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Tradition wahren, Zukunft formen

 

"Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind heute so gut wie noch nie“ – Fakt, Fiktion oder Floskel? Darüber wurde auf der Konferenz, zu der die Landesversammlung Anfang Oktober lud, heiß diskutiert.

 

Die Mauern des Czernin Palais könnten viel erzählen: Einst österreichischböhmische Kaserne, diente es ab 1928 als Außenministerium der Tschechoslowakei, während der Nazi-Okkupation übte hier Reinhard Heydrich seine Terror-Herrschaft aus und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es im März 1948 Schauplatz des dritten Prager Fenstersturzes, dem der nichtkommunistische Außenminister Jan Masaryk zum Opfer fiel. Heute befindet sich im Czernin Palais  das Außenministerium der Tschechischen Republik. Ein geschichtsträchtiger Ort, der die Ereignisse und Wirren des vergangenen Jahrhunderts widerspiegelt.

 

Der geeignete Ort also, um über die Vergangenheit, die Gegenwart und vor allem die Zukunft der deutschen Minderheit in Tschechien zu diskutieren. Unter dem Motto „20 Jahre seit den Unterzeichnungen“ hatte die Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (LV) zu einer themenreichen Konferenz geladen. Vor 20 Jahren wurde der deutsch-tschechoslowakische Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Der Vertrag markiert gleichzeitig   die Geburtsstunde der LV und  vieler ihrer Verbände.

 

Zum 20. Geburtstag der LV und des deutsch-tschechoslowakischen Vertrages galt es, Bilanz zu ziehen, zu evaluieren und vor allem neue Grundsteine zu legen, wie LV-Präsident Martin Dzingel in seiner Eröffnungsrede betonte. Jaromír Plíšek, Generalsekretär des tschechischen Außenministeriums, bezeichnete in seinem Grußwort die deutsche Minderheit in Tschechien als festen Bestandteil der tschechischen Gesellschaft. „Die guten deutsch-tschechischen Beziehungen sind auch das Verdienst unserer Minderheit“, unterstrich Plíšek. Der Parlamentarische Staatssekretär des deutschen Bundesministeriums des Inneren, Christoph Bergner, stellte die Rolle der meist bilingualen Mitglieder der Minderheit in einem Europa der Mehrsprachigkeit heraus und lobte die jüngeren Entwicklungen in der LV, die in die Zukunft wiesen.

 

Der deutsche Botschafter in Prag, Detlef Lingemann, akzentuierte in seinem Grußwort die Brückenfunktion der deutschen Minderheit in den nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien. „Durch ihr enges Netzwerk aus Begegnungszentren und die dort angebotenen Deutschkurse ist die deutsche Minderheit ein wichtiger Mittler zwischen den Nachbarländern“, so  Lingemann. Der österreichische Botschafter Ferdinand Trauttmansdorff äußerte in seiner Rede Bedauern darüber, dass es einen vergleichbaren Vertrag wie die deutsch-tschechische Erklärung zwischen Österreich und Tschechien noch nicht gebe.

 

 Klare Worte

Der Historiker und Dozent an der Prager Karlsuniversität Matěj Spurný sprach in seinem Vortrag über die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern und beleuchtete die deutsch-tschechischen Beziehungen aus historischer Perspektive. Im Anschluss referierte der ehemalige Präsident der LV, Walter Piverka, aus Sicht der deutschen Minderheit über die Ereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Gründung der LV sowie der gemeinnützigen Organisationen in Trägerschaft der LV, die in die Zeit nach der Wende fällt.

 

Im Anschluss an die beiden Vorträge, die die Teilnehmer der Konferenz mit den nötigen Hintergrundinformationen ausstatteten, ging es im ersten Diskussionsforum darum, Bilanz aus den vergangenen 20 Jahren LV-Arbeit zu ziehen und gleichzeitig die in der deutsch-tschechischen Erklärung festgelegten Punkte kritisch auf ihre  Umsetzung zu prüfen.

