Im Rahmen des Minifilmfestivals zum Thema Migration (MIGFILM) am 4. und 5. April wurde in Prag unter anderem der deutsche Dokumentarfilm „Refugee11“ gezeigt. Die Dokumentation begleitet eine aus Migranten bestehende Fußballmannschaft in Deutschland. Vor Ort war auch der Regisseur von „Refugee11“, Jean Boué. Im Gespräch mit dem LandesEcho spricht er unter anderem über die Motivation hinter der Dokumentation und wieso Mülltrennung zeigt, wie absurd in Deutschland mit Integration umgegangen wird.

 

LE: Was bedeutet es für Sie, dass Refugee11 in Prag beim MIGFILM Festival gespielt wird?

Obwohl das Festival klein ist und das Problem in Prag auch klein ist, bedeutet es mir sehr viel, weil man sich solchen Fragen nähern sollte auch wenn sie scheinbar fern sind. Deswegen denke ich, dass es eine große Bedeutung für Tschechien hat sich mehr mit solchen Themen auseinanderzusetzen.

So dass vielleicht auch bei einer nächsten Katastrophe, die auf uns zukommt, nämlich dass irgendwo auf der Welt die Dämme brechen und die Menschen fliehen, Europa besser vorbereitet ist und es nicht mit solchen ignoranten Handlungen wie in Tschechien, Polen und Ungarn reagiert. Ich glaube diesen Themen sollten sich die Menschen mehr nähern und dann haben sie auch nicht so viel Angst davor.

LE: Und warum ist Fußball dafür das richtige Leitmotiv?

Fußball ist das Vehikel. In dem Film geht es nicht um Fußball. Es geht um Menschlichkeit, Isolation und was man macht, wenn man irgendwo ist und man da bleiben kann, aber nichts versteht und nichts tun kann. Was kann man tun, wenn niemand einen liebt? Was kann man tun, wenn niemand auf einen wartet? Und was kann man tun, wenn man nicht weiß, was dort, wo man wartet, richtig oder falsch ist?

Diese Unsicherheit findet sich genauso auf dem Fußballplatz wieder. Die Spieler möchten zeigen, dass sie was können, aber können das nur in der Gruppe erreichen. Sie brauchen die anderen, aber wissen das noch nicht. Fußball eine Metapher und ein Symbol zugleich.

Und es ist natürlich das, was Konflikte löst. Wenn Sie ein paar Menschen mit unterschiedlichen Meinungen auf einem Haufen haben, oder sie haben einen Haufen von Kindern, dann brauchen sie denen nur einen Ball in die Mitte zu werfen und die werden das schon lösen. Und ein bisschen davon ist auch im Film zu finden.

LE: Wo wurde der Film gedreht?

Der Film wurde in Erftstadt gedreht. In einer kleinen Gemeinde östlich von Köln. Die meisten kennen das, weil in der Nähe Kerpen ist und Michael Schumacher aus Kerpen kommt. Das ist „Schumacher Country“ sozusagen.

LE: Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Also das Schwierigste war sicherlich die Dramaturgie. Es gibt immer wieder Fußballspiele, die sich auf eigenartige Weise ähneln und jetzt gibt es aber, anders als sonst, Protagonisten, auf denen der Fokus liegt und diese werden besonders beobachtet.

Es ist tatsächlich so gewesen, dass persönliche Probleme außerhalb des Platzes, also familiär oder in ihrer Unterkunft, sich auf die Leistung auf dem Fußballplatz ausgewirkt haben. Aber wie übertrage ich das? Und wie weiß ich, wie sich mein Protagonist, der gerade eine schlechte Woche hinter sich hat, beim Fußballspiel am Wochenende schlägt? Was geht in seinem Kopf ab? Einer ist zum Beispiel sehr aggressiv geworden. Ein andere hatte große Spannungen in seiner Familie und ist mit dem Vollsten auf den Schiedsrichter losgegangen. Den Versuch zu machen was sechs Tage die Woche neben dem Platz passiert und das, was einen Tag pro Woche auf dem Platz passiert, in irgendeiner Form in ein Verhältnis, eine Dramaturgie und in eine Narration zu bringen, die man nachvollziehen kann, war extrem schwierig, weil wir natürlich nicht genau wussten was die Befindlichkeiten der Leute sind.

