Aktuelle Seite: StartseiteIm Gespräch„Unserer Meinung nach sollte ein Präsident für alle Bürger da sein“

„Unserer Meinung nach sollte ein Präsident für alle Bürger da sein“

Der Präsident des Prague Pride Festivals der sexuellen Minderheiten Czeslaw Walek gibt im LZ-Gespräch einen Rückblick auf Prague Pride 2012 und spricht über die Situation der Homosexuellen in Tschechien.

LZ: Herr Walek, Sind Sie zufrieden mit dem diesjährigen Prague Pride Festival?

Ja, wir sind sehr froh und zufrieden mit dem Ergebnis und der Beteiligung. Die Besucherzahl hat sich fast verdoppelt, was beeindruckend ist,  weil es schon im vergangenen Jahr ein großer Erfolg war. Die meisten Veranstaltungen wurden gut angenommen und wir haben es geschafft, die Aufmerksamkeit auf viele Themen zu lenken, die für uns wichtig sind.

LZ: Es gab sehr viele verschiedene Veranstaltungen: Ausstellungen, politische Diskussionen, Konzerte, die Parade. Was denken Sie, kam am besten beim Publikum an?

Die Parade ist natürlich unsere sichtbarste und meistbesuchte Veranstaltung und sie kam – den vielen fröhlichen Gesichtern nach zu urteilen  – wirklich sehr gut an bei den Tausenden Teilnehmern und Besuchern. Auf der anderen Seite kann man so ein Fest nicht organisieren, ohne  auch auf die Probleme und Ungleichheiten aufmerksam zu machen, der unsere Community im Alltag ausgesetzt ist. Unser umfangreiches  Programm, mit dem wir uns einer Vielzahl dieser Th emen widmeten, wurde von unseren Besuchern am meisten gewertschätzt – darunter einige Highlights wie eine Ausstellung zu gleichgeschlechtlichen Familienmodellen und ein Transgender-Abend.

LZ: Was war Ihr persönliches Highlight?

Das war für mich der Roma-Abend, den wir organisiert haben. Es gab Debatten, Ausstellungen und Musik von der LGBT  (LesbianGayBiTrangender) Community Diese Gruppe hat ihre ganz eigenen Schwierigkeiten und Probleme und es war das erste Mal, dass diese öff entlich in der Tschechischen Republik geäußert und diskutiert wurden.

 

LZ: Wissen Sie etwas über die genaue Besucherzahl?

Zu den verschiedenen Events kamen insgesamt rund 30 000 Besucher. Wir schätzen, dass mindestens 15 000 bei der Parade mitgelaufen  sind, dazu kommen noch die vielen Zuschauer auf den Straßen und beim Musikfestival danach.

LZ: Woher kam die Idee für das Prague Pride Festival, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal stattfand?

Wir hatten das Gefühl, dass die Zeit reif ist, Tschechien und dem Rest der Welt zu zeigen, dass Prag eine lebhafte, bunte und facettenreiche LGBT Community hat, die Teil der Stadt ist, auch wenn sie normalerweise nicht so sichtbar ist. Prague Pride zeigt nicht nur der allgemeinen Öffentlichkeit, dass wir da sind. Vor allem zeigen wir den Jugendlichen, die mit sich und ihrem Comingout ringen, dass sie nicht alleine sind.

LZ: Sind Sie dabei auch auf Schwierigkeiten gestoßen?

Letztes Jahr, als wir zum ersten Mal das Prague Pride Festival organisiert haben, stießen wir auf große Skepsis, sogar innerhalb der LGBT  Community. Die Leute wussten nicht, was sie erwartete und selbst in diesem Jahr war es schwierig einzuschätzen, wie viele Menschen  tatsächlich bei unseren Veranstaltungen auftauchen würden. Dennoch war es nach dem großen Erfolg im letzten Jahr diesmal einfacher für uns. Wir danken der Stadtverwaltung, der Polizei und allen unseren Partnern für die gute Zusammenarbeit.

LZ: Wie reagieren Sie auf Václav Klaus‘ diskriminierende Äußerungen und seine Unterstützung für die Gegner von Prague Pride?

Wir haben mehrfach erklärt, dass diese Äußerungen gefährlich für einen großen Teil der tschechischen Gesellschaft sind, besonders wenn  sie vom Staatsoberhaupt kommen. Gewisse rechte Gruppierungen innerhalb der tschechischen Gesellschaft haben diese Äußerungen bereits als Rechtfertigung für noch extremere Positionen benutzt. Unserer Meinung nach sollte ein Präsident für alle Bürger da sein, er sollte eine  Nation einen und nicht spalten, wie es Herr Klaus getan hat.

LZ: Was glauben Sie, woher seine Intoleranz kommt?

Beziehungsweise die Intoleranz innerhalb der Gesellschaft, die sich in den Protesten gezeigt hat? Sie kommt größtenteils durch Unwissenheit zustande. Die Einwände, die diese Gruppierungen gegen unser Festival vorbringen, basieren auf den allgemeinen Vorurteilen gegenüber der  LGBT Community. Prague Pride will zeigen, dass es nicht den schwulen Mann oder die lesbische Frau gibt, sondern dass wir alle  verschieden sind und es uns zusteht, unser Leben frei und gleich zu leben.

LZ: Glauben Sie, Prague Pride hat eine Entwicklung hin zu mehr Toleranz ausgelöst? Beobachten Sie Veränderungen innerhalb der  Gesellschaft?

Ganz sicher hat es unsere Gemeinschaft sichtbarer gemacht und ein Feld für Diskussionen eröffnet. Es ist natürlich schwer, die Ansichten  der breiten Öffentlichkeit zu analysieren. Allerdings hatten in der Debatte der drei Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl, die wir organisiert haben, allesamt tolerantere Ansichten als der jetzige Präsident.

LZ: Wie bewerten Sie die tschechische Gesellschaft insgesamt, wenn es um Toleranz und die Rechte von Homosexuellen geht?

Lonely Planet hat kürzlich eine Liste von Städten veröffentlicht, die am tolerantesten gegenüber Schwulen und Lesben sind und Prag landete  bei diesem Ranking auf Platz neun. Prag ist definitiv die toleranteste Stadt des ehemaligen Ostblocks. Allerdings sieht es außerhalb von Prag ganz anders aus.

LZ: Gibt es auch internationale Kooperationen, zum Beispiel mit der deutschen Szene?

Wir hatten dieses Jahr eine Partnerschaft mit Hamburg Pride, die wir auch in den kommenden Jahren weiterführen wollen. Zwischen Prag  und Hamburg existiert ja auch eine offizielle Städtepartnerschaft. Wir haben Hamburg Pride besucht und sie uns. Die  homosexuellenbewegung dort hat schon viel erreicht und ist sehr viel mehr involviert in den politischen Parteien. Es gibt dort kaum Einwände
gegen das Pride Festival und die ganze Stadt feiert mit.

LZ: Was sind Ihre Wünsche und Pläne für Prague Pride 2013?

Wir haben schon tolle Ideen für das nächste Jahr, aber im Moment beschäftigen wir uns erst einmal mit der Auswertung dieses Jahrgangs. Wir wollen auf jeden Fall weitermachen. Immerhin haben wir es geschafft, Prague Pride als größtes Pride Event in Mittel- und Osteuropa zu etablieren. Ich erwarte, dass die Zahl der Teilnehmer mit den Jahren noch ansteigt, denn wir sind gerade dabei, uns einen wirklich guten Namen zu machen.

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