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"Es geht um ein differenzierteres Geschichtsbild"

Foto: Tomáš Randýsek

 

 Wir bemühen uns, gewisse Stereotypen aufzubrechen.“ Sagt Österreichs Mann in Tschechien Dr. Ferdinand Trauttmansdorff . Im LZ-Gespräch bilanziert er über seine bisherige Zeit in Prag.

 

 

 

 

LZ: Herr Botschafter Trauttmansdorff, es heißt, jeder richtige Wiener habe eine tschechische Großmutter. Stimmt das denn?

Wenn Sie das Telefonbuch in Wien aufschlagen, haben Sie den Eindruck, zwar nicht bei jedem, aber bei vielen. Tatsächlich ist das tschechische und besonders das böhmische Element sehr stark in Wien vertreten. Wir würden uns nur wünschen, dass sich das auch übertragen würde auf ein entsprechendes Interesse und eine positive Einstellung gegenüber dem heutigen Tschechien.

LZ: Es heißt immer wieder, die deutsch-tschechischen Beziehungen seien heute so gut wie nie. Wie sieht es denn mit den österreichisch-tschechischen Beziehungen aus?

Wir arbeiten daran, dass man das von den österreichischen Beziehungen auch sagen kann. Ich glaube, es ist vielleicht noch etwas früh. Es gibt noch einige offene Fragen, die einfach zu lang nicht angesprochen worden sind. Das liegt am komplexen Verhältnis zwischen Tschechien und Österreich, das komplexer ist als das zu Deutschland. Die Deutschen hatten ein großes Problem, das sie aufarbeiten mussten und das haben sie gemacht. Die Österreicher haben gegenüber Tschechien ein wesentlich komplexeres Verhältnis.

LZ: Und wie sieht es wirtschaftlich aus?

Da kann man sagen, dass die Beziehungen seit 1918 nie so gut waren wie jetzt.

LZ: Sie entstammen einem alten böhmischen Adelsgeschlecht. Ist das für Sie als Botschafter in Prag eher Glück oder Fluch?

Ersteinmal muss ich da etwas genauer sein. Meine eigene Familie stammt ursprünglich aus der Steiermark und ist zum Großteil hauptsächlich im 17. Jahrhundert nach Böhmen gekommen. Aber ich bin auch mit anderen böhmischen Familien verwandt. Wir waren natürlich durch den Kommunismus von Böhmen viel stärker abgeschnitten als von anderen Teilen, zum Beispiel in Ungarn. Daher hat es fast überhaupt keine Kontakte gegeben. Umso mehr ist das jetzt für mich eine unglaubliche Chance – auch als Diplomat – hier die eigenen Wurzeln wiederzufinden und das tue ich praktisch jeden Tag.

LZ: Arbeiten Tschechen und Österreicher im Hinblick auf gemeinsame Geschichte heute besser oder schlechter zusammen? Wo liegen da die Gemeinsamkeiten und wo hören sie auf?

Das ist eine große Frage, der wir ein besonderes Augenmerk zuwenden. In Bezug auf die gemeinsame Geschichte ist in der Vergangenheit vielleicht nicht so viel investiert worden, wie sich auszahlen würde. Wir tun das heute und insbesondere unser Bemühen, ein gemeinsames Geschichtsbuch zusammenzubringen, ist, glaube ich, der Schlüssel dazu. Wir bemühen uns da vor allem, gewisse Stereotypen aufzubrechen, die unsere Beziehungen belastet haben. Es geht um ein differenzierteres Geschichtsbild vor allem der österreichisch-tschechischen Beziehungen, die ja, wenn es um die Vertreibung geht, immer zu sehr unter dem deutsch-tschechischen Gesichtspunkt betrachtet werden.

LZ: Wenn man von der deutschen Vergangenheit Böhmens spricht, dann mag das ja sprachlich stimmen, aber gesellschaftlich, kulturell und politisch ist es ja eher eine österreichische Vergangenheit. Warum überlässt Österreich die Vorherrschaft in dieser Diskussion eigentlich den Deutschen?

Das würden wir gerne nicht machen. Historisch ist es aber so, dass zunächst nach der Öffnung Deutschland mit Tschechien ein großes Problem aufzuarbeiten hatte und daher auch entsprechend investieren musste. Das hat es Gott sei Dank auch getan. Dadurch gibt es aber wesentlich mehr Fazilitäten, vor allem auch finanzieller Art, im deutsch-tschechischen Verhältnis als im österreich-tschechischen. Wir sind bei uns mehr oder weniger auf die normalen Kulturmittel angewiesen. Die versuchen wir natürlich entsprechend einzusetzen. Wie Sie wissen, tun wir sehr viel für deutsche Literatur im Österreichischen Kulturforum, aber das steht natürlich von den Mitteln und der Größe des Landes her in keinem Verhältnis.

LZ: Sie haben sich ja persönlich als Botschafter immer für die Belange der deutschen Minderheit interessiert. Waren Sie da als Staatsdiener in irgendeiner Hinsicht gehandicapt? Österreich hat sich ja die deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa eher zu Stiefkindern gemacht.

