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„Es wird immer positiver“

Ondřej Matějka beurteilt im LZ-Gespräch die innertschechische Diskussion zur deutsch-tschechischen Geschichte und erzählt, wie er und seine Organisation „Antikomplex“ dazu beitragen..

 

LZ: Herr Matějka, was bedeutet eigentlich „Antikomplex“?

Es bedeutet gegen Komplexe. Komplexe, die durch unverarbeitete Probleme mit oder in der Vergangenheit verursacht worden sind. Das ist wie in der Psychoanalyse: Wenn man etwas nicht verarbeitet, dann wird es weiterhin als störend empfunden und kommt auf die ein oder andere Weise immer wieder hoch. Die Vertreibung der Deutschen wäre zum Beispiel so ein Komplex der Tschechen. Aber es gibt auch andere. Die Roma zum Beispiel. Wir wollen eine komplexfreie Gesellschaft, weil diese auch allgemein freier ist.

 

LZ: Wie sind Sie zu Antikomplex gekommen?

Ich kam vier Monate nach der Gründung dazu. Ich komme selbst aus dem Sudetenland, aus Liberec, und so hat mich das Thema natürlich interessiert. Ich habe mich gefragt, wieso eine tolle und beliebte Region wie Liberec so viel schlechter aussieht als der Rest Tschechiens. Die Erklärung ist eigentlich recht einfach: Es hängt mit der Vertreibung zusammen. Ich habe dann gemerkt, dass die Vertreibung ein Unrecht war. Natürlich muss man den historischen Kontext verstehen. Das sind die Gründe, die mich zu Antikomplex gebracht haben.

 

LZ: Was sind die Ziele von Antikomplex?

Antikomplex ist ein Verein, der seit 1998 eine Art tschechischer Aufarbeitung der deutschsprachigen Geschichte in den böhmischen Ländern anstrebt. Nicht, weil es eine vergangene Welt ist, die wir zurückholen wollen. Unser Ziel ist es, den Tschechen heute, vor allem denen, die in den einst deutschsprachigen Gebieten wohnen, diese Geschichte näherzubringen.

Denn diese Gebiete sind ja riesig. Sie umfassten ein Drittel der Fläche der heutigen Tschechischen Republik. Bis heute sind sie von dem Bevölkerungsaustausch nach dem Zweiten Weltkrieg betroffen.Man sieht das sowohl an den sozialen Strukturen, die dort herrschen, wie auch im Umgang der heutigen Bewohner mit dem kulturellen Erbe dieser Landschaften. Wir versuchen, die Menschen dort dazu zu inspirieren, dieses deutschsprachige Kulturerbe anzunehmen. Dadurch werden sie ihr eigenes Leben hier und heute nur bereichern.

 

LZ: Wie inspirieren Sie die Bewohner dieser Gegenden konkret zur Akzeptanz des deutschen Kulturerbes?

Hauptsächlich durch verschiedene Projekte, Bücher und Ausstellungen. Das erste und bis heute meistverkaufte Buch ist „Das verschwundene Sudetenland“. Dafür haben wir alte Bilder aus dem Sudetenland, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, genommen und die gleichen Orte heute fotografiert. So entstand ein Vergleich, der zeigt, wie sich das Sudetenland in den letzten sechzig Jahren entwickelt hat. Anhand dieses Vergleichs wird ein eindeutiger Verlust sichtbar – in kultureller, landschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Nicht dass man das bei uns nicht weiß. Aber erst wenn man das so deutlich vor Augen geführt bekommt, kann man sich davon angesprochen fühlen und etwas tun. Uns geht es darum, über den historischen Kontext Bescheid zu wissen und sich danach zu richten und ihn zu respektieren.

 

LZ: Wie reagieren die Menschen, die heute in diesen Gegenden leben, auf Ihre Aufklärungsarbeit?

Viele betrachten es als identitätsstiftend und spannend zu entdecken, dass die Geschichte der Ortschaften, aus denen sie stammen, nicht erst 1945 beginnt, sondern viel weiter zurückreicht. Zum Beispiel wenn sie Landsleute finden, die in dem Ort geboren und dann weltberühmt geworden sind. Und genau das ist ein Prozess, den wir versuchen, voranzubringen und zu inspirieren.

 

LZ: Geht es Ihnen nur darum, Komplexe von Tschechen zu heilen? Oder richten Sie sich in Ihrer Arbeit auch an die vertriebenen Deutschen und Ihre Nachkommen?

