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„Auf das Engagement und die Idee kommt es an“

Realistisch an der Zukunft bauen - Foto: Simon Römer

Das sagt Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Im LZ-Gespräch erläutert er, warum sich so viele Tschechen mit ihren deutschen Wurzeln schwer tun und wie die Rolle der deutschen Minderheit in Zukunft aussehen könnte.

 

 

 

LZ: Die Zahl derer, die sich hier in Tschechien zur deutschen Minderheit bekennen, ist innerhalb der  ersten Dekade des dritten Jahrtausends um knapp mehr als die Hälfte gefallen. Sterben die autochthonen Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien aus?

Bei der Wahrnehmung der Zahlen der letzten Volkszählung in der Tschechischen Republik zum Stichtag 26.3.2011, bei der sich zur deutschen Nationalität 18 658 tschechische Bürger bekannt haben, sollte man die Tatsachen näher beleuchten. Zum einen erinnere ich an die bekannte Tatsache, dass viele Deutsche, vor allem von der älteren Generation, schlechte Erfahrungen mit Ihrer nationalen Zugehörigkeit gemacht haben. Dann sollte man betonen, dass die Angabe der Nationalität freiwillig war und viele aus der mittleren und jungen Generation keinen so großen Wert darauf legen, sich zu einer Nationalität zu bekennen. Da braucht man sich auch nicht wundern: In den mehr als 40 Jahren des totalitären Regimes, das die deutsche Identität bei den Verbliebenen mehr oder weniger verflucht hat, konnte ein Identitätsgefühl gar nicht gepflegt werden. Wie sollen diese Menschen diesbezüglich heute bewusst und entschlossen auftreten? Übrigens hat ein Viertel der  Gesamtbevölkerung keine Nationalität angegeben. Wer sind denn diese Leute? Jeder hat doch eine Nationalität. Die verbliebenen Deutschen sind eine Minderheit wie jede andere – die Slowaken, die Polen oder Roma. Und die Geburtsraten in den vergangenen Jahren waren unter den Deutschen nicht niedriger als bei den anderen Minderheiten. Also bin ich davon überzeugt, dass wir von Aussterben nicht sprechen können.

LZ: Dann sind die Deutschen nicht ausgestorben, sondern assimiliert? Denn trotz allem sprechen die Zahlen für sich. Was kann die Landesversammlung, als Dachverband der Verbände der deutschen Minderheit tun, um sich dem Schwund entgegenzustellen?

Ich würde nicht über einen Schwund sprechen. Erstens ist diese Theorie leicht zu widerlegen, siehe meine vorherige Antwort, zweitens, kann man den Begriff „Schwund“ mehrfach auslegen. Und hier ist der Kern der Sache. Warum bekennen sich die Menschen nicht bewusst zu einer nationalen Minderheit? Dieses Problem haben nicht nur die Landesversammlung oder die Deutschen in Tschechien, sondern genauso auch andere nationale Minderheiten hier und im Ausland. Für viele ist es heute nicht modern und gewollt Ihre nationale Zugehörigkeit off en darzugeben. Heute leben wir in einer globalisierten Welt. So viele Politiker – auch viele Deutsche, sagen heutzutage doch lieber „Ich bin ein Europäer“. Also was nun? Zu einer Identität sollte man niemanden zwingen. Auch die Landesversammlung nicht. Was wir machen können? Als deutsche Minderheit friedlich, freundlich, aktiv und selbstbewusst auftreten.

LZ: Viele Tschechen haben deutsche Wurzeln. Warum wurde von Seiten der LV in den vergangenen 25 Jahren nicht mehr getan, um sie dazu zu bringen, sich ihrer deutschen Wurzeln wieder bewusst zu werden?

