Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hoffte die Tschechoslowakei auf Freiheit und Normalität im Herzen Europas. Für viele erfüllte sich dieser Wunsch nicht, darunter auch eine Eishockey-Nationalmannschaft, die dem neuen Regime ein Dorn im Auge war.

Für Sportfans in Tschechien gehört die Weltmeisterschaft im Eishockey zu den wichtigsten Terminen. Und jedes Jahr aufs neue stellt sich die Frage: Kann es die Nationalmannschaft in diesem Jahr wieder schaffen, Weltmeister zu werden? Zumal die Kufencracks diesmal fast zu Hause spielen, nämlich in Pressburg (Bratislava) und Kaschau (Košice) in der Slowakei. Die Endrunde startet am 10. Mai, gleich  am Abend müssen die Tschechen in Pressburg gegen den amtierenden Weltmeister Schweden ran. Deutschland, Überraschungsvize von Olympia, greift am 11. Mai in Kaschau in das Geschehen ein. Bis dahin hilft vielleicht ein Blick zurück in glorreiche, aber auch dunkle Zeiten. Das LandesEcho erinnert an drei bedeutsame Ereignisse.

Österreich schlägt Schweden und die Tschechoslowakei schickt Kohle nach Wien

1947, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fand die Weltmeisterschaft im Eishockey in Prag statt. Kanada nahm nicht teil und so waren die Tschechoslowaken und Schweden heiße Favoriten. Im direkten Duell unterlag die Tschechoslowakei mit 2:1. Die Fans waren verbittert, in Prag herrschte Untergangstimmung. Die Schweden fühlten sich bereits vor dem letzten Spiel gegen Outsider Österreich als Weltmeister, ihr König Gustaf sendete ihnen ein Glückwunschtelegramm.

Der legendäre Augustin Bubník, eine der Schlüsselfiguren des tschechoslowakischen Eishockeys, erinnerte sich nach Jahrzehnten: „Da wir in Prag genug hübsche Mädels hatten und immer noch haben, feierten die Schweden ihren Sieg bis in die frühen Morgenstunden“. Die „Beinahe-Weltmeister“ aus Skandinavien waren durch das lange Zechen so erschöpft, dass sie das Spiel gegen den Außenseiter Österreich mit 1:2 verloren.

Anfangs schauten sich das Spiel nur ein paar Hundert Zuschauer an. Als die Leute aus dem Radio erfuhren, wie sich das Spiel entwickelt, eilten Tausende ins Stadion von Štvanice, um das österreichische Team, welches mit 1:0 und 2:1 in Führung lag, zu unterstützen. Die Zuschauer skandierten „Es lebe Österreich“, ein ziemlich ungewöhnlicher Ruf in einem Land, das sich in der österreichischen Monarchie jahrhundertelang wie im „Kerker der Nationen“ fühlte. Der Sieg des Außenseiters öffnete der heimischen Nationalmannschaft den Weg zum ersten Weltmeistertitel in der Geschichte.

Eishockey2Nach dem Spiel herrschte im Freiluftstadion eine solche Euphorie, dass die Zuschauer auf die Eisfläche strömten und die österreichischen Nationalspieler in ihren Trikots auf die Schultern nahmen und sie in ihr rund einen Kilometer entferntes Hotel brachten. Die Popularität Österreichs bei der Bevölkerung stieg nach dem Spiel. Es wurde sogar ein Film gedreht, dessen Handlung sich aus dem Geschehen im Eisstadion während der Weltmeisterschaft entwickelte („Kuss aus dem Stadion“, Regie Martin Frič).

Im Nationaltheater stand die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi auf dem Programm. Als der Baritonsänger Thein als Rigoletto erfuhr, dass Österreich Schweden geschlagen hatte, reagierte er mehr als originell. Die folgende Arie hat er ungefähr so gesungen: „Ich muss ihnen mitteilen, dass die Österreicher die Schweden 2:1 geschlagen haben und dass wir immer noch Weltmeister werden können“. Der Beifall war riesig. Am Abend besiegte die Tschechoslowakei die USA und wurde Weltmeister.

