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"Prag als Ort der Inspiration wiederbeleben"

 

Die Leiterin des Prager Literaturhauses, Lucie Černohousová, verlässt nach sechs Jahren das „Mütterchen mit Krallen“. Im LZ-Gespräch blickt sie zurück auf sechs Jahre im Dienste der Prager deutschsprachigen Literatur.

 

 LZ: Frau Černohousová, Sie haben das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren in den letzten sechs Jahren geleitet und sind sozusagen von Beginn an dabei. Wie sahen die Anfänge des Literaturhauses aus?

 Das Literaturhaus wurde am 8. September 2004 gegründet. Aber schon einige Jahre früher haben sich die Gründer Lenka Reinerová, František Černý und Kurt Krolop mit der Idee beschäftigt, wie ein Ort aussehen könnte, der deutschsprachigen Schriftstellern aus den böhmischen Ländern gewidmet ist. Darüber schrieb ja Lenka Reinerová schon in ihrem Buch „Traumcafé einer Pragerin“. Am Anfang gab es die Überlegung, ein Museum ins Leben zu rufen. Der damalige tschechische Kultusminister Pavel Dostal, warnte aber davor. Finanzierung und Unterhaltung seien zu aufwändig. Und so ist dann das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren entstanden. Ein ganz schön langer Name, dachte ich damals. Anfangs hatte ich neben dem Telefon sogar einen Zettel mit dem Namen liegen. Und genau genommen müsste es sogar heißen Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren aus den böhmischen Ländern oder aus Böhmen, Mähren und Schlesien.

 

LZ: Wie sahen Ihre Anfänge im Dienste des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren aus den böhmischen Ländern aus?

 Ich stieß im Februar 2006 zum Literaturhaus. Als erste bezahlte Kraft, die als zweijährige Projektmanagerstelle der Robert-Bosch-Stiftung finanziert wurde. Die Brücke/Most-Stiftung hatte uns damals ein Büro in der Straße Na Poříči zur Verfügung gestellt. Ich fand das irgendwie passend, denn direkt gegenüber war früher die Arbeitsunfallversicherung, wo Franz Kafka gearbeitet hat. Der Anfang war recht schwierig für mich, da ich nicht aus Prag stamme. Ich komme aus Hradec Králové, habe in Olmütz studiert und kam zunächst über Berlin nach Prag. František Černý, unser Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender, hat mich zu dieser Zeit häufig als „das Fräulein aus der Provinz“ vorgestellt. Ich musste ihn dann natürlich korrigieren: „Herr Černý, ich komme aber gerade aus Berlin, das ist wesentlich größer als Prag“, habe ich dann immer gesagt. Aber František Černý hat mir am Anfang sehr geholfen, denn ich kannte ja kaum jemanden in Prag. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Empfang an der Deutschen Botschaft. Herr Černý sagte: „Lucie, bleiben Sie hier stehen und rühren Sie sich nicht von der Stelle.“ Und dann hat er mir eine ganze Reihe Leute vorgeführt, denen er mich immer mit den Worten vorstellte: „Wir haben ein Literaturhaus gegründet, wir haben nichts, aber wir haben Lucie. Das ist unser Literaturhaus.“ Sie können sich vorstellen, dass wir mit der Zeit ein gutes Team geworden sind.

 

LZ: In den ersten Jahren gab es noch gar kein Literaturhaus im eigentlichen Sinne, sondern eher ein  Literaturbüro. Wie sah dort der Arbeitsalltag aus?

 Es war ein sehr schönes und möbliertes, aber ansonsten völlig leeres Büro. Ich bekam einen relativ schmalen Ordner mit den Unterlagen des Literaturhauses und einen Schlüssel. Dann hieß es: „So, machen Sie mal.“ Ich musste also lange Zeit meinen privaten Computer mit mir herumtragen. Nach etwa einem Jahr konnten wir uns, dank einer Spende von  e.on den ersten eigenen Computer leisten.