Das ist ja keine offizielle Politik in dem Sinne gewesen. Da gab es keine Behinderung, im Gegenteil, jeder ist froh, wenn wir in der Sache etwas tun. Es ist nur nicht so leicht und wir haben nicht so viel Unterstützung. Das liegt auch an drei wesentlichen geschichtlichen Daten, die die Entfernung zwischen Böhmen und Österreich, aber vor allem zwischen Österreich und den Deutsch-Böhmen erweitert haben. Das erste Datum ist 1866, als die Deutsche Frage in Richtung des Bismarck’schen Konzepts entschieden worden ist. Das andere ist 1918, wo sich Österreich als sozusagen ‚Rest-Österreich‘ der Verantwortung für den Krieg stellen musste, während andere dem zum Teil ausgekommen sind. Wir mussten uns damals als Staatswesen überhaupt erst neu bilden. Das ist bekanntermaßen in eine Bürgerkriegsauseinandersetzung gemündet und die Nazis haben dann am Schluss diese Situation ausnutzen können. Die dritte Phase ist dann natürlich die Emanzipation vom nationalsozialistischen Deutschland. Das sind drei Elemente, die nicht gerade dazu beitrugen, das Gefühl der Verantwortung Österreichs für die Deutschen und Deutschsprachige außerhalb Österreichs besonders zu fördern.

LZ: Ihre Zeit in Prag endet ja bald. Was würden Sie als ihren größten Erfolg betrachten und was hat eher nicht so gut geklappt?

Gott sei Dank, so bald ist es nicht. Ich bin noch eineinhalb Jahre da. Mein Nachfolger ist allerdings schon bekannt, was einen entsprechenden Übergang sicherstellt. Erfolg… Sie tun einem Diplomaten nichts Gutes, wenn Sie ihn dazu zwingen, über seine eigenen Erfolge und Misserfolge zu sprechen. Ich würde aber sagen, dass wir weit gekommen sind in der Verbreitung und Vertiefung persönlicher Kontakte. Wir haben jetzt auch eine offizielle Regierungspolitik, die darauf ausgerichtet ist, mit Österreich das menschliche Element zu verbreitern und zu vertiefen. Wir werden versuchen, das zu nutzen. Wenn das gelingt, kann ich am Schluss sagen: Ich bin froh über die Arbeit, die wir hier geleistet haben.

LZ: Die österreichische Botschaft ist auf Partner der Kampagne „šprechtíme“. Was hat diese Kampagne denn konkret gebracht? Sie scheint außerhalb der einschlägigen Szene nicht besonders präsent zu sein.

Das ist eine Interpretationsfrage. Wir sind der Meinung, dass wir damit relativ weit gekommen sind, weil es ja zunächst nichts gegeben hat. Es gibt drei Ebenen: Das Zustandebringen der öffentlichen Unterstützung für eine verpflichtende zweite Fremdsprache an den Schulen, wo es einige gemeinsame Bemühungen von Deutschland und Österreich gegeben hat, dass das gemacht wird. Das zweite Element ist die Verbreitung und auch die Förderung des Bewusstseins junger Tschechen für die Wichtigkeit der deutschen Sprache. Das dritte Element ist auch die Einflussnahme auf die Deutschlehrer, den Deutschunterricht so zu gestalten, dass Deutsch nicht als unbeliebteste Sprache oder gar unbeliebtester Unterrichtsgegenstand in der Schule angesehen wird, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Das ist etwas, wo wir schon ganz große Fortschritte erreicht haben. Die sind natürlich nicht so sichtbar. Sie sind aber spürbar bei denen, auf die es ankommt. Die Deutschlehrer sind für diese Unterstützung sehr dankbar, weil sie zum großen Teil sonst möglicherweise keinen Job mehr haben würden.

LZ: Was werden Sie denn Ihrem Nachfolger hier in Prag besonders ans Herz legen?

Die Fortführung insbesondere der menschlichen Kontakte, ihre Vertiefung und Verbreitung auf allen Ebenen: Auf der Regierungsebene, wo sie in der letzten Zeit relativ dünn waren, auf regionaler Ebene zwischen den Kreisen und den österreichischen Bundesländern, aber auch zwischen den österreichischen Bundesländern und der Regierung, was mit der Kompetenzverteilung zu tun hat, auf kommunaler und auf gesellschaftlicher Ebene. Das heißt, wir haben hier sehr viel zu tun. Da gehören auch Kontakte zwischen Interessenvertretungen und politischen Parteien dazu. Das ist sehr breit und wir versuchen das auch. Das wird auch die Aufgabe meines Nachfolgers sein. Ich hoff e, er findet den Platz entsprechend vorbereitet.

LZ: Was werden Sie an Prag besonders vermissen?

Wir dürfen in der Botschafter-Residenz auf der Burg in einer sehr privilegierten Umgebung wohnen. Das wird man natürlich vermissen, das ist klar. Prag selbst werden wir sehr vermissen. Es ist auch leider Tatsache, dass ich die Zeit nicht ausgenutzt habe, hier alles zu entdecken, was es hier zu entdecken gibt. Da ist aber hoffentlich noch Zeit, wenn ich nach meiner Aufgabe hier wahrscheinlich in den sogenannten Ruhestand treten werde. Dann wird es Gelegenheit geben, mich um die Dinge in dem Land zu kümmern, die wir noch nicht entdeckt haben. Das wird relativ leicht sein, weil wir ein Haus an der mährischen Grenze haben. Von dort ist es nicht weit.

Das Gespräch führte Judith Brehmer. Das Interview erschien in der LandesZeitung 13/14 2014.

 


 

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