 

Milan Horáček, Mitbegründer der Partei „Die Grünen“, der 1968 nach Deutschland ins Exil ging, provozierte gleich zu Beginn mit einer These: „Wir haben heute nicht die besten deutsch-tschechischen Beziehungen, wie immer behauptet wird. Das ist bloß eine schöne Floskel. Geschichtlich betrachtet gab es schon bessere“, so der ehemalige  Europaparlamentsabgeordnete. Erwin Scholz, der erste Präsident der Landesversammlung, betonte, dass es durch den Nazi-Terror verständlicherweise ein Trauma auf tschechischer Seite gegeben habe. „Ich denke aber, durch die Deklaration 1992 konnten viele Ressentiments auf beiden Seiten behoben werden“, stellte Scholz fest.

 

 Horst Löffler, der mehrere Jahre im Bundesverband der Sudetendeutschen Landsmannschaft aktiv war, und Richard Neugebauer, LV-Präsidiumsmitglied und Geschäftsführer des Bildungs- und Sozialwerks (BUSOW), warfen einen Blick in die Zukunft und formulierten notwendige Maßnahmen für eine erfolgreiche Minderheitenarbeit. Löffler sieht Handlungsbedarf bei der Förderung der Begegnungszentren. Er kritisierte die Entscheidung des deutschen Bundestages, die nach 1998 in Tschechien entstandenen Zentren nicht mehr zu unterstützen.

 

Richard Neugebauer plädierte für den Ausbau der Infrastruktur auf tschechischer Seite: „Es gibt viel zu tun, aber die nötige Infrastruktur fehlt. BUSOW zum Beispiel untersucht gerade die Qualität des Deutschunterrichts an Schulen im östlichen Teil der Tschechischen Republik und will nach der Analyse entsprechende Handlungsempfehlungen geben. Aber wir arbeiten allesamt ehrenamtlich und gehen einer Vollzeitbeschäftigung nach. Wir bräuchten mindestens eine bezahlte Kraft, einen Beamten von tschechischer Seite etwa, der uns unterstützt“, konkretisierte Neugebauer sein Anliegen.

 

 Nachwuchs gesucht

Moderator Peter Brod formulierte zugespitzt das größte Problem, dem sich die deutsche Minderheit in Tschechien heute gegenübersieht: das Problem des fehlenden Nachwuchses. Die Debattanten machten deutlich, dass sie sich bereits mit dieser Problematik auseinandergesetzt haben und an Lösungsvorschlägen arbeiten. Horst Löffler sieht dabei die Regionalverbände in der Verantwortung: „Es muss ein aktives Programm in den  Begegnungszentren geben. Dafür sind sie da und das ist unsere einzige Hoffnung. Wenn man sich nur auf Kaffeekränzchen beschränkt, haben wir keine Chance“, bemerkte Löffler.

 

LV-Vizepräsident Richard Neugebauer sieht die Chance der Minderheit nicht in einem Blick zurück, sondern nach vorne: „Die historische Aufarbeitung der Vergangenheit sollten wir den deutschen und tschechischen Historikern überlassen, wir sollten uns in unserer Arbeit auf die Zukunft konzentrieren“, so Richard Neugebauer.

 

Die zweite Podiumsdiskussion der Konferenz beschäftigte sich dann auch folgerichtig mit den Aussichten für die Zukunft. Moderator Christian Rühmkorf bat die Diskutanten um eine Einschätzung der deutsch-tschechischen Beziehungen in den nächsten 20 Jahren. Die Visionen oszillierten zwischen einem Europäischen Superstaat mit einer gemeinsamen Außenvertretung, den der Schriftsteller Jaroslav Rudiš erwartet, und der Befürchtung, dass sich nichts ändert, weil es für tiefgreifende gesellschaftliche Wandlungen eine zu kurze Zeit sei, wie die Autorin Radka Denemarková feststellte. Ihrer Meinung nach sei es eine zu geringe Zeitspanne, um die Vorurteile und Vorbehalte in den Köpfen der Menschen abzubauen.

 

Jan Lontschar, Leiter des tschechischen Büros von Tandem – Koordinierungszentrum deutsch-tschechischer Jugendaustausch in Pilsen, sagte, man müsse bei der Jugend ansetzen. „Man muss Erfahrungen im jungen Alter sammeln. Durch persönliche Begegnungen lassen sich  Vorbehalte am leichtesten abbauen“, betonte Lontschar. Dem schloss sich Jaroslav Rudiš an: „Ich habe Freunde, die schon in den Neunzigern mit 14 Jahren nach Prag kamen und in der hiesigen Graffiti-Szene unterwegs waren. Aus solchen Begegnungen wurden Freundschaften, die bis heute halten“, unterstrich Rudiš.