Es ist schon fast wie ein Witz, wenn man sagt, jeder Tscheche, den Sie fragen, und der auch ehrlich antwortet, hat eine deutsche Großmutter, Großvater oder zumindest einen Urahnen. Aber ich denke, es trifft in der Tat zu! Es ist doch unumstritten, dass wir in einem gemeinsamen Raum leben, heute nennt man es Europaregion. Die Fluktuation der Menschen war früher ganz normal und die  Deutschen und Tschechen hatten es nah zueinander. Die Tragödien kamen mit dem 20. Jahrhundert. Ein paar Fanatiker schaffen es, alles kaputt zu machen. Und es geht in der heutigen Welt leider weiter, das ist das Schreckliche daran.

LZ: Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Minderheit in Tschechien?

Ich sehe die Zukunft darin, dass wir weiterhin als Nachkommen unseren deutschen Eltern und Großeltern bewusst als Träger der deutschen Kultur und Identität auftreten. Natürlich ist es so, dass die ältere Generation immer schwächer wird. Und das merkt man auch in unseren Verbänden. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir in zehn Jahren nicht mehr existieren werden. Vielleicht werden wir übergangsweise - und das Wort würde ich unterstreichen- nicht 24 Verbände sondern nur die Hälfte haben. Aber schauen Sie sich um. Wie viele zugezogene Deutsche und Österreicher leben hier. Deutschland und Österreich sind unsere Nachbarn. Wenn Sie durch die Grenzgebiete fahren, stellen Sie fest, dass viele Deutsche nach Tschechien ziehen um hier zu arbeiten und zu leben. Auch darin sehe ich unsere Zukunft.

LZ: Was sind die wichtigsten Zukunftsprojekte der Landesversammlung? Wo sehen Sie die wichtigsten Baustellen für die nächsten Monate und Jahre?

Allgemein gesagt ist es die Jugendarbeit, die Pflege der deutschen Sprache und Identität. Wichtig ist auch die Weitertragung und Präsentation der deutschen Kultur in Böhmen, Mähren und Schlesien. Wenn Sie durch die ehemaligen Grenzgebiete laufen, finden Sie fast an jedem Schritt deutsche Kultur. Seien es Kirchen, Friedhöfe, Denkmäler, Gebäude! Es gehört sich nicht, dies zum Vergessen zu verdammen. Egal, ob es eine deutsche, tschechische oder andere Kultur ist. Jede Region hat ihre bestimmte Kultur. Das ist etwas, worauf nicht nur die Deutschen stolz sein können, sondern auch die heutigen Bewohner der ehemals deutsch besiedelten Gebiete. Die Landesversammlung führt aber natürlich konkrete Projekte durch, die eben die oben angesprochenen Ziele verfolgen. Ein ganz neues Projekt widmet sich dem Aufbau von Jugendgruppen in den Begegnungszentren.

LZ: Und wie wollen Sie die Jugend an einer Mitarbeit bei der Verbandsarbeit gewinnen?

In dem man interessante Projekte durchführt, an denen die Jugendlichen freiwillig und interessiert teilnehmen. Wie ich schon erwähnte, wollen wir eine neue Struktur der Jugendgruppe in den  Regionen schaffen.

LZ: Und wie kann man Interessierte, die nicht zur Minderheit gehören, einbeziehen?

Wir stellen fest, dass heute schon sehr viele Interessenten, die eigentlich nicht der deutschen Minderheit angehören, kommen und mitmachen möchten. Aber wieder das lustige, sie sprechen nicht Deutsch, aber irgendwann, wenn man sie fragt, sagen sie, meine Oma war eine Deutsche. Das war unsere Omi und sie sprach mit uns Deutsch, nur habe ich es schon vergessen.

LZ: Deutschland ist politisch und wirtschaftlich der wichtigste Partner Tschechiens in Europa. Wie kann die Minderheit hier eine Brückenfunktion bilden? Auch im Hinblick auf Deutsche und Österreicher, die nach Tschechien ziehen?

Diese Brückenfunktion ist uns bewusst und zum Teil nehmen wir sie aktiv wahr. Ich erwähne nur die vielen Städtepartnerschaften, bei deren Schließung ein deutscher Verband aktiv mitmachte. Ich könnte jetzt ganz konkret werden, aber dann müsste ich alle aufzählen, weil ich sicher Ärger bekäme, wenn ich einen auslassen würde.