1947 herrschte in Österreich wegen des Katastrophenwinters Mangel an Strom, Gas und Kohle. Die Prager schickten daraufhin einen Waggon Kohle nach Wien. Ebenso war die Lebensmittelversorgung langfristig angespannt. Die Prager wussten es und brachten Lebensmittelpäckchen zum Hotel.

LTC Prag führt kanadisches Eishockey in Moskau vor

Nach dem zweiten Weltkrieg entschieden sich die Sowjets, das traditionelle kanadische Eishockey mit Puck (Schaiba) zu lernen. Bis dahin spielte man in Russland und der Sowjetunion das sogenannte Bandy-Hockey mit einem kleinen Ball und einem Schläger, der am Schlagende gebogen und abgeflacht war. Das Spielfeld hatte die Größe eines Fußballfeldes. Es gab zwei Halbzeiten zu je 45 Minuten, große Tore, kein Spiel hinter dem Tor. Jedes Team hatte 10 Feldspieler und einen Torhüter. Dieser Eishockeytyp wird in Skandinavien und Russland immer noch gespielt und es finden auch internationale Meisterschaften statt.

Im Jahre 1948 wurde der Prager Klub LTC, damals der beste europäische Eishockeyklub, in die UdSSR eingeladen. Die Prager Spieler sollten die Grundlagen des Spiels vorführen, welches für die sowjetischen Spieler und Zuschauer neu war. Die Sowjets interessierten sich auch sehr für die Ausrüstung, die für sie unbekannt war. Sie fotografierten sie ab und maßen sie, um ihre eigenen Produkte zu entwickeln. Es wurde das erste sowjetische Nationalteam gebildet, welches drei Spiele gegen LTC bestritt. Die Sowjets gewannen das erste Spiel mit 6:3, das zweite gewann LTC Prag mit 5:3 und beim dritten gab es ein Unentschieden 2:2.

Die sowjetische Führung mit Stalin an der Spitze wurde sich der großen propagandistischen Bedeutung des Eishockeys beim internationalen Kräftemessen bewusst. „Von oben“ kam die Order, dass sich die sowjetische Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren mit einem zweiten oder dritten Platz nicht begnügen dürfe, sie dürfe nur siegen. Sie müsse einfach so lange trainieren bis der Sieg garantiert ist.

Dies gelang voll und ganz. Um Erfahrungen zu sammeln, bestritt das sowjetische Team in mehreren Jahren zahlreiche Freundschaftsspiele mit den Nationalteams aus Finnland, Schweden, Polen und der Tschechoslowakei, in denen es häufig mit einem klaren Torunterschied gewann.

Danach gewann das Nationalteam gleich bei seiner ersten Weltmeisterschaft 1954 in Stockholm die Goldmedaille und der Mannschaftskapitän Bobrow den Titel des besten Stürmers der Meisterschaft.

Als die sowjetischen und russischen Nationalteams in den folgenden Jahrzehnten beim internationalen Kräftemessen oft die Oberhand behielten und von der Dominanz der sowjetischen Eishockeyschule die Rede war, bemerkten die tschechoslowakischen Fans oft mit einem  melancholischen Lächeln: „Na ja, so kommt es, der Schüler hat seinen Lehrer überholt“.

Aus der Hall of Fame in die Urangrube

Die Weltmeisterschaft im Jahre 1949 in Schweden brachte einen weiteren Erfolg für das tschechoslowakische Eishockey. Die Tschechoslowakei besiegte zum ersten Mal Kanada und gewann Gold.

Tausende Fans warteten auf die Spieler auf dem Prager Hauptbahnhof. Anwesend waren auch Regierungsmitglieder mit dem Ministerpräsidenten Antonín („Tonda“) Zápotocký an der Spitze. Sie begrüßten die Spieler im Regierungssalon und gratulierten ihnen.

