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„Höchste Zeit, aufeinander neugierig zu sein“

Josef Haslinger erzählt in seinem aktuellen Roman „Jáchymov“ das bewegte Schicksal des tschechoslowakischen Eishockeytorwarts Bohumil Modrý, der in den Uranbergwerken der nordböhmischen Stadt Jáchymov als politischer Häftling des kommunistischen Regimes Zwangsarbeit verrichten musste.

 

 

LZ: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie einen Roman über den tschechoslowakischen Eishockeyspieler Bohumil Modrý geschrieben haben?

Vor etwa vierundzwanzig Jahren habe ich Blanka Modrá, Bohumil Modrýs Tochter, in Wien kennengelernt. Sie erzählte mir schon damals über das Schicksal ihres Vaters, ich konnte mir aber keinesfalls vorstellen, dass ich einen Roman darüber schreibe. Als ich aber im Jahre 1996 die Professur in Leipzig bekommen habe und von da an Woche für Woche durch Tschechien nach Wien gefahren bin, habe ich begonnen, kleine Pausen zu machen und Tschechien zu entdecken. Eines Tages stoppte ich auch in Jáchymov und ging dort ins Museum. In einem Raum hingen Fotos, die Bildern aus einem Konzentrationslager ähnelten offensichtlich das Arbeitslager. Das muss der Ort gewesen sein, wo Blankas Vater inhaftiert war, habe ich gedacht. Seitdem habe ich allmählich zu dieser Geschichte eine persönliche Beziehung aufgebaut, habe Bücher über den späten Stalinismus gelesen, viel mit Blanka gesprochen und aus dieser langjährigen Recherche entstand auch der Roman.

 

LZ: Ein Nicht-Tscheche schreibt ein Buch über die tschechische Geschichte, weil sich offenbar kein tschechischer Autor oder Autorin dafür interessiert. Gibt es hier eine Themenlücke? Und was sagt das über die tschechische Literaturszene aus?

Für mich hat es gar keine Aussage über tschechische Literatur, weil ich mache, was ich machen will, und was die tschechischen Autoren schreiben, ist für mich keine Orientierung. Diese Geschichte ist auch ein Teil europäischer Geschichte. Man kann die europäischen Länder nicht mehr im Sinne von Nationalgeschichten betrachten und auch nicht im Sinne von Nationalliteraturen. Es ist nicht die Aufgabe der Literatur, die eigene Nation zu analysieren und eventuell Mängel, Fehler oder Verirrungen aufzuzeigen. Ich selbst habe einen Roman geschrieben, Das Vaterspiel, in dem es unter anderem um die Kollaboration von Litauen mit deutschen Nazis bei der Judenvernichtung geht. Und ich habe damals große Vorwürfe aus Litauen gekriegt: Der soll sich doch um seine eigene Geschichte kümmern und um sein eigenes Land und sich nicht bei uns einmischen. Es ist schon möglich, dass es solche Vorwürfe auch in der Tschechischen Republik geben kann. Aber wir sind einen Schritt weiter. Wir haben eine gemeinsame politische Struktur entwickelt. Die Menschen haben in unseren Ländern für Europa gestimmt, also ist es auch höchste Zeit, dass wir aufeinander neugierig werden und uns für die gemeinsame Zeitgeschichte interessieren. Für das, was unmittelbar hinter uns liegt, als Voraussetzung dafür, dass wir einen neuen Blick aufeinander werfen können.

 

LZ: In dem Roman zitieren Sie die sehr bekannte tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková. Es existiert in Ihrem Roman also doch eine Verbindung zur tschechischen Literatur.

Radka ist eine Schriftstellerin, die ich sehr schätze. Sie hat ein Buch geschrieben, das auf Deutsch Ein herrlicher Flecken Erde heißt (tschechischer Originaltitel Peníze od Hitlera, Anm. der Red.). Dieses großartige Buch halte ich für ganz wichtig, weil es eine tschechische Autorin ist, die hier die Vertreibung thematisiert und zwar die noch verrücktere Geschichte, dass Juden vertrieben wurden. Das war sozusagen eine Art doppelter Verfolgung. Ich fand das Buch sehr mutig und beeindruckend. Es hat mich auch ermuntert, auf diese blinden Flecken der Geschichte zu schauen. Ich habe aber mein Buch vor allem für die deutschsprachigen Leser geschrieben, nicht für tschechische, weil ich festgestellt habe, dass kein Mensch bei uns diese Geschichte kennt. Ich habe bisher keinen Menschen in Österreich und Deutschland getroffen, der eine Ahnung hat, dass 1950 die tschechoslowakische Eishockeynationalmannschaft verhaftet wurde. Und niemand weiß, was Jáchymov ist. Man redet über Sankt Joachimsthal, über Heilbad und Silberbergbau, aber Jáchymov als Symbol für die politische Verfolgung und in gewissem Sinne auch Vernichtung in der kommunistischen Tschechoslowakei, davon hat keiner eine Ahnung. Wir leben Grenze an Grenze und haben keine Ahnung, was hinter der Grenze los war.

 

LZ: In Tschechien und auch in Deutschland beobachtet man oft Gefühle, die man unter dem Begriff „Ostalgie“ zusammenfassen kann. Ich finde diese Denkweise sehr gefährlich. Ihr Roman geht aber in eine andere Richtung. Er zeigt das Regime in seiner vernichtenden Nacktheit. Was bedeutet „Ostalgie“ fur Sie?

