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„Als hätten wir uns gestern verabschiedet“

Die Journalistin Judita Matyášová bringt Menschen zusammen, die als Kinder vor der Shoah von Böhmen nach Dänemark geflohen sind.

 

Es war so nach und nach, dass Judita Matyášová zur Detektivin der Geschichte geworden ist: „Ich habe mich schon immer für die Schicksale von Tschechen interessiert, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ins Ausland gegangen sind“, sagt Matyášová, die heute als freie Journalistin arbeitet. Auf die Geschichte, die sie nun schon seit mehreren Jahren beschäftigt und die für sie zu einer Art Lebensthema geworden ist, ist sie aber ganz zufällig gestoßen. Im Rahmen des Schulprojektes „Verschwundene Nachbarn“ versuchte sie gemeinsam mit Schulkindern etwas über das Porträt eines jüdischen Mädchens herauszufinden. Das Bildnis wurde 1943 in Auftrag gegeben, aber niemals abgeholt. Nach einigen Recherchen meldete sich Zuzana, die Cousine des jungen Mädchens auf der Fotografie. „Helena ist im Konzentrationslager ums Leben gekommen“, berichtete sie. Dann erzählte sie ihre eigene Geschichte, die Matyášová und den Kindern die Sprache verschlug: Zuzana Lederová hatte als einzige aus der Familie überlebt, weil sie dank der Hachschara nach Dänemark fliehen konnte. Ziel der Reise war eigentlich Palästina, die Hachschara war in den 1920er und 1930er Jahren ein Programm der Vorbereitung zur Besiedlung Palästinas, das jeder absolvieren musste, der eine Einwanderungsgenehmigung ins damals britische Mandatsgebiet Palästina erhalten wollte. Dass dank dieses Programms, das von zionistischen Organisationen getragen wurde, so eine ganze Reihe jüdischer Kinder vor ihrer Ermordung durch die Nazis ins Ausland fliehen konnte, war Judita Matyášová allerdings neu.

Sofies Wahl
„Ich konnte es nicht glauben, dass diese Geschichte niemals dokumentiert wurde“, wundert sich
Matyášová. Sie stürzte sich in die Arbeit, suchte Orte aus den Erzählungen ihrer „Kronzeugin“ Zuzana Lederovás auf und brachte immer mehr Kapitel der Geschichte ans Licht, die um ein Haar vergessen worden wäre. Um die 150 Kinder wurden im Frühjahr 1939 von ihren Eltern verabschiedet, um eine Reise ins Ungewisse anzutreten. Für die meisten war es ein Abschied für immer. Viele Eltern standen vor der schrecklichen Aufgabe, sich für ein Kind zu entscheiden – die Hachschara-Kurse waren teuer, zudem galt eine Altersbegrenzung von 14 bis 16 Jahren. Auch Zuzana Lederová verabschiedete sich von ihren kleineren Schwestern und ihrer Cousine Helena, ohne zu wissen, dass sie sie nie mehr wiedersehen sollte. Das erste halbe Jahr verbrachten die Kinder bei den jüdischen Gemeinden in Prag, Brünn und Olmütz. Dort bereitete man sie in Gruppen von etwa 20 auf die Alija vor, die Besiedlung Palästinas. Vormittags wurden die Kinder mit den Grundlagen der hebräischen Sprache und der Geschichte des jüdischen Volkes vertraut gemacht, nachmittags wurden sie auf ihre Tätigkeit in der Landwirtschaft vorbereitet, die sie in Palästina erwartete.
Ab Oktober des Jahres 1939 verließen die Kinder ihr Heimatland. Erste Station auf dem Weg in ein neues Leben: das zu diesem Zeitpunkt noch neutrale Dänemark. Von hier aus sollte es nach unbestimmter Zeit weiter nach Palästina gehen. Auf dem dänischen Land wurden für die Kinder Pflegefamilien gefunden. „Die Motivationen, ein tschechisches Flüchtlingskind aufzunehmen, waren vielfältig. Für viele war es sicherlich der Wille zu helfen. Andererseits bekamen sie hier auch eine kostenlose Arbeitskraft angeboten“, erläutert Matyášová.