Die Begeisterung war so groß, dass sich Augustin Bubník noch Jahrzehnte danach erinnerte: „Hätte der Zápotocký sein Akkordeon mitgehabt, er hätte uns was vorgespielt.“

Die Stimmung wandelte sich im darauffolgenden Jahr radikal, als die Staatsführung verbot, ins westliche Ausland zu reisen. Die Tschechoslowakei war bereits mit Stacheldraht umzäunt und das freie Reisen gab es nicht mehr. Die Helden von gestern durften zur anstehenden Weltmeisterschaft in London nicht ausreisen.

Die Staatsführung verdächtigte einige Spieler, dass sie emigrieren und eine tschechoslowakische Exil-Nationalmannschaft bilden wollten. Zuvor waren bereits der Tennisspieler Jaroslav Drobný (späterer Wimbledonsieger für Ägypten) und die Eiskunstläuferin und zweifache Weltmeisterin Alena Vrzáňová im Westen geblieben. Dies wäre ein schwerer Rückschlag für die offizielle Propaganda gewesen, die das Leben in der volksdemokratischen Tschechoslowakei als Paradies auf Erden schilderte. Darum wurden die Spieler einige Tage im Unklaren gelassen. Sie hofften deshalb, dass die Verlegung des Abflugtags nur durch bürokratische Schwierigkeiten verursacht wurde. Zwei Rundfunkjournalisten hatten angeblich keine Visa für Großbritannien erhalten.

Doch zwei Tage später wurde die Teilnahme endgültig abgesagt. Die Prager Nationalspieler trafen sich daraufhin in ihrer Stammkneipe U Herclíků nahe des Nationaltheaters, um auf die Geburt des Sohnes von Nationalspieler Jiří Macelis anzustoßen. Doch die Spieler betranken auch ihren Frust.

Bubník erinnerte sich später: „Wir haben ganz schön geschimpft, dass wir den Flug nicht antreten durften. Hie und da rannten wir auf den kleinen Platz vor der Kneipe und riefen: ´Tod den  Kommunisten´ und ´Wir lassen uns nicht die Flügel stutzen, wir sagen die Wahrheit´“.

Das blieb nicht ohne Folgen. Um 21 Uhr stürmte eine Einheit der Geheimpolizei die Kneipe und nahm alle fest. Nach einer kurzen Gerichtsverhandlung wurden elf Spieler zu hohen Freiheitsstrafen wegen Vaterlandsverrat, Spionage für den Westen, Vorbereitung der Republikflucht, Verspottung der führenden Repräsentanten der Partei und des Staates verurteilt. Unter ihnen war auch Torhüter Bohumil Modrý, der weder bei der Feier U Herclíků dabei war, noch damals in der Nationalmannschaft spielte.

Nach einigen Jahren, die sie in der Urangrube mit strengem Regime in Joachimsthal (Jáchymov) in Westböhmen verbringen mussten, wurden sie in die Urangrube von Příbram verlegt, wo die Haft- und Arbeitsbedingungen erträglicher waren. Im Lager um den Uranschacht durften sie Volleyball und Basketball spielen. Im Winter konnten sie sogar einen Eishockeyplatz aufbauen, bald sollten sie von der Gefängnisleitung Schlittschuhe und Hockeyausrüstung bekommen. Sie hätten so nach langer Zeit zu einem Spiel antreten können.

Nach dem Tod Stalins und des tschechoslowakischen Präsidenten Klement Gottwald kam es zu einer politischen Lockerung. 1955 wurden die Spieler begnadigt und freigelassen. Die Staatsführung hatte ihr Ziel erreicht, doch der Eishockeysport brauchte eine Weile, bis er sich von diesem Rückschlag erholt hatte.

In den folgenden Jahrzehnten blieben Politik und Eishockey weiterhin eng verwoben. Dies kam besonders bei Spielen zwischen der sowjetischen und der tschechoslowakischen Nationalmannschaft zum Ausdruck. Manchmal – besonders bei Siegen der tschechoslowakischen Mannschaft – wurden sie von politischen Unruhen begleitet. Dies ist jedoch ein anderes Kapitel, das eine gesonderte Betrachtung verdient.

 


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