 

Moderator Rühmkorf thematisierte die Identität der deutschen Minderheit und fragte Richard Šulko, der sich seit 20 Jahren für die Minderheit engagiert,  nach seinem Leben „in zwei Welten“. Der Vorsitzende der Deutschen im Egerland, der sich um die Erhaltung der Egerländer Mundart und Musiktraditionen bemüht, habe beide Welten harmonisch vereint, wie er sagte. „Disko und Tracht schließen sich nicht aus“, sagte Richard Šulko. „Mir ist es wichtig, das reiche deutschsprachige Kulturgut aus den böhmischen Ländern, meiner Heimat, zu vermitteln.“

 

Für Radka Denemarková, die in ihrem Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ das Thema der Vertreibung literarisch bearbeitete, liegt ihre Heimat in der Muttersprache. „Ich halte nicht viel von Etikettierungen nach Nationalität“, sagte Denemarková. Auch die Bezeichnung „Minderheit“ gefalle ihr nicht besonders, sagte sie. Darauf nahm Moderator Rühmkorf Bezug: „Ich formuliere es einmal so: Der Begriff ,deutsche Minderheit‘ hat keine hohe Anziehungskraft für die Jugendlichen und die Tausenden Deutschen, die in den letzten Jahren nach Tschechien gekommen sind“, sagte Rühmkorf. Richard Šulko sieht in den zugezogenen Deutschen ein großes Potential für die deutsche Minderheit, schließlich spreche man die gleiche Sprache. „Das ist eine riesige Chance für uns alle. Wir müssen da einfach etwas in Sachen Imagewechsel tun“, schloss Šulko.

 

Stimme der Minderheit

 Um die Identität der Minderheit, ihre Selbst- sowie Fremdwahrnehmung ging es in dem Projekt „Der Minderheit eine Stimme geben“, das Karolina Fuhrmann, ifa-Kulturmanagerin bei der deutschen Minderheit im polnischen Oppeln, vorstellte. In dem vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Polen bereits erfolgreich durchgeführten Planspiel sollen generationenübergreifend und spielerisch Diskussionsfähigkeit, Empathie und Meinungsäußerung eingeübt werden. Das Projekt soll im nächsten Jahr auch in der Tschechischen Republik durchgeführt werden.

 

Zum Abschluss der Konferenz verlas LV-Präsident Martin Dzingel die Willenserklärung des Präsidiums der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, in dem sie ihre Aufgaben und Ziele für die nahe Zukunft konkret formuliert. „Wir wollen uns bemühen, unser Kulturgut mit seinen regionalen Besonderheiten, in den Traditionen der multiethnischen böhmischen Länder und in den Perspektiven eines vereinigten Europas nicht nur zu bewahren, sondern gemeinsam intensiv zu pflegen und weiterzuentwickeln“, so Martin Dzingel.

 

Im Anschluss an einen themen- und diskussionsreichen Tag, an dem auch kritische Töne angeschlagen wurden, begrüßte der Hausherr des Czernin Palais die Konferenzteilnehmer bei einem festlichen Büff et. Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, der gleichzeitig dem Rat der Minderheiten vorsteht, führte Gespräche mit den Vertretern der deutschen Minderheit und alten Weggefährten wie Alt-Präsident Walter Piverka und Ex-Botschafter František Černý. Den Ausklang des Tages bildete ein deutsch-tschechisches Konzert des „Orchesters Bandini“ im Prager JazzDock, bei dem am Abend ausgelassene Stimmung herrschte. Mehr zum Thema finden Sie auf S. 4 im Forum.