LZ: Der deutsche Botschafter Detlef Lingemann beendet demnächst seine Zeit in Prag, wie beurteilen Sie seine Amtszeit im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit und was wünschen Sie sich von seinem Nachfolger?

Herr Botschafter Lingemann war ein sehr aufgeschlossener und angenehmer Diplomat und für die deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik hatte er immer ein offenes Ohr. Ich wünschte mir, dass sein Nachfolger in dieser Linie fortfährt. Meine Erfahrungen bestätigen auch leider, dass manche Diplomaten und Politiker die deutsche Minderheit als eine kleine Gefahr für die guten deutsch-tschechischen Beziehungen wahrnehmen. Eine Gefahr deshalb, weil die so genannte sudetendeutsche Frage bei den Tschechen immer noch ein sehr heikles Thema ist. Und in irgendeiner Weise sind wir mit diesen heiklen Themen auch verbunden. Bis heute noch wurden die deutschen Angehörigen nicht für das Unrecht, das auf den so genannten Beneš-Dekreten basiert, entschädigt. Sie wurden Anfang der 1950er Jahre gezwungen, die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wurden aber gesetzlich nicht den Tschechen und Slowaken gleichgestellt. Das ist bis heute ein heikles Thema und für Diplomaten nicht unbedingt angenehm. Umso mehr schätze ich Menschen, die sich auch Dingen stellen, die zwar kompliziert sind, aber richtig!

LZ: Die unsichere Finanzierung der Aktivitäten der LV durch Mittel der Bundesregierung hat die Verbände stark belastet, wie sieht die derzeitige Lage aus?

Die unsichere Finanzierung bedeutete in diesem Jahr vor allem die vorläufige Haushaltsführung. Leider haben wir mit den Folgen bis heute zu kämpfen. Ich hoffe aber, dass die Bundesrepublik die Unterstützung der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik weiterhin gewährleistet. Durch unsere Aktivitäten und Projektarbeit pflegen wir nicht nur die deutsche Kultur, Sprache und Identität, sondern tragen auch der gegenseitigen Verständigung wesentlich bei. Die Landesversammlung organisiert am 10. Oktober 2014 eine große Konferenz, wo eben deutsch-tschechische Themen behandelt werden. Dazu möchte ich die Leserinnen und Leser der LandesZeitung schon jetzt herzlich einladen!

LZ: Wird man die Zahl der Begegnungszentren (BGZ) und ihre Standorte auf absehbare Zeit halten können, wenn in ein paar Jahren günstige Mietverträge auslaufen, sich die Altersstruktur der Verbände nicht ändert, die Zahl der Teilnehmer an Veranstaltungen sinkt und die Finanzierung der Aktivitäten vom jeweiligen politischen Wohlwollen und auch von der persönlichen finanziellen Opferbereitschaft der Verbandsvorstände abhängt?

Eine Optimierung kann ich mir durchaus vorstellen. Bei der Gründung der Begegnungszentren vor fast 25 Jahren waren auch die Bedingungen und Möglichkeiten ganz andere, als heute. Die  Infrastrukturen sind heute besser, wir leben in der Zeit des Internets. Ich betone wieder, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass man nach Zahl der Mitglieder alles messen soll. Ich kenne Vereine, die eine tolle Verständigungsarbeit leisten, die angesehen und mehrfach ausgezeichnet sind. Da stecken oft nicht mehr als fünf Menschen dahinter. Auf das Engagement und die Ideen kommt es an!

LZ: Wird es einen Erneuerungsprozess geben, der die Dachverbände LV und Kulturverband näher zusammenrückt, neue Mitglieder auch außerhalb der Minderheit sucht und das heutige und zukünftige Zusammenleben in Tschechien in den Vordergrund stellt?

Die LV und der Kulturverband stehen sich heute nahe. Warum soll es nicht zwei Vertreter der Minderheit geben? In manchen Aspekten ist es vielleicht sogar besser. Ich schließe einen Zusammenschluss irgendwann in der Zukunft nicht aus. Aber im Grunde genommen sind wir auch so schon eins!

