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Das Gesetz der Straße

Sie gehören zum Prager Stadtbild wie Straßenbahnen und Spielotheken: Obdachlose. Dieses Jahr sind es so viele wie schon lange nicht mehr.

 

 

Nur ungern spricht Tomáš über die Zeit, bevor er auf die Straße kam: „Das ist schon lange her, über vier Jahre“, sagt der 32-jährige. Sein Blick wandert gen Boden. Damals hatte er eine Wohnung und einen festen Job in einer Fabrik. „Dann habe ich irgendwie angefangen, Dummheiten zu machen. Alkohol, Frauengeschichten“, flüstert Tomáš.

 

Inzwischen ist sein Zuhause ein leer stehendes Gebäude im Prager Stadtteil Holešovice. Die Fenster sind zerbrochen, auf dem Boden liegen Decken, Kissen und Kleidung. Seit drei Jahren wohnt er schon in dem verlassenen Wohnhaus, zusammen mit seiner Freundin und einigen weiteren Wohnsitzlosen. Elektrizität gibt es nicht, von einer Heizung ganz zu schweigen. Aber Tomáš gibt sich genügsam: „Hier lässt es sich ganz gut leben. Wir haben unsere Privatsphäre, Sauberkeit, Ordnung und ein schönes Zusammenleben“, sagt er zufrieden. Wenn er lächelt, blitzen seine Augen freudig unter dem kurzen, schwarzen Haarschopf. „Im Winter ist es natürlich schwieriger. Aber irgendeine Arbeit findet sich immer“, meint Tomáš.

 

So hilft er zum Beispiel mit beim Schneeräumen. Schwarz natürlich. Wenn dann die Polizei kommt, weiß sie oft nicht, was sie mit ihm anfangen soll. „Die sagen dann oft ‚Das ist immer noch besser, als wenn du klauen würdest‘ und drücken ein Auge zu“, freut sich Tomáš.

 

In seinen ganzen Jahren als Obdachloser hat Tomáš auch das Gesetz der Straße kennengelernt. Nicht „Der Stärkere gewinnt“ oder „Trau, schau wem“ lautet es, sondern: „Man betrügt sich nicht gegenseitig“. Soziale Ächtung triff t jeden, der einen anderen Obdachlosen bestiehlt. „Das spricht sich nämlich sofort rum“, weiß Tomáš. Kein Wunder, das Leben der Obdachlosen ist auch so hart genug. Man hilft sich gegenseitig und verlässt sich auf die Solidarität der Straße. „Ich kann sagen, dass ich die besten Freunde auf der Straße kennengelernt habe.“ Auch seine Freundin hat er dort getroffen. Die muss im Moment für beide arbeiten. Tomáš hat sich sein Bein gebrochen und kann sich nur auf zwei Krücken fortbewegen. Trotzdem klingt er ganz aufrichtig, wenn er von den Vorzügen seiner Lebensform berichtet: „Um die Ecke steht ein Gebäude der Heilsarmee. Dort können wir uns waschen und Essen kaufen, für 25 Kronen.“

 

Vesper vor der Kirche

 

Jeden Montag hat Tomáš etwas Besonderes vor: Mit der Straßenbahn fährt er dann ins Stadtzentrum, auf die Straße Na Přikopě (Am Graben), die den Platz der Republik mit dem Wenzelsplatz verbindet. Dort verteilt die „Komunità Sant’Egidio“, eine katholische Laienorganisation, einmal pro Woche eine Brotzeit. Jeder kann kommen und sich ein belegtes Brot, Tee und andere Lebensmittel abholen. Das Abendessen bereiten die ehrenamtlichen Mitglieder zuvor in der Sakristei der nahegelegenen Kirche des Heiligen Kreuzes (Kostel sv. Kříže) vor. An die 20 Menschen sitzen dann um die zwei Tische in der Mitte des kleinen Raumes, plaudern, lachen und schmieren Brote. Die Zutaten dafür bezahlen sie aus ihrer eigenen Tasche. Jede Woche sind das 18 Brotlaibe, hinzu kommen die Kosten für den Belag und den Tee.

 

Die freiwilligen Street- Worker kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, aus der Wirtschaft zum Beispiel oder dem IT-Bereich. Über die Hälfte sind Männer. Das Gefühl, Gutes zu tun, ist für sie aber nur ein Antrieb. Viele freuen sich einfach jede Woche auf das gesellige Beisammensein mit netten Leuten. Lubomír Juriga koordiniert die Truppe und verteilt Aufgaben: „Bei uns gibt es keine Vorsitzenden und keine Hierarchie. Jeder hilft einfach mit, so gut er kann“, erklärt er bestimmt, aber bescheiden.