 

Beziehungen sind heute so gut
wie noch nie“ – Fakt, Fiktion
oder Floskel? Darüber wurde
auf der Konferenz, zu der die
Landesversammlung Anfang
Oktober lud, heiß diskutiert.
Die Mauern des Czernin Palais könnten
viel erzählen: Einst österreichischböhmische
Kaserne, diente es ab 1928
als Außenministerium der Tschechoslowakei,
während der Nazi-Okkupation
übte hier Reinhard Heydrich seine
Terror-Herrschaft aus und nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde es im März 1948 Schauplatz
des dritten Prager Fenstersturzes, dem der
nichtkommunistische Außenminister Jan Masaryk
zum Opfer fi el. Heute befi ndet sich im Czernin Palais
das Außenministerium der Tschechischen Republik.
Ein geschichtsträchtiger Ort, der die Ereignisse und
Wirren des vergangenen Jahrhunderts widerspiegelt.
Der geeignete Ort also, um über die Vergangenheit,
die Gegenwart und vor allem die Zukunft der
deutschen Minderheit in Tschechien zu diskutieren.
Unter dem Motto „20 Jahre seit den Unterzeichnungen“
hatte die Landesversammlung der Deutschen
in Böhmen, Mähren und Schlesien (LV) zu einer themenreichen
Konferenz geladen. Vor 20 Jahren wurde
der deutsch-tschechoslowakische Nachbarschaftsund
Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Der Vertrag
markiert gleichzeitig die Geburtsstunde der LV und
vieler ihrer Verbände.
Zum 20. Geburtstag der LV und des deutsch-tschechoslowakischen
Vertrages galt es, Bilanz zu ziehen,
zu evaluieren und vor allem neue Grundsteine zu legen,
wie LV-Präsident Martin Dzingel in seiner Eröff -
nungsrede betonte.
Jaromír Plíšek, Generalsekretär des tschechischen
Außenministeriums, bezeichnete in seinem Grußwort
die deutsche Minderheit in Tschechien als
festen Bestandteil der tschechischen Gesellschaft.
„Die guten deutsch-tschechischen Beziehungen
sind auch das Verdienst unserer Minderheit“, unterstrich
Plíšek. Der Parlamentarische Staatssekretär
des deutschen Bundesministeriums des Inneren,
Christoph Bergner, stellte die Rolle der meist bilingualen
Mitglieder der Minderheit in einem Europa
der Mehrsprachigkeit heraus und lobte die jüngeren
Entwicklungen in der LV, die in die Zukunft wiesen.
Der deutsche Botschafter in Prag, Detlef Lingemann,
akzentuierte in seinem Grußwort die Brückenfunktion
der deutschen Minderheit in den nachbarschaftlichen
Beziehungen zwischen Deutschland
und Tschechien. „Durch ihr enges Netzwerk aus
Begegnungszentren und die dort angebotenen
Deutschkurse ist die deutsche Minderheit ein wichtiger
Mittler zwischen den Nachbarländern“, so Lingemann.
Der österreichische Botschafter Ferdinand
Trauttmansdorff äußerte in seiner Rede Bedauern
darüber, dass es einen vergleichbaren Vertrag wie
die deutsch-tschechische Erklärung zwischen Österreich
und Tschechien noch nicht gebe.
Klare Worte
Der Historiker und Dozent an der Prager Karlsuniversität
Matěj Spurný sprach in seinem Vortrag über
die Geschichte der Deutschen in den böhmischen
Ländern und beleuchtete die deutsch-tschechischen
Beziehungen aus historischer Perspektive. Im Anschluss
referierte der ehemalige Präsident der LV,
Walter Piverka, aus Sicht der deutschen Minderheit
über die Ereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
und die Gründung der LV sowie der gemeinnützigen
Organisationen in Trägerschaft der LV,
die in die Zeit nach der Wende fällt.
Im Anschluss an die beiden Vorträge, die die Teilnehmer
der Konferenz mit den nötigen Hintergrundinformationen
ausstatteten, ging es im ersten
Diskussionsforum darum, Bilanz aus den vergangenen
20 Jahren LV-Arbeit zu ziehen und gleichzeitig
die in der deutsch-tschechischen Erklärung festgelegten