 

Dieses Interview erschien in der LandesZeitung 15/16 2014. Das Gespräch führte Tomáš Randýsek.

 


LZ: Die Zahl derer, die sich hier in Tschechien zur deutschen Minderheit bekennen, ist innerhalb der  ersten Dekade des dritten Jahrtausends um knapp mehr als die Hälfte gefallen. Sterben die autochthonen Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien aus?

Bei der Wahrnehmung der Zahlen der letzten Volkszählung in der Tschechischen Republik zum Stichtag 26.3.2011, bei der sich zur deutschen Nationalität 18 658 tschechische Bürger bekannt haben, sollte man die Tatsachen näher beleuchten. Zum einen erinnere ich an die bekannte Tatsache, dass viele Deutsche, vor allem von der älteren Generation, schlechte Erfahrungen mit Ihrer nationalen Zugehörigkeit gemacht haben. Dann sollte man betonen, dass die Angabe der Nationalität freiwillig war und viele aus der mittleren und jungen Generation keinen so großen Wert darauf legen, sich zu einer Nationalität zu bekennen. Da braucht man sich auch nicht wundern: In den mehr als 40 Jahren des totalitären Regimes, das die deutsche Identität bei den Verbliebenen mehr oder weniger verflucht hat, konnte ein Identitätsgefühl gar nicht gepflegt werden. Wie sollen diese Menschen diesbezüglich heute bewusst und entschlossen auftreten? Übrigens hat ein Viertel der  Gesamtbevölkerung keine Nationalität angegeben. Wer sind denn diese Leute? Jeder hat doch eine Nationalität. Die verbliebenen Deutschen sind eine Minderheit wie jede andere – die Slowaken, die Polen oder Roma. Und die Geburtsraten in den vergangenen Jahren waren unter den Deutschen nicht niedriger als bei den anderen Minderheiten. Also bin ich davon überzeugt, dass wir von Aussterben nicht sprechen können.

LZ: Dann sind die Deutschen nicht ausgestorben, sondern assimiliert? Denn trotz allem sprechen die Zahlen für sich. Was kann die Landesversammlung, als Dachverband der Verbände der deutschen Minderheit tun, um sich dem Schwund entgegenzustellen?

Ich würde nicht über einen Schwund sprechen. Erstens ist diese Th eorie leicht zu widerlegen, siehe meine vorherige Antwort, zweitens, kann man den Begriff „Schwund“ mehrfach auslegen. Und hier ist der Kern der Sache. Warum bekennen sich die Menschen nicht bewusst zu einer nationalen Minderheit? Dieses Problem haben nicht nur die Landesversammlung oder die Deutschen in Tschechien, sondern genauso auch andere nationale Minderheiten hier und im Ausland. Für viele ist es heute nicht modern und gewollt Ihre nationale Zugehörigkeit off en darzugeben. Heute leben wir in einer globalisierten Welt. So viele Politiker – auch viele Deutsche, sagen heutzutage doch lieber „Ich bin ein Europäer“. Also was nun? Zu einer Identität sollte man niemanden zwingen. Auch die Landesversammlung nicht. Was wir machen können? Als deutsche Minderheit friedlich, freundlich, aktiv und selbstbewusst auftreten.

LZ: Viele Tschechen haben deutsche Wurzeln. Warum wurde von Seiten der LV in den vergangenen 25 Jahren nicht mehr getan, um sie dazu zu bringen, sich ihrer deutschen Wurzeln wieder bewusst zu werden?

Es ist schon fast wie ein Witz, wenn man sagt, jeder Tscheche, den Sie fragen, und der auch ehrlich antwortet, hat eine deutsche Großmutter, Großvater oder zumindest einen Urahnen. Aber ich denke, es triff t in der Tat zu! Es ist doch unumstritten, dass wir in einem gemeinsamen Raum leben, heute nennt man es Europaregion. Die Fluktuation der Menschen war früher ganz normal und die  Deutschen und Tschechen hatten es nah zueinander. Die Tragödien kamen mit dem 20. Jahrhundert. Ein paar Fanatiker schaffen es, alles kaputt zu machen. Und es geht in der heutigen Welt leider weiter, das ist das Schreckliche daran.