Natürlich ist es auch ein Teil unserer Tätigkeit, mit den Vertriebenen in Kontakt zu treten. Uns geht es darum, einen Dialog in beide Richtungen zu führen und in Tschechien für das Schicksal der Vertriebenen zu sensibilisieren.

In Deutschland herrscht ja die gängige Meinung, die Tschechen, die heute dort leben, hätten sich einfach nur bereichert. Das stimmt aber nur in sehr kleinem Ausmaß. Denn die ehemals deutschen Regionen wurden hier lange als zweitklassig behandelt. Diese Problematik haben wir in dem Buch „Sudetengeschichten“ bearbeitet, wo wir Lebensschicksale von Tschechen, die heute im Sudetenland leben, mit dem Schicksal von Deutschen, die von dort vertrieben wurden, vergleichen. Damit wollten wir ansprechen, was sonst außer Acht gelassen wird. Zum Beispiel konzentriert man sich normalerweiseauf die Vertreibungsphase, also die ersten Jahre nachdem Krieg. Aber was danach kam, also ab 1950, das weiß man nicht so genau. Die Deutschen wissen nicht, dass es für die Tschechen sehr schwer war, in diesen Regionen zu leben. Die Tschechen wiederum wissen nicht, wie schwer es für die Vertriebenen war, in Deutschland anzukommen und Fuß zu fassen, eine neue Existenz aufzubauen.

 

LZ: Was in diesen Gebieten oft noch heute ins Auge sticht, sind die architektonischen Sünden, die dort begangen wurden.

In unserem Buch „Landschaftliche Veränderungen im Sudetenland“ beschäftigen wir uns mit den zum Teil wirklich schrecklichen baulichen Entwicklungen im Sudetenland. Zum Beispiel im Riesengebirge, in Harrachov oder Spindlermühle. All das hängt zusammen mit dem Mangel an Kontextbewusstsein.

 

LZ: Oder nehmen Sie Kyselka. Sie haben ja sicher von dem Verfall dieses einstigen Kurbads bei Karlsbad gehört, das einst dem Namen „Mattoni“ Weltruhm verschafft hat. Engagieren Sie sich da auch?

Wir haben natürlich die Petition für den Erhalt Kyselkas unterzeichnet. Ich kaufe übrigens auch kein Mineralwasser der Marke „Mattoni“ mehr.

 

LZ: Antikomplex gibt nicht nur Bücher heraus, sondern leistet auch Bildungsarbeit an Schulen.Wie sieht die genau aus?

Das stimmt. Ein weiterer großer Teil unserer Arbeit sind Bildungs- und Schulprojekte. Die sind genauso wichtig wie die Bücher. Schulprojekte sind eigentlich unser Spezialgebiet. Dabei arbeiten wir vordergründig mit dem Thema „Sudetenland“, aber nicht nur. Wir gehen auch darüber hinaus. Vor allem im Sinne von Kommunalentwicklung. Das heißt, wir versuchen, die Beziehung der Schüler zu ihren Regionen zu fördern und so etwas wie Heimatkunde zu vermitteln. Das fehlt besonders in den Sudetengebieten und wir denken, das muss man stärken.

 

LZ: Wie wichtig ist Ihnen bei Ihrer Arbeit der Begegnungsaspekt?

Gemeinsam mit der „Jungen Aktion“, der Jugendorganisation der Ackermann-Gemeinde, und der JUKON, der Jugendorganisation der Landesversammlungder deutschen Minderheit, machen wir jeden Sommer unser schon traditionelles Projekt„Spurensuche“. Dabei fahren wir mit dem Fahrrad durch das Sudetenland und treffen auf interessante Geschichten und Persönlichkeiten.

In diesem Sommer fahren wir auf den Spuren des Reichenberger Kinderbuchautors Otfried Preußler (In Deutschland ist Preußler vor allem für seinen Räuber Hotzenplotz bekannt, der in diesem Jahr 50 Jahre alt wird., Anm. d. Red.). Preußler hat aber auch zwei Bücher für Erwachsene geschrieben – mit regionalem Hintergrund. Eines davon ist „Die Flucht nach Ägypten“, auf dessen Spuren wir Ende August radeln werden. Es ist ein wirklich tolles Buch, das uns die Region und deren Geschichte näherbringt.

 

LZ: Was erhoffen Sie sich von einem Projekt wie der „Spurensuche“?

Dass man das kulturelle Erbe belebt, Interesse an der Region weckt und sich dabei begegnet. Die Teilnehmer sind etwa 20 deutsche und tschechische Jugendliche. Wir haben aber auch einen Österreicher dabei, der schon zum vierten Mal mitfährt – er ist 81. Und er ist nicht der letzte, wenn es bergauf geht.

