Tschechien kämpft mit stark steigenden Infektionszahlen. Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie meldet Tschechien über Tausend Neuinfektionen an nur einem Tag. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnete die Situation in Tschechien bereits gestern als besorgniserregend und forderte, mehr zu testen. Prag wird aller Voraussicht nach seitens Deutschlands zum Risikogebiet erklärt werden.

Bereits in der vergangenen Woche brach die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus nahezu täglich Rekorde. Am vergangenen Mittwoch wurde erstmals seit Ausbruch der Pandemie in Tschechien die Marke von 600 Neuinfektionen überschritten, in den beiden Tagen danach erfolgten jeweils neue Rekorde, letzten Freitag meldeten die tschechischen Gesundheitsämter 797 Neuinfektionen. Auch am Wochenende lag die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen auf einem höheren Niveau als während des Höhepunkts der Pandemie im Frühjahr. Am Mittwochmorgen meldeten die tschechischen Behörden erneut einen Rekord: Am Dienstag wurden 1.164 Personen positiv auf das Coronavirus getestet.

Besonders akut ist die Lage in Prag, wo in den letzten sieben Tagen 88 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet wurden. Übertroffen wird dies noch vom südostböhmischen Kreis Pilgram (Pelhřimov) mit 102 Infizierten pro 100.000 Einwohner und Pilsen-Süd (Plzeň-Jih) mit 91/100.000.

Aktuell verzeichnet Tschechien 9.271 aktive Infektionen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl der aktuell Infizierten bei 16.474. Deutschland hat aber etwa acht Mal mehr Einwohner als Tschechien (83 Millionen vs. 10,5 Millionen in Tschechien).

Die gemeldeten, erhöhten Zahlen bei den Neuinfektionen erklären sich zwar zum Teil durch die gestiegene Zahl der durchgeführten Tests - in der vergangenen Woche wurden täglich mehr als 10.000 Tests durchgeführt - gestiegen ist dabei aber auch die "Trefferquote". Anfang August lag der Anteil der Infizierten an der Zahl der durchgeführten Tests im 7-Tage-Schnitt relativ stabil bei etwa drei Prozent, im Mai lag der Wert sogar noch unter einem Prozent. In der vergangenen Woche kletterte die Trefferquote hingegen auf einen Wert zwischen fünf und sechs Prozent.

Karte mit Neuinfektionen mehr als 50 pro 100.000 Einwohner. Foto: WHO

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte Karte zeigt Regionen mit mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner im Zeitraum vom 30. August bis 5. September. Dieser Schwellenwert dient auch der Bundesregierung und dem Robert-Koch-Institut (RKI) zur Einstufung als "Risikogebiet". Foto: WHO

Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Fälle mild oder sogar ohne Symptome verläuft, ist in den letzten zwei Wochen die Zahl der Personen, die aufgrund einer Erkrankung an Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden müssen, von 125 auf 234 gestiegen. Davon müssen aktuell 64 Personen intensivmedizinisch behandelt werden. Vor zwei Wochen war es noch die Hälfte.

Kontaktverfolgung zunehmend schwierig

Das anhaltend hohe Niveau der Neuinfektionen bringt die tschechischen Gesundheitsämter an die Grenzen ihrer Kapazitäten bei der Kontaktnachverfolgung. Insbesondere das Prager Gesundheitsamt kämpft mit diesem Problem. Dessen Leiterin Zdeňka Jágrová sagte am vergangenen Freitag, dass es bei etwa 30 Prozent der Fälle nicht gelinge, den Ursprung der Infektion zurückzuverfolgen. Aus diesem Grund erhält das Prager Gesundheitsamt bereits personelle Unterstützung von den Gesundheitsämtern aus anderen Regionen. Laut Aussagen der tschechischen Chefhygienikerin Jarmila Rážová liege die landesweite Kapazität momentan bei etwa 400 Fällen pro Tag, bei denen es den Gesundheitsämtern noch gelinge, Kontakte der Infizierten nachzuverfolgen.

WHO: „Testen und Kontaktverfolgung alternativlos“

Um die Gesundheitsämter zu entlasten, erwäge man, nur noch Fälle mit schwerem Krankheitsverlauf nachzuverfolgen. Das teilte Gesundheitsminister Adam Vojtěch (parteilos, für ANO) nach Aussagen von Premierminister Andrej Babiš der Regierung am Montag mit. Näheres zu einer neuen Strategie bei der Nachverfolgung von Kontakten wolle die Regierung laut Babiš bis Freitag bekanntgeben.