Und ich habe einen Filmkameramann gehabt, der noch nie in seinem Leben mit Fußball zu tun gehabt hat. Das war letztendlich meine Rettung, weil er sich auch nicht von klassischen Fußball-Elementen ablenken ließ, sondern einfach nur seine „Beobachtungsspur“ verfolgt hat. Das war eine Hilfe, aber es war sehr schwierig diese Hoch und Tiefs der Saison in ein Verhältnis zu bringen mit den Hoch und Tiefs der drei Männer, die wir beobachtet haben.

LE: Wie hebt sich der Umgang des Films mit dem Thema Migration von der restlichen Debatte ab?

Ich weiß nicht, ob er sich von der Debatte abhebt. Ich wollte vermeiden, dass die geflüchteten Fußballspieler sowas wie Vorzeige-Migranten werden. Im Sinne von: „Die sind gut, die schießen Tore. Und wenn sie Tore schießen, ist es auch egal, ob sie schwarz sind, weil dann sind sie ja für uns hilfreich.“

Ich habe versucht mich auf diese Menschen einzulassen, und auf diese „Phase Zwei“. Die Migranten kommen hier an und dürfen erstmal bleiben. Was mache ich damit? Was mache ich mit diesem Bleiberecht, was überhaupt kein Verfallsdatum und auch kein Haltbarkeitsdatum hat? Es hat gar nichts. Sie stehen im luftleeren Raum. Und das ist eine Situation, die schwer vermittelbar ist.

Die Deutschen haben sofort angefangen diesen Menschen das Mülltrennen beizubringen, weil wenn sie den Müll trennen, haben sie etwas verstanden über unser Land. Das ist als Ansatz natürlich absurd. Das ist aber tatsächlich einer der ersten Kurse. Mülltrennung. Das ist ganz weit vorn. Das liegt natürlich nur daran, dass wenn der Müll falsch getrennt ist und sie in Mehrfamilienhäusern wohnen es ein Punkt ist, wo es zu Schwierigkeiten mit den Deutschen kommt. Wenn das aber ein Maßstab ist, ob man ein erfolgreicher Migrant ist, dann stimmt das vorn und hinten nicht.

Ich habe versucht mich nicht auf diese Debatte einzulassen in der alles, was schwierig oder sperrig ist, nicht so laut gesagt wird wie das, was positiv ist. Es gibt tatsächlich noch andere Filme über Fußballmannschaften in verschiedenen Längen, die vor uns gemacht wurden und zwei, die ich nicht benennen will, haben aus den Flüchtlingen Kuscheltiere gemacht. Kuscheltiere die ganz toll und ganz mutig sind und viel Schlimmes erlebt haben und gar nicht böse sind. Als ob diese Menschen nicht dieselbe Mischung in sich tragen wie wir alle.

LE: Was war der Auslöser und die Motivation den Film zu drehen?

Das war eigentlich ein Zufall. Weil in den Unterkünften plötzlich viel Fußball gespielt wurde, eine Fußball-verrückte Frau das bemerkt und einen Verein gegründet hat, der sich darum kümmert, dass die Migranten öfter Fußball spielen können, damit sie ihre Wartezeit mit ein bisschen mehr Spaß füllen können.

Aber da waren so gute Spieler dabei, dass sie gesagt hat: „Wir machen da jetzt was daraus.“ Und in einem sehr frühen Stadium bin ich mal nach Köln gefahren und habe mir das angeschaut und den Trainer kennengelernt. Dann habe ich die Immigrationsbeauftragte, die sich das ausgedacht hat, kennengelernt und sie hat mir ganz klar gesagt: „Wenn ihr hier für ein Jahr oder ein dreiviertel Jahr herkommt, dann werdet ihr etwas anderes sehen als das, was uns die Debatte zeigt.“ Und das war so. Und wir haben die Einladung bekommen dort die volle Offenheit zu bekommen und die haben wir wahrgenommen.

Wenn wir da jetzt erst über Monate oder Wochen vertrauensschaffende Maßnahmen gebraucht hätten, dann glaube ich nicht, dass ich den Film gemacht hätte. Aber dadurch, dass sie durch das Werkzeug Fußball etwas anderes, auch schwieriges, zeigen wollten, waren wir dabei. Fragen wie: Was bedeutet Integration und was bedeutet es „anzukommen“ und angenommen zu werden, oder um Annahme zu bitten? Das zu erfassen, darum ging es uns eigentlich.

 

Das Gespräch führte David Josiger.