Ich kenne das Phänomen von der ehemaligen DDR. Ich habe dank meiner Professur in Leipzig eine enge Verbindung zu Sachsen und zu Menschen, die in der ehemaligen DDR lebten. Was ich wesentlich finde, ist, dass Ostalgie eigentlich kein Phänomen der Jugend ist. Es betrifft vor allem ältere Menschen, denen ihre Sicherheit genommen wurde und die zugleich einen plötzlichen Umbruch in eine neue technologische Gesellschaftsform erlebten. Es ist einerseits ein neues politisches System gekommen, andererseits das Computerzeitalter. Das fiel vielleicht nicht ganz zufällig zusammen. Die Menschen waren plötzlich orientierungslos und mussten alles erst lernen. Auf diese Generation ist also eine profunde Verwirrung, eine profunde Herausforderung zugekommen und das hat diese Ostalgie befördert. Was die Jugend betrifft, sehe ich das anders. Da gibt es leider ein gründliches Nichtwissen und Nichtinteresse. Ich glaube nicht, dass man dieses Nichtinteresse mit Literatur bekämpfen kann, dafür ist Literatur nicht stark, nicht populär genug, aber einen Beitrag kann sie leisten. Beim Lesen bekommt man die Welt vor Augen geführt, nicht nur auf der theoretischen Ebene. Man entwickelt ein Mitgefühl, in gewisser Weise ein Mitleben für die dargestellte Zeit.

 

LZ: In dem Roman erwähnen Sie auch die mögliche Kollaboration einiger Eishockeyspieler, die man weder bestätigen noch widerlegen kann. Solche Hilfswilligen braucht jedes Regime, mögen sie auch dazu gezwungen sein. Stimmen Sie zu?

Ja, natürlich. Jede Diktatur stützt sich auf eine zum Teil offene, zum Teil sozial verdeckte Zustimmung. Sie ist darauf angewiesen, Kollaboration zu befördern und die Opposition in Schranken zu halten. Aber zugleich muss man sagen, dass es zum Beispiel in der tschechischen oder auch polnischen Bevölkerung einen vorbildlichen Widerstand gegeben hat. Da gab es schon 1968 eine große Entwicklung weg von diesem autoritären Kommunismus, die leider als Experiment gewaltsam niedergeschlagen wurde. Dann die 77-Bewegung, die wollen wir nicht vergessen, obwohl es keine Massenbewegung war und das politische System nicht destabilisieren konnte. Und schließlich 1989 die Überwindung des Systems. Das will ich durchaus auch achten und ehren. Worüber ich in diesem Buch rede, ist die Zeit des beginnenden Kommunismus und des Spätstalinismus. Das ist eine ganz fatale Geschichte, weil die Tschechoslowakei sich aus eigenen Stücken heraus für diesen Kommunismus entschieden hat. Es gab zwar eine große Steuerung aus Moskau, das ist vollkommen klar, da gab es Propaganda-Abteilungen, die alles unternommen haben. Aber letztlich war das kein Übergang mit Panzern, sondern ein Übergang auf der Straße. Und das hat zu tun mit dieser fatalen Geschichte zuvor, mit der Okkupation, mit der Nazi- und Protektoratsgeschichte. Man suggerierte dem Volk, dass man sich auf den Westen nicht verlassen konnte. Und es hängt auch zusammen mit der Vertreibung der Sudetendeutschen. Die kommunistische Partei stand da mit Gütern, mit leeren Häusern. Da war etwas anzubieten. Und das alles zusammen genommen hat diese fatale Entwicklung eingeleitet. So entstand eine handfeste Diktatur, und als manche die Notbremse ziehen wollten, war es schon zu spät.

 

LZ: Sie persönlich zeigen den kommunistischen Terror am Beispiel des Arbeitslagers in Jáchymov, dessen Geschichte viele deutschsprachige Menschen nicht kennen. Was geschah eigentlich in Jáchymov in dieser Nachkriegsperiode?

Die Tschechen haben von den Nazis ein Arbeitslager in dem damaligen Sankt Joachimsthal übernommen. Ein Lager, in dem die sowjetischen Kriegsgefangenen Uran abbauten. Dann wurden deutsche Kriegsgefangene dort interniert. Man hat dann zwölf Arbeitslager für Strafgefangene daraus gemacht. Es wurde dort eigentlich eine Art Gulag-System entwickelt, wo in zunehmendem Maße auch die tschechoslowakischen politischen Gefangenen hingeschickt wurden.

 

LZ: Es ist eine grobe Parallele, aber mir scheint die Situation dieser inhaftierten Intellektuellen ein bisschen wie die Judenvernichtung. Ich meine jetzt nicht im Sinne der Zahl der Todesopfer oder der Gründe, sondern in dem Sinne, dass auch viele Juden am Anfang die Möglichkeit hatten, zu emigrieren, aber nur wenige damals glaubten, dass es später so schlimm kommen würde. Das betrifft auch die Protagonisten in dem Roman.

Ja, ich verstehe, wie Sie es meinen. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass es viele Intellektuelle gab, die in dem System mitmachten. Zum Beispiel Dichter, die für das System Gedichte schrieben, obwohl sie eigentlich schon sehen mussten, was passiert, die aber trotzdem mitmachten. Bei solchen gesellschaftlichen Umbrüchen gibt es immer diejenigen, die davon profitieren, und zu diesen Profiteuren gehören auch Intellektuelle. Es gibt immer ein opportunistisches Verhalten. Was den Vergleich mit den Juden betrifft obwohl ich die Tragik, das Leiden und die Unterdrückung nicht verharmlosen will bin ich dagegen, bei Jáchymov von Vernichtungslager zu sprechen. Das waren Zwangsarbeitslager, die so geführt wurden, dass man die Vernichtung in Kauf genommen hat. Es waren aber keine Vernichtungslager.

 

Das Gespräch führte JAKUB EHRENBERGER. Der Autor studiert Anglistik und Germanistik an der Karlsuniversität Prag.

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