 

LZ: Das klingt nach einer Herausforderung. Wie sahen Ihre ersten Arbeitsschritte aus, als Sie sozusagen den Grundstein für das Literaturhaus als gemeinnützige Institution gelegt haben?

 Anfangs ging es vor allem darum festzustellen, ob es überhaupt ein Interesse daran gibt, die deutschsprachige Literatur der böhmischen Länder wiederzubeleben und der Öffentlichkeit näher zu bringen. Undfalls ja, wie sollte es erreicht werden und wen sollte es ansprechen. Das war die Voraussetzung für die Gründung eines Stiftungsfonds.Das erste, was ich gemacht habe, war, die Büchersammlung des Literaturhauses aus dem Keller desMuseums in Ústí nad Labem nach Prag zu holen. Diese1 200 Bände umfassende Sammlung ist eine Spende von Katherina Holzheuer und, laut des GermanistenMilan Tvrdík, die vollständigste Sammlung deutschsprachiger Literatur aus den böhmischen Ländern, die öffentlich zugänglich und an einem Ort versammelt ist.

Interessant ist aber vor allem die Geschichte der Sammlung. Katharina Holzheuer war als Antiquariatsbibliothekarin in Würzburg für die mittelosteuropäischen Märkte zuständig. Auf ihren Reisen nach Prag oder in die Tschechoslowakei hat sie irgendwann festgestellt, dass man zwei Arten von Autoren nicht offiziell, sondern nur unter dem Tisch kaufen kann: die deutschsprachigen Autoren aus den böhmischen Ländern und die Exilautoren. Und so hat sie damals gezielt diese Literatur angekauft. Als sie nach der Wende auf einer Lesereise von Lenka Reinerová von der Gründung des Literaturhauses hörte, hat sie einen Teil ihrer Bibliothek dem Literaturhaus gewidmet.

 

 LZ: Und die Bibliothek war damals in dem Literaturbüro schon für Besucher geöffnet?

 Ja, es kamen Gruppen von deutschsprachigen Literaturinteressierten, haben sich die Bibliothek angeschaut und Lesungen veranstaltet. Dabei haben sie unter anderem festgestellt, dass es dort kein Buch von Franz Kafka gab. Das ist gleichzeitig symptomatisch für unseren Ansatz gewesen, weil wir sagen, wir machen alles außer Kafka. In Prag gibt es das kommerzielle Kafka-Museum, einer unserer Mitbegründer ist die Franz-Kafka-Gesellschaft, also warum sollten wir auch noch unseren Fokus auf Franz Kafka legen, der inzwischen zu so einer großen Ikone geworden ist. Für uns ist er eher einer von vielen Autoren, die in Prag gelebt und auf Deutsch geschrieben haben.

 

LZ: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Veranstaltung?

 Die erste Veranstaltung war ein Vortrag von Hans-Dieter Zimmermann zur Prager deutschsprachigen Literatur und im Anschluss gab es eine Diskussion mit Experten auf diesem Gebiet: Milan Tvrdík, Kurt Krolop und Jiří Stromšík. Erst danach erfuhr ich, dass Professor Stromšík eigentlich kaum und nur sehr ungern öffentlich auftritt und es sozusagen fast schon eine Ausnahme war. Da war ich schon ein bisschen stolz, dass es mir gelungen ist. Der Vortrag fand damals im Tschechischen Zentrum statt, das uns seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Ich glaube, es war auch deren erste Veranstaltung. Der Saal war proppenvoll und daran merkte man, dass viele hier in Prag auf das Literaturhaus gewartet haben. Die Besucher des Vortrags kamen auf uns zu, um uns zu sagen, als was für einen wichtigen Schritt sie die Gründung des Literaturhauses betrachteten. Einer unserer ersten Schwerpunkte war die Migration deutscher Schriftsteller nach Prag in den 30er Jahren, nach Hitlers Machtübernahme. Das war ein wichtiges Thema für unsere Gründerin  Lenka Reinerová.