Punkte kritisch auf ihre Umsetzung zu prüfen.
Milan Horáček, Mitbegründer der Partei „Die Grünen“,
der 1968 nach Deutschland ins Exil ging, provozierte
gleich zu Beginn mit einer Th ese: „Wir haben
heute nicht die besten deutsch-tschechischen
Beziehungen, wie immer behauptet wird. Das ist
bloß eine schöne Floskel. Geschichtlich betrachtet
gab es schon bessere“, so der ehemalige Europaparlamentsabgeordnete.
Erwin Scholz, der erste Präsident
der Landesversammlung, betonte, dass es durch
den Nazi-Terror verständlicherweise ein Trauma auf
tschechischer Seite gegeben habe. „Ich denke aber,
durch die Deklaration 1992 konnten viele Ressentiments
auf beiden Seiten behoben werden“, stellte
Scholz fest.
Horst Löffl er, der mehrere Jahre im Bundesverband
der Sudetendeutschen Landsmannschaft aktiv war,
und Richard Neugebauer, LV-Präsidiumsmitglied
und Geschäftsführer des Bildungs- und Sozialwerks
(BUSOW), warfen einen Blick in die Zukunft und
formulierten notwendige Maßnahmen für eine erfolgreiche
Minderheitenarbeit. Löffl er sieht Handlungsbedarf
bei der Förderung der Begegnungszentren.
Er kritisierte die Entscheidung des deutschen
Bundestages, die nach 1998 in Tschechien entstandenen
Zentren nicht mehr zu unterstützen.
Richard Neugebauer plädierte für den Ausbau der
Infrastruktur auf tschechischer Seite: „Es gibt viel zu
tun, aber die nötige Infrastruktur fehlt. BUSOW zum
Beispiel untersucht gerade die Qualität des Deutschunterrichts
an Schulen im östlichen Teil der Tschechischen
Republik und will nach der Analyse entsprechende
Handlungsempfehlungen geben. Aber
wir arbeiten allesamt ehrenamtlich und gehen einer
Vollzeitbeschäftigung nach. Wir bräuchten mindestens
eine bezahlte Kraft, einen Beamten von tschechischer
Seite etwa, der uns unterstützt“, konkretisierte
Neugebauer sein Anliegen.
Nachwuchs gesucht
Moderator Peter Brod formulierte zugespitzt das
größte Problem, dem sich die deutsche Minderheit
in Tschechien heute gegenübersieht: das Problem
des fehlenden Nachwuchses. Die Debattanten
machten deutlich, dass sie sich bereits mit dieser
Problematik auseinandergesetzt haben und an Lösungsvorschlägen
arbeiten. Horst Löffl er sieht dabei
die Regionalverbände in der Verantwortung: „Es
muss ein aktives Programm in den Begegnungszenten
geben. Dafür sind sie da und das ist unsere
einzige Hoff nung. Wenn man sich nur auf Kaff eekränzchen
beschränkt, haben wir keine Chance“,
bemerkte Löffl er.
LV-Vizepräsident Richard Neugebauer sieht die
Chance der Minderheit nicht in einem Blick zurück,
sondern nach vorne: „Die historische Aufarbeitung
der Vergangenheit sollten wir den deutschen und
tschechischen Historikern überlassen, wir sollten
uns in unserer Arbeit auf die Zukunft konzentrieren“,
so Richard Neugebauer.
Die zweite Podiumsdiskussion der Konferenz beschäftigte
sich dann auch folgerichtig mit den Aussichten
für die Zukunft. Moderator Christian Rühmkorf
bat die Diskutanten um eine Einschätzung der
deutsch-tschechischen Beziehungen in den nächsten
20 Jahren. Die Visionen oszillierten zwischen
einem Europäischen Superstaat mit einer gemeinsamen
Außenvertretung, den der Schriftsteller Jaroslav
Rudiš erwartet, und der Befürchtung, dass sich
nichts ändert, weil es für tiefgreifende gesellschaftliche
Wandlungen eine zu kurze Zeit sei, wie die Autorin
Radka Denemarková feststellte.
Ihrer Meinung nach sei es eine zu geringe Zeitspanne,
um die Vorurteile und Vorbehalte in den Köpfen
der Menschen abzubauen. Jan Lontschar, Leiter des
tschechischen Büros von Tandem – Koordinierungszentrum
deutsch-tschechischer Jugendaustausch in