Flucht statt Alija
Die folgende Zeit war nicht einfach für die jungen Tschechen und Tschechinnen. Sie mussten sich an
das raue dänische Klima und das harte Leben auf dem Land gewöhnen. Oft auf kleinen Höfen mitten im Nirgendwo. Die Freunde aus dem Vorbereitungskurs waren meist kilometerweit entfernt. „Das führte dazu, dass die Beziehung zwischen den Kindern noch enger wurde. Oft nahmen sie kilometerlange Fußmärsche in Kauf, um sich eine halbe Stunde mit ihrem Freund im Nachbardorf zu unterhalten“, erklärt Matyášová. Von ihren Eltern erfuhren die Kinder hingegen nur wenig, die grausame Wahrheit wollten die meisten Väter und Mütter von ihren Sprösslingen fernhalten.
Auch in Dänemark spitzte sich die politische Situation zu. Nach der Besetzung durch die Deutschen konnten die jüdischen Kinder nun auch hier nicht mehr bleiben. Eine Gruppe von 20 Jugendlichen
gelangte 1941 tatsächlich wie vorgesehen nach Palästina. Den übrigen blieb 1943 nur die Flucht ins
nahe Schweden. „Dort war dann jeder auf sich selbst gestellt. Manche arbeiteten weiter in der Landwirtschaft oder suchten sich eine andere Beschäftigung. Viele der Jungen wollten sich der tschechoslowakischen Armee in England anschließen“, berichtet Matyášová.
Das Ende des Krieges war für die jüdischen Jugendlichen Segen und Fluch zugleich: Endlich konnten sie in ihre alte Heimat zurückkehren. Nur gab es dort niemanden mehr. Ihre Familien waren ausgelöscht. „Sie kamen zurück in ihre Heimat und fanden dort nichts vertrautes mehr vor“, resümiert Matyášová. Manche von ihnen kehrten nach Schweden zurück, die restlichen verteilten sich über die ganze Welt. Nur Zuzana Lederová blieb als einzige in Tschechien zurück.
Bei ihr setzen die Recherchen von Judita Matyášová an. Sie verfügte zwar über eine Liste der Hachschara-Kinder. „Aber mich als Journalistin interessieren persönliche Schicksale und keine Zahlen“, erklärt Matyášová. Um den einzelnen Schicksalen hinter der Liste auf die Spur zu kommen, veröffentlichte sie in Dänemark und Schweden die Geschichte der Kinder auf der Titelseite der Lokalzeitungen, zusammen mit einer Namensliste und dem Aufruf, die Journalistin zu kontaktieren, falls sie einen der erwähnten gekannt hatten. Die Reaktion war überwältigend. „Auf einmal bekam ich unzählige Briefe, Anrufe und Mails von Menschen, die die tschechischen Kinder gekannt hatten“. So konnte sie die 40 noch lebenden Zeitzeugen der Transporte nach Dänemark ausfindig machen.

Die Zeit als Feind
Der Kontakt zu den älteren Damen und Herren ist für Judita Matyášová auch eine Art Verpflichtung. „Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn dir da jemand eine sehr persönliche Geschichte anvertraut. Das motiviert mich umso mehr, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um diesen Menschen ein Treff en mit ihren alten Freunden zu ermöglichen“, sagt sie. Und die Zeit drängt. „Es ist höchste Zeit, die Geschehnisse zu erforschen. In nur ein paar Jahren wird es sehr schwierig sein, aus erster Hand etwas zu erfahren“, fürchtet Matyášová. Die Ergebnisse ihrer Nachforschungen treff en die jeweiligen Personen häufig völlig unerwartet. „Wissen Sie, dass Ihr Freund von damals noch lebt, und zwar in einem Dorf 40 Kilometer von Ihrem entfernt?“ fragte Matyášová am Telefon eines Tages eine ihrer Zeitzeuginnen, die seit über 50 Jahren in Israel lebt. Sie hatte es nicht gewusst. Wenig später berichtete die gleiche Dame, beim ersten Treffen nach vielen Jahren habe sie sich gefühlt, „als hätten wir uns gestern verabschiedet“.
Langsam verselbstständigt sich das Projekt von Judita Matyášová. Die ehemaligen jüdischen Flüchtlinge organisieren selbst Wiedersehenstreff en, Angehörige der zweiten und dritten Generation nehmen Kontakt zu den Freunden oder Pflegefamilien auf, um mehr über die Vergangenheit ihrer Eltern oder Großeltern zu erfahren. Darüber hinaus hat Matyášová schon einige größere Treffen organisiert. „Die Teilnehmer fragen mich dann oft vorher, wie das Programm aussehen wird. Ich sage ihnen dann immer: Na, das Programm seid ihr. Und es stimmt: Wenn sie erst mal anfangen, in einwandfreiem Tschechisch miteinander zu reden“, lacht Matyášová. Wie alle guten Freunde eben, die sich aus den Augen verloren haben, sich wiedertreffen und die sich viel zu erzählen haben.

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