LZ: Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Minderheit in Tschechien?

Ich sehe die Zukunft darin, dass wir weiterhin als Nachkommen unseren deutschen Eltern und Großeltern bewusst als Träger der deutschen Kultur und Identität auftreten. Natürlich ist es so, dass die ältere Generation immer schwächer wird. Und das merkt man auch in unseren Verbänden. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir in zehn Jahren nicht mehr existieren werden. Vielleicht werden wir übergangsweise - und das Wort würde ich unterstreichen- nicht 24 Verbände sondern nur die Hälfte haben. Aber schauen Sie sich um. Wie viele zugezogene Deutsche und Österreicher leben hier. Deutschland und Österreich sind unsere Nachbarn. Wenn Sie durch die Grenzgebiete fahren, stellen Sie fest, dass viele Deutsche nach Tschechien ziehen um hier zu arbeiten und zu leben. Auch darin sehe ich unsere Zukunft.

LZ: Was sind die wichtigsten Zukunftsprojekte der Landesversammlung? Wo sehen Sie die wichtigsten Baustellen für die nächsten Monate und Jahre?

Allgemein gesagt ist es die Jugendarbeit, die Pflege der deutschen Sprache und Identität. Wichtig ist auch die Weitertragung und Präsentation der deutschen Kultur in Böhmen, Mähren und Schlesien. Wenn Sie durch die ehemaligen Grenzgebiete laufen, finden Sie fast an jedem Schritt deutsche Kultur. Seien es Kirchen, Friedhöfe, Denkmäler, Gebäude! Es gehört sich nicht, dies zum Vergessen zu verdammen. Egal, ob es eine deutsche, tschechische oder andere Kultur ist. Jede Region hat ihre bestimmte Kultur. Das ist etwas, worauf nicht nur die Deutschen stolz sein können, sondern auch die heutigen Bewohner der ehemals deutsch besiedelten Gebiete. Die Landesversammlung führt aber natürlich konkrete Projekte durch, die eben die oben angesprochenen Ziele verfolgen. Ein ganz neues Projekt widmet sich dem Aufbau von Jugendgruppen in den Begegnungszentren.

LZ: Und wie wollen Sie die Jugend an einer Mitarbeit bei der Verbandsarbeit gewinnen?

In dem man interessante Projekte durchführt, an denen die Jugendlichen freiwillig und interessiert teilnehmen. Wie ich schon erwähnte, wollen wir eine neue Struktur der Jugendgruppe in den  Regionen schaffen.

LZ: Und wie kann man Interessierte, die nicht zur Minderheit gehören, einbeziehen?

Wir stellen fest, dass heute schon sehr viele Interessenten, die eigentlich nicht der deutschen Minderheit angehören, kommen und mitmachen möchten. Aber wieder das lustige, sie sprechen nicht Deutsch, aber irgendwann, wenn man sie fragt, sagen sie, meine Oma war eine Deutsche. Das war unsere Omi und sie sprach mit uns Deutsch, nur habe ich es schon vergessen.

LZ: Deutschland ist politisch und wirtschaftlich der wichtigste Partner Tschechiens in Europa. Wie kann die Minderheit hier eine Brückenfunktion bilden? Auch im Hinblick auf Deutsche und Österreicher, die nach Tschechien ziehen?

Diese Brückenfunktion ist uns bewusst und zum Teil nehmen wir sie aktiv wahr. Ich erwähne nur die vielen Städtepartnerschaften, bei deren Schließung ein deutscher Verband aktiv mitmachte. Ich könnte jetzt ganz konkret werden, aber dann müsste ich alle aufzählen, weil ich sicher Ärger bekäme, wenn ich einen auslassen würde.

LZ: Der deutsche Botschafter Detlef Lingemann beendet demnächst seine Zeit in Prag, wie beurteilen Sie seine Amtszeit im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit und was wünschen Sie sich von seinem Nachfolger?