Auf diesen Vorschlag reagierte das Prager Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisch. „Zum Testen, der Nachverfolgung von Kontakten und der Isolation gibt es bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie keine Alternative. Weder bei uns (in Tschechien), noch irgendwo anders“, schrieb die tschechische Zweigstelle der WHO auf Facebook und bezeichnete die epidemiologische Situation in Tschechien als „besorgniserregend“. Weiterhin heißt es in dem Beitrag auf Facebook: „Die Lösung besteht nicht darin, die Rückverfolgung zu beenden, sondern die Kapazitäten schnell zu erhöhen und die Dienste zu erweitern, so weit wie möglich. Dies ist die absolute Grundlage, die die Behörden bereitstellen müssen. Die Mitarbeiter der regionalen Gesundheitsämter sind die wahren Helden dieser Pandemie und brauchen dringend Unterstützung.“

Premierminister Babiš zeigte sich über diese Äußerungen der WHO pikiert. Auf Twitter schrieb er: „Ich lese, was eben die WHO veröffentlicht hat. Die gleiche WHO, die weder Masken empfohlen hat, noch wusste, dass wir eine Pandemie haben. Meiner Meinung nach sollten sie schweigen.“ Gleichzeitig wies er daraufhin, dass Tschechien im europäischen Vergleich nur wenige Todesopfer im Zusammenhang mit der Pandemie zu verzeichnen habe. Seit Beginn der Pandemie sind in Tschechien 441 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Deutschland verzeichnet bislang 9.408 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19.

Kommt jetzt die Reisewarnung?

Ab einem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einem Zeitraum von sieben Tagen kann das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) Regionen zu Risikogebieten erklären. Prag liegt mit derzeit 88 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner deutlich über diesem Wert. Laut Aussagen des stellvertretenden tschechischen Außenministers Martin Smolek gegenüber dem Radiosender "Radiožurnal" in der vergangenen Woche rechne man in tschechischen Regierungskreisen bereits mit einer Einstufung Tschechiens oder zumindest Prags als Risikogebiet. Bis Dienstagabend kam es aber noch nicht zu einer solchen Erklärung seitens Deutschlands. Neben dem quantitativen Schwellenwert analysiert das RKI auch qualitative Kriterien, wie etwa die Art des Ausbruchs und die getroffenen Maßnahmen in einem bestimmten Land.

Update (09.09.; 13:30): Nach Informationen der tschechischen Nachrichtenagentur ČTK plant Deutschland Beschränkungen bei der Einreise aus Prag, bzw. wird aller Voraussicht nach Deutschland die tschechische Hauptstadt zum Risikogebiet erklären. Über etwaige Pläne der Bundesregierung sei Premierminiser Andrej Babiš gestern bereits von Bundeskanzlerin Angela Merkel informiert worden. Reisende aus Prag müssten sich demnach nach der Einreise nach Deutschland auf Covid-19 testen lassen oder sich für 14 Tage in Quarantäne begeben. Auch Belgien hat Prag bereits auf die Liste der Risikogebiete gesetzt.

Neu: Verschärfte Corona-Regeln ab Donnerstag

Die aktuelle Corona-Ampel: Prag befindet sich in der zweiten Warnstufe (gelb), was eine Ausbreitung des Coronavirus signalisiert. Corona-Maßnahmen gelten in den schraffierten Kreisen. Foto: Ministerstvo zdravotnictví České republiky

Die aktuelle Corona-Ampel: Prag befindet sich in der zweiten Warnstufe (gelb), was eine beginnende Ausbreitung des Coronavirus signalisiert. In den grün eingefärbten Kreisen verzeichnen die Gesundheitsämter lokale Ausbrüche. Corona-Maßnahmen gelten in den schraffierten Kreisen. Foto: Ministerstvo zdravotnictví České republiky

Aufgrund der verschlechterten epidemiologischen Lage verkündete Gesundheitsminister Adam Vojtěch am Mittwochmorgen, dass ab Donnerstag in ganz Tschechien wieder eine Maskenpflicht in allen öffentlichen Innenräumen gelten soll. In Prag ist bereits seit heute das Tragen einer Mund-Nasen-Maske in Geschäften und Kaufhäusern Pflicht. Außerdem müssen Prager Restaurants, Bars und Clubs zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens schließen. Bereits seit 1. September gilt wieder landesweit eine Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, nachdem Tschechien die Maskenpflicht ab Juli weitestgehend schon abgeschafft hatte.