zusammenarbeit geworfen.

Die Karlsuniversität ist nicht nur die größte Universität Tschechiens, sondern auch die älteste Universität Mitteleuropas mit einer jahrhundertelangen Tradition des wissenschaftlichen Austausches. Seit ihrer Gründung im Jahr 1348 avancierte sie zu einer der führenden Universitäten weltweit und betreibt in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen Spitzenforschung.

Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst blickt auf eine fast 100-jährige Geschichte zurück. 1925 als studentische Verbindung gegründet, hat er 1950 schließlich wieder seine Arbeit aufgenommen und trägt seitdem zur Förderung des internationalen akademischen Austauschs und zur Vermittlung der deutschen Kultur-und Bildungspolitik bei. In mehr als 60 Ländern unterstützt er Studierende, Hochschullehrer, Wissenschaftler und Künstler mit einem vielfältigen Stipendien- und Austauschprogramm.

Die Kollaboration ermöglicht seit nun 60 Jahren den studentischen und akademischen Austausch zwischen der Karlsuniversität und deutschen Hochschulen und hat den Aufenthalt von mehr als 25.000 Tschechen in Deutschland, sowie mehr als 10.000 Deutschen in Tschechien gefördert.

Gemeinsame Geschichte

Die Feierlichkeiten eröffnete Tomáš Zima, der Rektor der Karlsuniversität, der in seiner Rede die lange gemeinsame Geschichte und Zusammenarbeit in Forsche und Lehre lobte, die sich in mehr als 30 interuniversitären Verträgen manifestiert. Die Corona-Pandemie und damit verbundene Beschränkungen stellte auch den Hochschulbetrieb in diesem Jahr vor besondere Herausforderungen. „Trotzdem besteht weiterhin eine rege Zusammenarbeit durch Videokonferenzen. Ein Bild auf dem Bildschirm kann allerdings nicht dauerhaft soziale Begegnungen ersetzen“, bemerkte Zima.

Auch die Deutsche Botschaft in Prag pflegt eine enge Zusammenarbeit mit dem DAAD, deren Arbeit im Ausland durch das Auswärtige Amt gefördert wird. Der stellvertretende deutsche Botschafter Hans-Peter Hinrichsen beschrieb die Arbeit des DAAD in seiner Ansprache als „integralen Bestandteil der deutschen Kulturpolitik“ und verwies auf die Wichtigkeit grenzüberschreitender Forschung und Wissenschaftskooperation in einer Zeit in der Weltoffenheit und internationaler Austausch mancherorts in Frage gestellt würden.

Die gemeinsame Projektarbeit und interkulturelle Erfahrungen vernetzen seiner Meinung nach nicht nur Menschen und Institutionen, sondern schaffen ein nachhaltiges Vertrauensverhältnis, das die Grundvoraussetzung für eine gute nachbarschaftliche Beziehung darstelle. „Das Jubiläum ist ein sichtbares Zeichen für die gewachsenen Beziehungen zwischen Tschechien und Deutschland, die vielen als so gut gelten wie noch nie“, führte er weiter aus.

Die geographische Nachbarschaft der beiden Länder ist einer der Gründe für den hohen Kooperationsgrad der Zusammenarbeit. Daneben spielt die Verbreitung der deutschen Sprache in der Tschechischen Republik eine große Rolle in der Beziehung der beiden Länder. Zeugnis davon ist auch der seit 25 Jahren bestehende deutschsprachige Studiengang „Deutsch-Österreichische Studien“ an der Karlsuniversität.

Geladen waren Vertreter deutscher und tschechischer Institutionen, Studierende, junge Wissenschaftler, sowie ehemalige und gegenwärtige Stipendiaten. Foto: Lara Kauffmann

Geladen waren Vertreter deutscher und tschechischer Institutionen, Studierende, junge Wissenschaftler, sowie ehemalige und gegenwärtige Stipendiaten. Foto: Lara Kauffmann

Kooperation trotz Teilung

„Der DAAD nimmt für sich in Anspruch, schon recht früh die deutsch-tschechischen, beziehungsweise deutsch-tschechoslowakischen akademischen Beziehungen mitgestaltet zu haben, durch den Austausch künftiger Fachkräfte und Führungskräfte und durch Kooperation der Hochschulen“, so der Leiter der Außenstelle des DAAD in Warschau, Martin Krispin. Unter dem Motto „Wandel durch Austausch“ war der DAAD vor mehr als 50 Jahren in der Zeit des Kalten Krieges bemüht, die akademischen Beziehungen zu Tschechien wieder aufzunehmen und den Austausch von Wissenschaftlern und Studierenden durch seine Stipendien zu fördern. Die damals Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften setzte ein Zeichen und unterschrieb als erste wissenschaftliche Institution des sozialistischen Ostblocks eine Vereinbarung über die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem DAAD. Das machte Tschechien in Zeiten der Abschottung durch den Eisernen Vorhang zu einer der wichtigsten Partner in Mittel-und Osteuropa.

Jindřich Fryč, Staatssekretär des Bildungsministeriums der Tschechischen Republik, erinnerte an einen weiteren Meilenstein in der gemeinsamen Geschichte der beiden Institutionen: Die Erklärung des „Deutsch-Tschechischen Strategischen Dialogs“, die im Jahr 2015 von den Außenministern beider Länder unterzeichnet wurde und Forschung und Entwicklung als einen zentralen Arbeitsbereich beinhaltet. Dieser Dialog sei auch während der Corona-Pandemie nicht unterbrochen worden, sagte der Staatssekretär und bedankte sich für die gute Zusammenarbeit mit dem Informationspunkt, der ein wichtiges Instrument in der Beratung der Studierenden hier in Prag darstellt.

Erinnerung an Jan Křen

Zum Abschluss des offiziellen Teils der Festveranstaltung erinnerte der an der Karlsuniversität tätige Historiker Prof. Jiří Pešek an den tschechischen Historiker Jan Křen, der im April dieses Jahres verstarb und in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hätte. Der 1930 in Prag geborene Jan Křen studierte nicht nur selbst Geschichte an der Karlsuniversität, sondern lehrte hier später auch. Seine Auseinandersetzung galt im Besonderen den deutsch-tschechischen Beziehungen. Mit Werken wie „Konfliktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780-1918" setzte er sich wissenschaftlich mit der Beziehung der beiden Nachbarländer auseinander und regte bereits in den 1960er Jahren eine öffentliche Debatte über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei an. Seine Verdienste um die deutsch-tschechischen Beziehungen wurden mit einer der höchsten Auszeichnungen des deutschen Staates, dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ausgezeichnet.

Durch den Abend führte Barbora Boušová vom DAAD in Prag. Für die musikalische Abrundung sorgte ein Streicherduo, bestehend aus Alena Šístková und Anna Sommerová.