 Gern erinnere ich mich auch an einen Abend mit Liedern von Max Brod. Es ist kaum bekannt, dass Max Brod auch komponiert hat. Zusammen mit der israelischen Botschaft haben wir den Komponisten Tzvi Avni, der Max Brod noch aus seiner israelischen Zeit kannte, nach Prag eingeladen. Brod hat sich in Israel stark für den Aufbau der dortigen Musikinstitute eingesetzt. Israel als Staat wurde ja erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und musste aufgebaut werden. Und da ich neben Germanistik auch Musikwissenschaften studiert habe, war das für mich natürlich ein Höhepunkt.

 

LZ: Zu den literaturwissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen, die sich größtenteils mit der Literatur der Vergangenheit beschäftigen, kam auch  bald ein Stipendiatenprogramm hinzu, bei dem die Gegenwartsliteratur im Mittelpunkt steht.

 Das Stipendiatenprogramm knüpft für mich eigentlich auch an die Geschichte an. Früher war Prag ein Ort des Austauschs zwischen Schriftstellern. Viele der deutschsprachigen Autoren konnten Tschechisch, kannten tschechische Schriftsteller, haben sie übersetzt und ihnen so zu einem größeren Publikum verholfen. Heute gibt es keine deutschsprachigen Autoren mehr in den böhmischen Ländern. Aber es gibt unser Stipendiatenprogramm. Wenn wir einen Stipendiaten zu Gast haben, bemühen wir uns, Kontakte zu  tschechischen Schriftstellern herzustellen. Wir  haben ja auch tschechische Stipendiaten. Es geht auch darum, Prag als einen Ort der Inspiration  wiederzubeleben. Prag als Motiv war immer sehr wichtig. Sowohl für die deutschsprachige als auch für die tschechische Literatur.

 

LZ: Sie haben auch tschechische Stipendiaten?

 Ja, die schicken wir nach Deutschland beziehungsweise Österreich. Wir haben im Jahr 2007 mit den ersten Schriftstellerstipendien angefangen. Radka Denemarková ist im Oktober 2007 nach Wiesbaden in die Villa Clementine zum Hessischen Literaturrat gefahren. Der erste Stipendiat, der zu uns nach Prag kam, war Peter Härtling, was mich sehr gefreut hat. Er hat ja während des Zweiten Weltkriegs einige Zeit in Olmütz gelebt, wo ich studiert habe. Obwohl er schon ein älterer Herr ist, war er sehr pflegeleicht. Einer der pflegeleichtesten Schriftsteller, die wir hatten. Wir haben eine Lesung mit ihm im deutsch-tschechischen Kindergarten Kids Company, der damals noch in Žižkov seinen Sitz hatte, veranstaltet. Ich bin dann zwei Wochen später in den Kindergarten gegangen, um sein signiertes Buch als Geschenk zu überbringen. In dem Moment, als ich den Kindern sagte, dass ich einen Gruß von Herrn Härtling dabei habe, sind die Kinder aufgesprungen, haben  gejubelt und angefangen,  die Geschichten nachzuerzählen. Das hat mich beeindruckt.

 

LZ: Wie viele Stipendiaten haben Sie im Durchschnitt pro Jahr?

 Wir haben pro Jahr meistens sieben Stipendiaten für ein bis zwei Monate zu Gast. Inzwischen ist es schon zur Tradition geworden, dass wir uns mit zwei deutschsprachigen und zwei tschechischen Autoren auf der Leipziger Buchmesse mit Lesungen präsentieren.

 

LZ: Nun haben Sie gerade, kurz bevor Sie das Literaturhaus – zumindest als Leiterin – verlassen, das „Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur“ eröffnet. Die Idee zu einer Dauerausstellung gab es ja schon länger, jetzt wurde sie realisiert.

Die Idee einer Dauerausstellung war natürlich daran gebunden, dass wir erst einmal ein echtes Literaturhaus werden, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Durch die Unterstützung des Stadtbezirks Prag 2 konnten wir schließlich im April 2009 unsere jetzigen Räume in der Ječná beziehen und der Plan für die Dauerausstellung nahm Form an.

