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Geplündertes Kulturerbe

Seit Jahren gelten Böhmens Kirchen als Selbstbedienungsladen für Kunsträuber.

Der Pilsener Bischof František Radkovský hofft dieser Tage auf die weltliche Gerechtigkeit. Mittels eines  Anwalts ersuchte er offi ziell um die Herausgabe einer barocken Engels-Statue, die 1991 aus einer Kirche der Diözese gestohlen worden war. Jetzt sollte sie in einem Wiener Auktionshaus versteigert werden.  Dazu kam es letztendlich nicht, da das Auktionshaus selbst gemeldet hatte, dass es sich bei der Plastik um Diebesgut handelte.

Das aus dem Jahre 1752 stammende Werk von Ignác František Platzer, dem bedeutendsten böhmischen Bildhauer des Spätbarock, tauchte bereits 2009 auf einer Auktion in Deutschland auf. Seinerzeit verhinderte Interpol die Versteigerung. Dass das Kunstwerk daraufhin nicht gleich nach Tschechien zurückkam, hing damit zusammen, dass zum Zeitpunkt seines Diebstahls noch keine europäische Richtlinie über die Rückgabe gestohlener Kulturgüter gültig war.

Der aktuelle Fall rückt ein Phänomen in den Blickpunkt, das vor allem in der Tschechischen Republik abenteuerliche Ausmaße angenommen hat. Sage und schreibe neun von zehn Kirchen im Land sind seit 1989 ausgeraubt worden. Die Zahl der entwendeten Kunstgegenstände wird von den Experten mit mehr als 100 000 beziff ert. Der Konservator des Prager Erzbistums, Vladimír Kelnar, zählt auf: „Wir haben rund die Hälfte der Kunstgegenstände aus der Zeit der Gotik und der Renaissance verloren. Von dem umfangreichen Bestand aus der Epoche des Barock fehlt mittlerweile ein Drittel.“ Kelnar spricht von einem „unersetzlichen Verlust des historischen Gedächtnisses der Nation“. Es gibt zahllose Kirchen, in denen man schon nichts mehr stehlen kann, weil alles Wertvolle schon weg ist. Am schlimmsten betroffen sind die böhmischen Diözesen. Statistiken belegen zudem, dass in der Slowakei oder Polen – Ländern mit einem deutlich höheren Anteil von Gläubigen – weit weniger Kirchendiebstähle registriert werden. Häufig genug würden die Diebe ohne jede Rücksicht vorgehen, etwa Bilder einfach aus ihren barocken Rahmen herausreißen.

Problem Schengen
Ihren Höhepunkt hatten die Diebstähle in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Der Fall des Eisernen Vorhangs ließ Dealer wie Sammler in Westeuropa hellhörig werden. Wurden 1989 von der Polizei lediglich 51 Diebstähle registriert, waren es zwei Jahre später schon an die eintausend Fälle. „Seither ist die Zahl zwar schrittweise zurückgegangen“, sagt Polizeirat Jaroslav Zahálka. Allerdings werden viele kleinere Diebstähle von den Kirchen schon gar nicht mehr gemeldet. „Die Erfolgsaussichten sind einfach zu gering“, erklärt das Vladimír Kelnar.

Den Dieben spielte auch der Beitritt Tschechiens zur EU und zum Schengen-Raum in die Hände. „Der Wegfall der Grenzkontrollen erleichterte ihnen vieles“, gibt Polizeirat Zahálka zu Protokoll. Fatal sei zudem, dass nur die wenigsten der aufgefundenen Kunstgegenstände wieder zurück nach Tschechien kommen. Dies liegt Zahálka zufolge an der unterschiedlichen Gesetzgebung der EU-Mitgliedsstaaten. Es sei schwer, einem Besitzer nachzuweisen, dass er wusste, dass er Diebesgut sein eigen nennt.

Für den Schutz der Kirchen vor Räubern fehlt es am Geld. Jede Diözese verfügt zu diesem Zweck durchschnittlich über eine Summe von einer Million Kronen. Das reicht gerade mal, um vier größere Kirchen gegen  Einbrüche und Diebstähle zu sichern. Doch vielleicht ändert sich das ja mit dem Restitutionsgesetz, das Präsident Klaus vor wenigen Tagen unterzeichnet hat. Als Eigentümer sollte die Kirche jedenfalls das größte Interesse daran haben, dass die Gotteshäuser nicht länger ausgeplündert werden.

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