 

LZ: Welche Bedeutung hat die Aufarbeitung der deutsch-tschechischen Geschichte des letzten Jahrhunderts für die Gegenwart?

Man kann sagen, die Vertreibung war, nicht nur moralisch, ein Fehler. Sie hat unser Land ärmer gemacht. Viele Probleme, die wir heute haben, hängen auch mit der Vertreibung zusammen. Damit, dass man bei komplizierten Fragen immer die einfache Lösung nimmt. Statt dass man ein kompliziertes Zusammenleben wagt, gibt man es lieber ganz auf. Genauso hat man es vor 20 Jahren bei der Trennung von den Slowaken gemacht. Das Prinzip, das bei uns immer gewonnen hat, lautet: Lieber alleine zu leben und es einfacher zu haben, als sich die Mühe zu machen, mit anderen auszukommen. Auch was die Europäische Union angeht. Man glaubt, man kann einfach außen vor bleiben und schauen, was am günstigsten ist. Das heißt, man fühlt sich gar nicht für das Ganze, also Europa, verantwortlich. Man sieht auch am Beispiel der Roma, wie schwer sich die Tschechen tun, mit etwas Fremdem auszukommen. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden. Denn heute sind wir in einer Phase, in der das Land offener und bunter wird. Wir stehen vor der Frage, wie geht man mit dem Fremden, dem Anderen um. Und dabei sollte man aus den Fehlern der Geschichte, wie der Vertreibung der Deutschen, lernen.

 

LZ: Wie sehen die Reaktionen auf die Arbeit von Antikomplex aus?

Es gibt immer wieder kritische Reaktionen. Glücklicherweise immer weniger. Am Anfang war es viel heftiger. Da wurden wir zum Beispiel verdächtigt, im Solde der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu arbeiten. Inzwischen kennt man uns und weiß, was wir machen. Aber allgemein hat sich ja wahnsinnig viel in der Gesellschaft verändert. Es gibt Umfragen, die zeigen, wie sich die Meinungen zu den Nachkriegsereignissen entwickelt haben. Und die sind ziemlich eindeutig. Es wird innerhalb der tschechischen Gesellschaft viel offener über diese Ereignisse diskutiert. Und dadurch wächst auch die Kritikfähigkeit. Das heißt, es wird immer positiver.

 

LZ: Arbeiten Sie auch mit der deutschen Minderheit zusammen?

Wir machen ab und zu was mit ihnen zusammen. Gerade versuchen wir, ein Theaterprojekt mit den Älteren zu machen: „Theater der Unterdrückung“. Das ist eine Methode, bei der die Leute quasi nachspielen, was sie erlebt haben. Sie spielen also etwas, das von ihrer eigenen Geschichte inspiriert ist, vor einem Publikum. Das Publikum kann aber eingreifen und zum Beispiel sagen, so sollte man aber nicht reagieren oder man sollte es lieber so machen. Das ist eine Theatermethode, die zur Reflexion führen soll. Wir versuchen, das mit der deutschen Minderheit zu spielen, um auch zu neuen Einsichten zu kommen.

Außerdem arbeiten wir gerade an einem Buch über die deutsche Minderheit, das die breite Öffentlichkeit ansprechen soll.

 

LZ: Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf für die Zukunft?

Ich glaube, gerade was die deutsche Minderheit betrifft, könnte man noch einiges machen. Sie sollte hier im Lande präsenter sein und auch eine gewisse Anerkennung erreichen. Es ist zwar inzwischen nicht mehr so, dass man die verbliebenen Deutschen als etwas Negatives betrachtet. Aber eben auch nicht so, dass man sie als eine Quelle oder als Zeugen des ehemaligen kulturellen Reichtums sieht.

Für uns gibt es einfach den Bedarf, uns weiterzuentwickeln – und zu überleben. Das ist vor allem eine existentielle Frage, denn wir leben nur von Projekten. Das heißt, wir haben maximal immer nur ein Jahr Sicherheit.

Ich glaube, dass man auch auf staatlicher Ebene versuchen könnte, etwas mehr in Richtung Pflege des deutschsprachigen kulturellen Erbes zu unternehmen. Es ist toll, dass das Museum in Ústí entsteht. Aber man müsste auch schauen, dass das Museum in München verwirklicht wird. Dass daraus dann eine große Partnerschaft entsteht; die sich der Geschichte zwischen Bayern und Böhmen widmet. Das ist ein großes Feld, auf dem es noch sehr viel zu tun gibt.

 

Das Gespräch führte SARA DOSTAL.

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