 

LZ: Was verbirgt sich hinter dem Wort „Kabinett“?

 Für mich ist ein Kabinett etwas Geheimnisvolles und Nichtalltägliches. Wenn man drin ist, kann man staunen. Ich hoffe, das ist uns gelungen. Das Schwierige daran war, dass das Thema sehr umfangreich ist. Auch die Experten sind sich uneinig, wo die Grenzen dieser vielfältigen Literatur verlaufen. Wir hatten 34 Quadratmeter zur  Verfügung, um diese Vielfalt zu zeigen. Und mir ging es darum, diese spezifische Literatur der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und den Besuchern Wege zur Prager deutschsprachigen Literatur zu öffnen und anzubieten.

 

LZ: An welches Publikum richtet sich das Literaturhaus?

 Wir haben ein relativ breitgefächertes Publikum. Wir machen Projekte für Kinder im Kindergartenalter oder Workshops für Schüler. Wir veranstalten einen Rezitationswettbewerb für Jugendliche und arbeiten mit Universitäten und Studenten zusammen. Zu unseren Veranstaltungen kommen Germanisten, Historiker und Menschen, die sich für die deutschtschechischen Beziehungen interessieren. Und das sind Leute in jedem Alter.

 

LZ: Sie haben das Literaturhaus mit viel Engagement zu dem gemacht, was heute ist. Woher kommt Ihre Leidenschaft für die deutschsprachige Literatur der böhmischen Länder?

 Ich glaube daran, dass es wichtig ist, den Menschen zu vermitteln, dass es hier eine reichhaltige und lange deutschsprachige literarische Tradition gibt. Die ist nämlich sehr prägend in unserem böhmisch-mährischen Kessel. Als ich angefangen habe, hat mich mein Opa gefragt, ob mir klar ist, dass meine Oma vertrieben wurde. Also, dass sie nach dem Münchner Abkommen ins Landesinnere geflohen ist. Ihr Vater wollte nämlich, dass sie weiterhin eine tschechische Schule besucht. Ich musste ihn dann überzeugen, dass das Literaturhaus kein Regermanisierungsversuch ist. Sondern dass wir einfach auf die gemeinsamen böhmischen Wurzeln von Tschechen und Deutschen hinweisen möchten. Wurzeln, die auch zeigen, wie fruchtbar das Zusammenleben dieser heterogenen Gesellschaft hier war.

 

LZ: Sie verlassen nun nach sechs Jahren als Leiterin das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Was wünschen Sie ihm für die Zukunft?                 

 In den letzten Tagen muss ich sehr oft an Lenka Reinerovás letzte Worte in einem Film denken. Dort sagt sie: „Wenn es mir gelungen ist, ein paar Leuten  in schwierigen Situationen zu helfen, wenn es mir gelungen ist, dieses Literaturhaus auf die Beine zu stellen und es ohne mich zurecht kommt, dann kann ich mit meinem Leben zufrieden sein.“ Und so denke auch ich mir, wenn es mir gelungen ist, das Literaturhaus aufzubauen und zu etablieren, so dass es ein fester Bestandteil des hiesigen Kulturlebens bleibt, bin ich zufrieden. Es ist nicht leicht für eine gemeinnützige Organisation, die nur durch die Förderung Dritter lebt. Und es wird auch nicht leichter werden. Aber wenn es mir gelungen ist, interessante Inhalte von Qualität zu vermitteln und vielleicht ein Stück des Traums von Lenka Reinerová zu realisieren, dann bin ich zufrieden.