Herr Botschafter Lingemann war ein sehr aufgeschlossener und angenehmer Diplomat und für die deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik hatte er immer ein offenes Ohr. Ich wünschte mir, dass sein Nachfolger in dieser Linie fortfährt. Meine Erfahrungen bestätigen auch leider, dass manche Diplomaten und Politiker die deutsche Minderheit als eine kleine Gefahr für die guten deutsch-tschechischen Beziehungen wahrnehmen. Eine Gefahr deshalb, weil die so genannte sudetendeutsche Frage bei den Tschechen immer noch ein sehr heikles Thema ist. Und in irgendeiner Weise sind wir mit diesen heiklen Themen auch verbunden. Bis heute noch wurden die deutschen Angehörigen nicht für das Unrecht, das auf den so genannten Beneš-Dekreten basiert, entschädigt. Sie wurden Anfang der 1950er Jahre gezwungen, die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wurden aber gesetzlich nicht den Tschechen und Slowaken gleichgestellt. Das ist bis heute ein heikles Thema und für Diplomaten nicht unbedingt angenehm. Umso mehr schätze ich Menschen, die sich auch Dingen stellen, die zwar kompliziert sind, aber richtig!

LZ: Die unsichere Finanzierung der Aktivitäten der LV durch Mittel der Bundesregierung hat die Verbände stark belastet, wie sieht die derzeitige Lage aus?

Die unsichere Finanzierung bedeutete in diesem Jahr vor allem die vorläufige Haushaltsführung. Leider haben wir mit den Folgen bis heute zu kämpfen. Ich hoff e aber, dass die Bundesrepublik die Unterstützung der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik weiterhin gewährleistet. Durch unsere Aktivitäten und Projektarbeit pflegen wir nicht nur die deutsche Kultur, Sprache und Identität, sondern tragen auch der gegenseitigen Verständigung wesentlich bei. Die Landesversammlung organisiert am 10. Oktober 2014 eine große Konferenz, wo eben deutsch-tschechische Themen behandelt werden. Dazu möchte ich die Leserinnen und Leser der LandesZeitung schon jetzt herzlich einladen!

LZ: Wird man die Zahl der Begegnungszentren (BGZ) und ihre Standorte auf absehbare Zeit halten können, wenn in ein paar Jahren günstige Mietverträge auslaufen, sich die Altersstruktur der Verbände nicht ändert, die Zahl der Teilnehmer an Veranstaltungen sinkt und die Finanzierung der Aktivitäten vom jeweiligen politischen Wohlwollen und auch von der persönlichen finanziellen Opferbereitschaft der Verbandsvorstände abhängt?

Eine Optimierung kann ich mir durchaus vorstellen. Bei der Gründung der Begegnungszentren vor fast 25 Jahren waren auch die Bedingungen und Möglichkeiten ganz andere, als heute. Die  Infrastrukturen sind heute besser, wir leben in der Zeit des Internets. Ich betone wieder, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass man nach Zahl der Mitglieder alles messen soll. Ich kenne Vereine, die eine tolle Verständigungsarbeit leisten, die angesehen und mehrfach ausgezeichnet sind. Da stecken oft nicht mehr als fünf Menschen dahinter. Auf das Engagement und die Ideen kommt es an!

LZ: Wird es einen Erneuerungsprozess geben, der die Dachverbände LV und Kulturverband näher zusammenrückt, neue Mitglieder auch außerhalb der Minderheit sucht und das heutige und zukünftige Zusammenleben in Tschechien in den Vordergrund stellt?

Die LV und der Kulturverband stehen sich heute nahe. Warum soll es nicht zwei Vertreter der Minderheit geben? In manchen Aspekten ist es vielleicht sogar besser. Ich schließe einen Zusammenschluss irgendwann in der Zukunft nicht aus. Aber im Grunde genommen sind wir auch so schon eins!

 

Dieses Interview erschien in der LandesZeitung 15/16 2014. Gespräch führte Tomáš Randýsek.

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