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„Der politische Islam ist konfliktfördernd“

Der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad ist ein beliebter Gast bei Talkshows und im Feuilleton. Während einer Stippvisite in Prag sprach er mit der LZ über den Islam.

Hamed Abdel-SamadSie sagen, Sie seien vom Glauben zum Wissen konvertiert. Schließt das eine das andere aus?

Das muss sich nicht ausschließen, wenn man beides auseinanderhält. In meinem Fall ging es aber nicht anders, da der Glaube in meine Erziehung sehr tief eingedrungen war – und in meine Lebensplanung. Mein Vater war ja Imam. Das war schon ein Hindernis. Denn wenn der Glaube zu viel Einfluss auf die Erziehung, auf die politische Ausrichtung, auf das Verständnis von Forschung, Wissenschaft hat, dann kann das eine das andere ausschließen. Es gibt gläubige Menschen, die wissend sind – Wissenschaftler, die Glauben und Wissen voneinander getrennt haben. Da eine Trennung für mich nicht möglich war, da ich in meiner Kindheit die Religion sozusagen mit der Muttermilch bekommen habe, war zunächst mal die radikale Lösung, sich von einer Seite zu trennen, um auf der anderen Seite anzukommen.

Haben Sie sich von der Religion oder vom Glauben getrennt? Das ist ja ein Unterschied.

Es ist ein Unterschied. Glaube ist etwas, was nicht erfassbar ist. Es ist etwas, das immer im Wandel, in Bewegung ist. Wissen auch. Ich halte nichts von Aspekten der Religion, des Glaubens, die exklusiv sind, die andere ausgrenzen, die gegen die Vernunft, die gegen ein friedliches Zusammenleben sind. So gesehen habe ich mich von den politischen und juristischen Seiten des muslimischen Glaubens, konfliktgeladen oder konfliktfördernd sind, getrennt.

 

 

Welche Punkte halten Sie für konfliktfördernd?

Der politische Islam – es gibt ja auch den Volksislam. Ich rede aber nicht von Spiritualität oder sozialen Ideen, ich rede von der politischen Ausrichtung. Wenn man davon ausgeht, dass nicht der Mensch sondern Gott der Gesetzgeben ist, wenn man davon ausgeht, dass die Welt in Gläubige und Ungläubige unterteilt ist, dann kommt man in einen Konflikt. Denn wenn Gott der Gesetzgeber ist, kann der Mensch keine Gesetze entwerfen, dann sind die Gesetze Gottes unverhandelbar und somit auch unveränderbar. Und das ist für das Zusammenleben natürlich ein großes Hindernis. Mit solchen Problemen kämpfen muslimische Gesellschaften: die Rolle der Religion in der Politik und der Gesetzgebung. In der modernen Welt hat man den Kompromiss gefunden, dass nicht Gott sondern der Mensch der Gesetzgeber ist, und zwar die Menschen durch das Verhandeln miteinander.

Dieser Prozess hat auch in der westlichen Welt lange gedauert. Warum gab es diese Reformen noch nicht in der muslimischen Welt?

Es gibt viele Gründe. Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass in der islamischen Welt eine Wissensrevolution wie in Europa, wie im Westen nach dem Mittelalter, nicht stattgefunden hat. Im Mittelalter kam es zu einer Hinterfragung der Rolle der Kirche, dann kam es zu einer Privatisierung des Wissens, das heißt durch den Buchdruck konnte jeder einzelne, nicht nur die Priester und die Gelehrten, sein Wissen selbst beziehen, Informationsquellen suchen, Bücher selber lesen und verstehen. Das hat eine intellektuelle, eine philosophische und wissenschaftliche, Revolution hervorgerufen. Als der Buchdruck wurde vor fünf Jahrhunderten erfunden wurde, hat ihn das Osmanische Reich abgelehnt.

Warum?

Weil die religiösen Gelehrten Angst hatten, dass durch den Buchdruck verfälschte Ausgaben des Korans vervielfältigt werden und der muslimische Identität Schaden zugefügt wird. Die Angst, die eigene muslimische Identität zu verlieren, hat die Muslime daran gehindert, Anschluss an die Errungenschaften der letzten Jahrhunderte zu knüpfen. Das ist sehr interessant, denn im Mittelalter haben die Araber Erfindungen hervorgebracht, die auch für Europa von großer Bedeutung waren, in der Optik, der Medizin, der Mathematik zum Beispiel. Irgendwann kam es zu dieser Genügsamkeit, man hat gesagt, wir haben die Religion, wir haben den Koran und man hat nicht weiter nach Wissen gestrebt. Das ist für mich immer wieder ein wichtiges Thema: nach Wissen zu streben und zu hinterfragen. Und nicht zu sagen, jetzt habe ich, was ich habe und ich will nichts Neues. Wir erleben jetzt in der islamischen Welt eine Art neuen Buchdruck und niemand kann ihn aufhalten: das Internet.

Könnte es daran liegen, dass der Islam keine wichtigen Reformatoren hatte? Wir sind ja in Böhmen, ein wichtiger Schauplatz der Reformation durch Jan Hus.

Es gab in der islamischen Geschichte immer Reformatoren. Sie haben sich allerdings nicht durchgesetzt. Sie fanden keinen Rückhalt in der Bevölkerung oder blieben weitgehend unbekannt. Aber es gab sie immer wieder seit der ersten Stunde des Islams, aber daraus ist keine Strömung, keine Richtung geworden. Sie blieben vereinzelte Kämpfer in der Wüste, kleine Rinnsale, die sich nie zu einem Strom zusammengeschlossen haben, den man Aufklärung nennen könnte.

Wird es diesen Strom noch geben? Ist der Islam überhaupt reformierbar?

Nein, ist er nicht. Man sollte ja nicht seine Energie auf Texte und Religion richten. Der Mensch ist reformierbar – immer. Seine Gedanken. Das ist meine Hoffnung. Wenn ich Bücher schreibe, in denen ich behaupte, der Islam sei nicht reformierbar, gebe ich nicht auf, wie viele denken. Ich sage, die Muslime sind reformierbar, weil sie Menschen sind und denken und ihre Haltung zur Religion ändern können. Aber die Religion wird ihre Haltung zu den Menschen nicht ändern, bis die Menschen der Religion weglaufen.

So wie bei der katholischen Kirche.

Genau. Dann erst fängt man sich an zu fragen, was machen wir falsch. Dann muss man Kompromisse schließen. Die katholische Kirche ist genau genommen auch nicht reformierbar: Denn man weiß, in der Reform ist der Wurm drin, weil wenn man damit anfängt, muss man weitergehen und weitergehen und das bedeutet irgendwann sich selbst aufzulösen. Die Kirche hat nicht auf der Höhe ihrer Macht entschieden, sich zu reformieren, sondern man reagierte auf den Verlust von Anhängern und Ansehen damit, sich selbst zu öffnen. Das ist mühsam für die Kirche. Deshalb sollte man nicht so sehr von der Religion selbst erwarten, dass sie sich verändert, sondern an die Menschen appellieren, die Religion kritischer zu betrachten.

Das Gespräch führte Alexandra Mostýn

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