 

Die Leiterin des Prager Literaturhauses
Lucie Černohousová
verlässt nach sechs Jahren das
„Mütterchen mit Krallen“. Im
LZ-Gespräch blickt sie zurück
auf sechs Jahre im Dienste
der Prager deutschsprachigen
Literatur.
LZ: Frau Černohousová, Sie haben das Prager
Literaturhaus deutschsprachiger Autoren in den
letzten sechs Jahren geleitet und sind sozusagen von
Beginn an dabei. Wie sahen die Anfänge des Literaturhauses
aus?
Das Literaturhaus wurde am 8. September 2004 gegründet.
Aber schon einige Jahre früher haben sich die
Gründer Lenka Reinerová, František Černý und Kurt
Krolop mit der Idee beschäftigt, wie ein Ort aussehen
könnte, der deutschsprachigen Schriftstellern aus den
böhmischen Ländern gewidmet ist. Darüber schrieb
ja Lenka Reinerová schon in ihrem Buch „Traumcafé
einer Pragerin“.
Am Anfang gab es die Überlegung, ein Museum ins
Leben zu rufen. Der damalige tschechische Kultusminister
Pavel Dostal, warnte aber davor. Finanzierung
und Unterhaltung seien zu aufwändig.
Und so ist dann das Prager Literaturhaus deutschsprachiger
Autoren entstanden. Ein ganz schön langer
Name, dachte ich damals. Anfangs hatte ich neben
dem Telefon sogar einen Zettel mit dem Namen liegen.
Und genau genommen müsste es sogar heißen
Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren aus
den böhmischen Ländern oder aus Böhmen, Mähren
und Schlesien.
LZ: Wie sahen Ihre Anfänge im Dienste des Prager
Literaturhauses deutschsprachiger Autoren aus den
böhmischen Ländern aus?
Ich stieß im Februar 2006 zum Literaturhaus. Als
erste bezahlte Kraft, die als zweijährige Projektmanagerstelle
der Robert-Bosch-Stiftung fi nanziert wurde.
Die Brücke/Most-Stiftung hatte uns damals ein Büro
in der Straße Na Poříči zur Verfügung gestellt. Ich fand
das irgendwie passend, denn direkt gegenüber war
früher die Arbeitsunfallversicherung, wo Franz Kafka
gearbeitet hat.
Der Anfang war recht schwierig für mich, da ich
nicht aus Prag stamme. Ich komme aus Hradec Králové,
habe in Olmütz studiert und kam zunächst über
Berlin nach Prag. František Černý, unser Mitbegründer
und Vorstandsvorsitzender, hat mich zu dieser
Zeit häufi g als „das Fräulein aus der Provinz“ vorgestellt.
Ich musste ihn dann natürlich korrigieren:
„Herr Černý, ich komme aber gerade aus Berlin, das
ist wesentlich größer als Prag“, habe ich dann immer
gesagt. Aber František Černý hat mir am Anfang sehr
geholfen, denn ich kannte ja kaum jemanden in Prag.
Ich erinnere mich noch an meinen ersten Empfang
an der Deutschen Botschaft. Herr Černý sagte: „Lucie,
bleiben Sie hier stehen und rühren Sie sich nicht
von der Stelle.“ Und dann hat er mir eine ganze Reihe
Leute vorgeführt, denen er mich immer mit den Worten
vorstellte: „Wir haben ein Literaturhaus gegründet,
wir haben nichts, aber wir haben Lucie. Das ist
unser Literaturhaus.“ Sie können sich vorstellen, dass
wir mit der Zeit ein gutes Team geworden sind.
LZ: In den ersten Jahren gab es noch gar kein Literaturhaus
im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Literaturbüro.
Wie sah dort der Arbeitsalltag aus?
Es war ein sehr schönes und möbliertes, aber ansonsten
völlig leeres Büro. Ich bekam einen relativ
schmalen Ordner mit den Unterlagen des Literaturhauses
und einen Schlüssel. Dann hieß es: „So,
machen Sie mal.“ Ich musste also lange Zeit meinen
privaten Computer mit mir herumtragen. Nach etwa
einem Jahr konnten wir uns, dank einer Spende von