 

In der hinteren Ecke des Zimmers sitzen Janka und Petra und belegen Brotscheiben mit Wurst und Käse. Janka ist Anfang 30 und kommt aus der Slowakei. Sie hat in Deutschland und England gelebt, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, und danach einige Jahre in Prag als Gymnasiallehrerin gearbeitet. Das hat sie aber nicht erfüllt. Viel lieber würde sie Vollzeit im sozialen Bereich arbeiten. „Die Obdachlosen sind die Ärmsten der Armen, niemand mag sie, niemand kümmert sich um sie. Sie haben die Hilfe am nötigsten“, sagt Janka. „Viele Menschen glauben, dass die Leute selbst dafür verantwortlich sind, wenn sie auf der Straße leben. Aber das stimmt einfach nicht“, empört sich die Slowakin. Schon seit zwei Jahren geht sie regelmäßig mit Sant’Egidio auf die Straße und hat schon die ein oder andere haarsträubende Geschichte gehört. „Da war ein Mann, der hatte sogar ein Haus. Durch die Scheidung von seiner Frau ist er um alles gebracht worden. Da kann man doch nicht einfach sagen, der sei an seinem Schicksal selbst schuld“, entrüstet sich Janka.

 

Petra, die gerade das letzte Brot belegt hat, pflichtet ihr bei. „Zu unserem Abendessen kommen Menschen, denen man es keinesfalls ansieht, dass sie obdachlos sind. Sie schämen sich dafür, wollen es verstecken. Und wenn sie ihre letzten Kronen dafür ausgeben, sich in öffentlichen Einrichtungen zu waschen, dann reicht es fürs Essen oft nicht mehr.“ Petra ist so alt wie Janka und erst zum zweiten Mal dabei. Auch sie ist im sozialen Sektor tätig, momentan als Bürokraft. Zuvor hat sie jahrelang als Streetworkerin mit Jugendlichen gearbeitet. „Der direkte Draht zu den Menschen fehlt mir bei meiner jetzigen Arbeit“, bedauert sie. „Deshalb bin ich froh, dass ich hier dabei sein darf.“

 

Um halb acht verlagert sich die Gruppe von der Sakristei in den Kirchenraum. Hier wird für die Armen gebetet, bevor die Vespertüten hinaus auf die Straße getragen werden. In den hinteren Reihen sitzen auch einige Obdachlose. „Aber wir betreiben keine Mission“, sagt Lubomír schnell und erklärt: „Wer in die Kirche kommen möchte, darf das natürlich gerne, aber unser Angebot richtet sich an alle, die es brauchen, unabhängig von der Religion.“ Die Mitglieder von Sant’Egidio versuchen, den Begriff „Nächstenliebe“ wörtlich auszulegen: Für sie ist es wichtig, sich um Bedürftige zu kümmern und neben den materiellen Gütern auch Aufmerksamkeit und Zuneigung zu verteilen.

 

Traum vom neuen Leben

 

Punkt acht Uhr strömen die Mitglieder von Sant’Egidio auf die Straße, wo sich schon eine lange Schlange Obdachloser gebildet hat. Auch Tomáš steht an. „Möchtest du nicht noch einen Becher Tee, Tomáš? Wir haben diesmal wirklich mehr als genug gemacht“, fragt Petra. Tomáš nickt und stützt sich auf seine Krücken. „Die Leute von Sant’Egidio sind toll, ich kenne sie, seit ich auf der Straße lebe“, sagt Tomáš. Besonders dankbar ist er dafür, dass die Street-Worker immer ein offenes Ohr für ihn haben, egal, wie niederschmetternd seine Geschichten sind.

 

Vor einigen Wochen fand die Polizei Tomáš im Morgengrauen mit einem gebrochenen Oberschenkel und 4 Promille Alkohol im Blut. Er ist sein größter Feind, wie es scheint. Nicht die Kälte, nicht der Hunger. Im Krankenhaus wurde Tomáš operiert. Doch da ihn Halluzinationen plagten, wurde er nach der Operation in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. „In meinen Wahnvorstellungen schrie meine Freundin mich an, ich wurde überfallen und ausgeraubt. Einmal habe ich vor lauter Angst mit meinem Kopf ein Klinikfenster eingeschlagen.“

 

Eine solche seelische und körperliche Tortur will Tomáš nicht noch einmal erleben. Seit er aus der Klinik entlassen wurde, trinkt er nur noch in Maßen. „Aber ich weiß, dass ich von meiner Alkoholsucht nie loskommen werde. Nicht auf der Straße“, sagt Tomáš. Aber damit, gibt er zu, während er an seinem heißen Tee nippt, habe er sich schon längst abgefunden.

 

Vor der Kirche des heiligen Kreuzes, löst sich die Menschentraube langsam auf. Der Tee ist doch noch leer geworden und Petra und Janka verabschieden Tomáš und ihre anderen Freunde herzlich. „Es tut weh, wenn man merkt, dass man ihnen eigentlich nicht helfen kann“, seufzt Janka. Sie kennt die Statistik: Vereinzelt schaffen manche den Sprung von der Straße in ein bürgerliches Leben mit Beruf und festem Wohnsitz. Aber das bleiben Ausnahmefälle. Auch Tomáš macht sich wieder auf den Weg in sein provisorisches Heim in Holešovice. Auf dem Weg dorthin, gibt er sich seinem großen Traum hin: „Ich mag Prag. Aber noch lieber würde ich raus aufs Land mit meiner Freundin. Und dort ein neues Leben anfangen.“

 

Die Autorin ist LZ-Praktikantin.

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