Pilsen, sagte, man müsse bei der Jugend ansetzen.
„Man muss Erfahrungen im jungen Alter sammeln.
Durch persönliche Begegnungen lassen sich Vorbehalte
am leichtesten abbauen“, betonte Lontschar.
Dem schloss sich Jaroslav Rudiš an: „Ich habe Freunde,
die schon in den Neunzigern mit 14 Jahren nach
Prag kamen und in der hiesigen Graffi ti-Szene unterwegs
waren. Aus solchen Begegnungen wurden
Freundschaften, die bis heute halten“, unterstrich
Rudiš.
Moderator Rühmkorf thematisierte die Identität
der deutschen Minderheit und fragte Richard Šulko,
der sich seit 20 Jahren für die Minderheit engagiert,
nach seinem Leben „in zwei Welten“. Der Vorsitzende
der Deutschen im Egerland, der sich um die Erhaltung
der Egerländer Mundart und Musiktraditionen
bemüht, habe beide Welten harmonisch vereint,
wie er sagte. „Disko und Tracht schließen sich nicht
aus“, sagte Richard Šulko. „Mir ist es wichtig, das reiche
deutschsprachige Kulturgut aus den böhmischen
Ländern, meiner Heimat, zu vermitteln.“
Für Radka Denemarková, die in ihrem Roman „Ein
herrlicher Flecken Erde“ das Th ema der Vertreibung
literarisch bearbeitete, liegt ihre Heimat in der Muttersprache.
„Ich halte nicht viel von Etikettierungen
nach Nationalität“, sagte Denemarková. Auch die Bezeichnung
„Minderheit“ gefalle ihr nicht besonders,
sagte sie. Darauf nahm Moderator Rühmkorf Bezug:
„Ich formuliere es einmal so: Der Begriff ,deutsche
Minderheit‘ hat keine hohe Anziehungskraft für die
Jugendlichen und die Tausenden Deutschen, die
in den letzten Jahren nach Tschechien gekommen
sind“, sagte Rühmkorf. Richard Šulko sieht in den
zugezogenen Deutschen ein großes Potential für die
deutsche Minderheit, schließlich spreche man die
gleiche Sprache. „Das ist eine riesige Chance für uns
alle. Wir müssen da einfach etwas in Sachen Imagewechsel
tun“, schloss Šulko.
Stimme der Minderheit
Um die Identität der Minderheit, ihre Selbst- sowie
Fremdwahrnehmung ging es in dem Projekt „Der
Minderheit eine Stimme geben“, das Karolina Fuhrmann,
ifa-Kulturmanagerin bei der deutschen Minderheit
im polnischen Oppeln, vorstellte. In dem vom
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Polen bereits
erfolgreich durchgeführten Planspiel sollen generationenübergreifend
und spielerisch Diskussionsfähigkeit,
Empathie und Meinungsäußerung eingeübt
werden. Das Projekt soll im nächsten Jahr auch in der
Tschechischen Republik durchgeführt werden.
Zum Abschluss der Konferenz verlas LV-Präsident
Martin Dzingel die Willenserklärung des Präsidiums
der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen,
Mähren und Schlesien, in dem sie ihre Aufgaben und
Ziele für die nahe Zukunft konkret formuliert. „Wir
wollen uns bemühen, unser Kulturgut mit seinen
regionalen Besonderheiten, in den Traditionen der
multiethnischen böhmischen Länder und in den
Perspektiven eines vereinigten Europas nicht nur zu
bewahren, sondern gemeinsam intensiv zu pfl egen
und weiterzuentwickeln“, so Martin Dzingel.
Im Anschluss an einen themen- und diskussionsreichen
Tag, an dem auch kritische Töne angeschlagen
wurden, begrüßte der Hausherr des
Czernin Palais die Konferenzteilnehmer bei einem
festlichen Büff et. Der tschechische Außenminister
Karel Schwarzenberg, der gleichzeitig dem Rat der
Minderheiten vorsteht, führte Gespräche mit den
Vertretern der deutschen Minderheit und alten Weggefährten
wie Alt-Präsident Walter Piverka und Ex-
Botschafter František Černý. Den Ausklang des Tages
bildete ein deutsch-tschechisches Konzert des „Orchesters
Bandini“ im Prager JazzDock, bei dem am
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