e.on den ersten eigenen Computer leisten.
LZ: Das klingt nach einer Herausforderung. Wie sahen
Ihre ersten Arbeitsschritte aus, als Sie sozusagen
den Grundstein für das Literaturhaus als gemeinnützige
Institution gelegt haben?
Anfangs ging es vor allem darum festzustellen, ob es
überhaupt ein Interesse daran gibt, die deutschsprachige
Literatur der böhmischen Länder wiederzubeleben
und der Öff entlichkeit näher zu bringen. Und
falls ja, wie sollte es erreicht werden und wen sollte es
ansprechen. Das war die Voraussetzung für die Gründung
eines Stiftungsfonds.
Das erste, was ich gemacht habe, war, die Büchersammlung
des Literaturhauses aus dem Keller des
Museums in Ústí nad Labem nach Prag zu holen. Diese
1 200 Bände umfassende Sammlung ist eine Spende
von Katherina Holzheuer und, laut des Germanisten
Milan Tvrdík, die vollständigste Sammlung deutschsprachiger
Literatur aus den böhmischen Ländern,
die öff entlich zugänglich und an einem Ort versammelt
ist.
Interessant ist aber vor allem die Geschichte der
Sammlung. Katharina Holzheuer war als Antiquariatsbibliothekarin
in Würzburg für die mittelosteuropäischen
Märkte zuständig. Auf ihren Reisen nach
Prag oder in die Tschechoslowakei hat sie irgendwann
festgestellt, dass man zwei Arten von Autoren nicht offi
ziell, sondern nur unter dem Tisch kaufen kann: die
deutschsprachigen Autoren aus den böhmischen Ländern
und die Exilautoren. Und so hat sie damals gezielt
diese Literatur angekauft. Als sie nach der Wende auf
einer Lesereise von Lenka Reinerová von der Gründung
des Literaturhauses hörte, hat sie einen Teil ihrer
Bibliothek dem Literaturhaus gewidmet.
LZ: Und die Bibliothek war damals in dem Literaturbüro
schon für Besucher geöff net?
Ja, es kamen Gruppen von deutschsprachigen Literaturinteressierten,
haben sich die Bibliothek angeschaut
und Lesungen veranstaltet. Dabei haben sie
unter anderem festgestellt, dass es dort kein Buch von
Franz Kafka gab. Das ist gleichzeitig symptomatisch
für unseren Ansatz gewesen, weil wir sagen, wir machen
alles außer Kafka. In Prag gibt es das kommerzielle
Kafka-Museum, einer unserer Mitbegründer ist
die Franz-Kafka-Gesellschaft, also warum sollten wir
auch noch unseren Fokus auf Franz Kafka legen, der
inzwischen zu so einer großen Ikone geworden ist.
Für uns ist er eher einer von vielen Autoren, die in
Prag gelebt und auf Deutsch geschrieben haben.
LZ: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Veranstaltung?
Die erste Veranstaltung war ein Vortrag von Hans-
Dieter Zimmermann zur Prager deutschsprachigen
Literatur und im Anschluss gab es eine Diskussion
mit Experten auf diesem Gebiet: Milan Tvrdík, Kurt
Krolop und Jiří Stromšík. Erst danach erfuhr ich, dass
Professor Stromšík eigentlich kaum und nur sehr ungern
öff entlich auftritt und es sozusagen fast schon
eine Ausnahme war. Da war ich schon ein bisschen
stolz, dass es mir gelungen ist.
Der Vortrag fand damals im Tschechischen Zentrum
statt, das uns seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.
Ich glaube, es war auch deren erste Veran staltung.
Der Saal war proppenvoll und daran merkte man,
dass viele hier in Prag auf das Literaturhaus gewartet
haben. Die Besucher des Vortrags kamen auf uns zu,
um uns zu sagen, als was für einen wichtigen Schritt
sie die Gründung des Literaturhauses betrachteten.
Einer unserer ersten Schwerpunkte war die Migration
deutscher Schriftsteller nach Prag in den 30er
Jahren, nach Hitlers Machtübernahme. Das war ein
wichtiges Th ema für unsere Gründerin Lenka Reinerová.
Gern erinnere ich mich auch an einen Abend
mit Liedern von Max Brod. Es ist kaum bekannt, dass
Max Brod auch komponiert hat. Zusammen mit der
israelischen Botschaft haben wir den Komponisten
Tzvi Avni, der Max Brod noch aus seiner israelischen
Zeit kannte, nach Prag eingeladen. Brod hat sich in
Israel stark für den Aufbau der dortigen Musikinstitute
eingesetzt. Israel als Staat wurde ja erst nach dem
Zweiten Weltkrieg gegründet und musste aufgebaut
werden. Und da ich neben Germanistik auch Musikwissenschaften
studiert habe, war das für mich natürlich
ein Höhepunkt.
LZ: Zu den literaturwissenschaftlichen und kulturellen
Veranstaltungen, die sich größtenteils mit der
Literatur der Vergangenheit beschäftigen, kam auch
bald ein Stipendiatenprogramm hinzu, bei dem die
Gegenwartsliteratur im Mittelpunkt steht.
Das Stipendiatenprogramm knüpft für mich eigentlich
auch an die Geschichte an. Früher war Prag ein
Ort des Austauschs zwischen Schriftstellern. Viele
der deutschsprachigen Autoren konnten Tschechisch,
kannten tschechische Schriftsteller, haben sie übersetzt
und ihnen so zu einem größeren Publikum verholfen.
Heute gibt es keine deutschsprachigen Autoren
mehr in den böhmischen Ländern. Aber es gibt
unser Stipendiatenprogramm. Wenn wir einen Stipendiaten
zu Gast haben, bemühen wir uns, Kontakte
zu tschechischen Schriftstellern herzustellen. Wir
haben ja auch tschechische Stipendiaten.
Es geht auch darum, Prag als einen Ort der Inspiration
wiederzubeleben. Prag als Motiv war immer sehr
wichtig. Sowohl für die deutschsprachige als auch für
die tschechische Literatur.
LZ: Sie haben auch tschechische Stipendiaten?
Ja, die schicken wir nach Deutschland beziehungsweise
Österreich. Wir haben im Jahr 2007 mit
den ersten Schriftstellerstipendien angefangen. Radka
Denemarková ist im Oktober 2007 nach Wiesbaden
in die Villa Clementine zum Hessischen Literaturrat
gefahren.
Der erste Stipendiat, der zu uns nach Prag kam,
war Peter Härtling, was mich sehr gefreut hat. Er
hat ja während des Zweiten Weltkriegs einige Zeit in
Olmütz gelebt, wo ich studiert habe. Obwohl er schon
ein älterer Herr ist, war er sehr pfl egeleicht. Einer der
pfl egeleichtesten Schriftsteller, die wir hatten. Wir
haben eine Lesung mit ihm im deutsch-tschechischen
Kindergarten Kids Company, der damals noch
in Žižkov seinen Sitz hatte, veranstaltet. Ich bin dann
zwei Wochen später in den Kindergarten gegangen,
um sein signiertes Buch als Geschenk zu überbringen.
In dem Moment, als ich den Kindern sagte, dass ich
einen Gruß von Herrn Härtling dabei habe, sind die
Kinder aufgesprungen, haben gejubelt und angefangen,
die Geschichten nachzuerzählen. Das hat mich
beeindruckt.
LZ: Wie viele Stipendiaten haben Sie im Durchschnitt
pro Jahr?
Wir haben pro Jahr meistens sieben Stipendiaten
für ein bis zwei Monate zu Gast. Inzwischen ist
es schon zur Tradition geworden, dass wir uns mit
zwei deutschsprachigen und zwei tschechischen
Autoren auf der Leipziger Buchmesse mit Lesungen
präsentieren.
LZ: Nun haben Sie gerade, kurz bevor Sie das Literaturhaus
– zumindest als Leiterin – verlassen, das
„Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur“
eröff net. Die Idee zu einer Dauerausstellung gab es ja
schon länger, jetzt wurde sie realisiert.
Die Idee einer Dauerausstellung war natürlich daran
gebunden, dass wir erst einmal ein echtes Literaturhaus
werden, das für die Öff entlichkeit zugänglich
ist. Durch die Unterstützung des Stadtbezirks Prag 2
konnten wir schließlich im April 2009 unsere jetzigen
Räume in der Ječná beziehen und der Plan für die
Dauerausstellung nahm Form an.
LZ: Was verbirgt sich hinter dem Wort „Kabinett“?
Für mich ist ein Kabinett etwas Geheimnisvolles
und Nichtalltägliches. Wenn man drin ist, kann man
staunen. Ich hoff e, das ist uns gelungen.
Das Schwierige daran war, dass das Th ema sehr umfangreich
ist. Auch die Experten sind sich uneinig, wo
die Grenzen dieser vielfältigen Literatur verlaufen. Wir
hatten 34 Quadratmeter zur Verfügung, um diese Vielfalt
zu zeigen. Und mir ging es darum, diese spezifi sche
Literatur der breiten Öff entlichkeit zugänglich zu machen
und den Besuchern Wege zur Prager deutschsprachigen
Literatur zu öff nen und anzubieten.
LZ: An welches Publikum richtet sich das Literaturhaus?
Wir haben ein relativ breitgefächertes Publikum.
Wir machen Projekte für Kinder im Kindergartenalter
oder Workshops für Schüler. Wir veranstalten
einen Rezitationswettbewerb für Jugendliche und arbeiten
mit Universitäten und Studenten zusammen.
Zu unseren Veranstaltungen kommen Germanisten,
Historiker und Menschen, die sich für die deutschtschechischen
Beziehungen interessieren. Und das
sind Leute in jedem Alter.
LZ: Sie haben das Literaturhaus mit viel Engagement
zu dem gemacht, was heute ist. Woher kommt Ihre
Leidenschaft für die deutschsprachige Literatur der
böhmischen Länder?
Ich glaube daran, dass es wichtig ist, den Menschen
zu vermitteln, dass es hier eine reichhaltige und lange
deutschsprachige literarische Tradition gibt. Die ist
nämlich sehr prägend in unserem böhmisch-mährischen
Kessel.
Als ich angefangen habe, hat mich mein Opa gefragt,
ob mir klar ist, dass meine Oma vertrieben
wurde. Also, dass sie nach dem Münchner Abkommen
ins Landesinnere gefl ohen ist. Ihr Vater wollte
nämlich, dass sie weiterhin eine tschechische Schule
besucht. Ich musste ihn dann überzeugen, dass
das Literaturhaus kein Regermanisierungsversuch
ist. Sondern dass wir einfach auf die gemeinsamen
böhmischen Wurzeln von Tschechen und Deutschen
hinweisen möchten. Wurzeln, die auch zeigen, wie
fruchtbar das Zusammenleben dieser heterogenen
Gesellschaft hier war.
LZ: Sie verlassen nun nach sechs Jahren als Leiterin
das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.
Was wünschen Sie ihm für die Zukunft?
In den letzten Tagen muss ich sehr oft an Lenka
Reinerovás letzte Worte in einem Film denken. Dort
sagt sie: „Wenn es mir gelungen ist, ein paar Leuten
in schwierigen Situationen zu helfen, wenn es mir gelungen
ist, dieses Literaturhaus auf die Beine zu stellen
und es ohne mich zurecht kommt, dann kann ich
mit meinem Leben zufrieden sein.“
Und so denke auch ich mir, wenn es mir gelungen
ist, das Literaturhaus aufzubauen und zu etablieren,
so dass es ein fester Bestandteil des hiesigen Kulturlebens
bleibt, bin ich zufrieden. Es ist nicht leicht für
eine gemeinnützige Organisation, die nur durch die
Förderung Dritter lebt. Und es wird auch nicht leichter
werden. Aber wenn es mir gelungen ist, interessante
Inhalte von Qualität zu vermitteln und vielleicht ein
Stück des Traums von Lenka Reinerová zu realisieren,
dann bin ich zufrieden.
Das Gespräch führte
ULRIKE MASCHER

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