Den ersten Kontakt zu Rechtsradikalen hatte Christian Ernst Weißgerber mit 15 Jahren bei einer Demonstration gegen Einschnitte im deutschen Sozialsystem im thüringischen Eisenach. Damals gefielen ihm das betont maskuline Auftreten und die Selbstdarstellung als Verteidiger angenommener gemeinsamer Werte. Es blieb nicht bei einer passiven Faszination. Er tauchte in die rechte Szene ein und war dort über sechs Jahre äußerst aktiv. Heute, mit 29, warnt er vor rechtem Gedankengut und erzählt von seinem Ausstieg.

  

Christian Ernst Weißgerber / Tomáš Randýsek 

LandesEcho: Herr Weißgerber, welche Rolle spielten Sie in der rechten Szene?

Christian Ernst Weißgerber: Ich habe verschiedene Rollen eingenommen. In Eisenach habe ich eine Jugendorganisation gegründet, als ich 18 war. Da waren 30 Jugendliche im Alter von 14 bis etwa 20 versammelt. Die Gruppe habe ich dann nach dem Abitur aufgegeben. Danach bin ich zu den „Autonomen Nationalisten“  gegangen. Das ist eine andere Agitationsform, die damals gerade stark im Kommen war. Da hab ich ziemlich viele Reden auf allen großen Veranstaltungen in Deutschland gehalten und Konzerte gegeben, war aber beispielsweise auch in Tschechien auf dem sogenannten „Festival der Freiheit“ vom „Národní odpor“.

LE: Wie funktioniert „autonomer Nationalismus“?

CEW: Autonomer Nationalismus hat sich nicht nur von linksautonomen den Lifestyle angeeignet, den „schwarzen Block“ zum Beispiel auf Demonstrationen übernommen, sondern sich auch für englische Slogans geöffnet, sich stärker antikapitalistisch und konsumkritisch verortet. Viele haben aufgehört, die ganze Zeit den historischen Nationalsozialismus zu feiern, haben ihn eher kritisiert und sich vor allem nicht mehr als Rassisten dargestellt, sondern als „Ethnopluralisten“. Man ist 2007-2008 auch nicht mehr als Antisemit aufgetreten, sondern war eben „Antizionist“. Man hatte dadurch die Vorstellung, dass man ganz anders agieren würde, obwohl es strukturell gleich ist, nur andere Worte und Chiffren benutzt.

LE: Sie sprachen vom „Ethnopluralismus“ als Chiffre. Wie definiert die rechte Szene diesen Begriff?

CEW: Es geht dabei um die Vorstellung, dass alle Kulturen den gleichen Wert haben, aber die multikulturelle Gesellschaft die Eigenheiten, die „Essenzen“ der Ethnien, vermischt und dadurch zerstört. Deshalb müsse neben Kulturen und kulturellen Bezügen auch darauf geachtet werden, dass ein minimaler Anteil an biologischer Herkunft erhalten wird. So wären Forderungen wie „Die Türkei den Türken, aber Deutschland den Deutschen“ beziehungsweise „Alle an ihren Platz“ ganz legitim und natürlich. Da haben wir im Endeffekt nur eine Umformulierung der „Blut und Boden“-Politik für das 21. Jahrhundert, denn die Herkunft ist das „Blut" und der Bezug zum geographischen Raum ist der „Boden". Es ist ein Rassismus ohne den Begriff „Rasse“.

LE: Wie sah die grenzübergreifende Zusammenarbeit in der rechten Szene aus? Gab es oft Treffen?

CEW: Damals war das sehr häufig der Fall. Das hing vor allem damit zusammen, dass ich Kontakt zu Leuten aus Leipzig und Dortmund hatte. Damals gab es dort Kontakte in alle möglichen osteuropäischen Länder. Da waren Leute aus Bulgarien, Russland und eben auch aus Tschechien. Die Zusammenarbeit funktionierte  zumeist über die jeweiligen Kaderfiguren. Damals war das in Tschechien Patrik Vondrák [Anm. d. Red: Mitglied des „Nationalen Widerstands“ („Národní odpor“)].  Das lief wie bei allen anderen Menschen auch. Man trifft sich  und dann wird geprüft, ob man gleiche Vorstellungen und Hobbys hat. Wenn das der Fall ist, arbeitet man enger zusammen.

LE: Gab es bei den tschechischen Rechten etwas, was anders war als in Deutschland?

CEW: Nein. Ich glaube, die Leute aus Tschechien hatten die gleichen Probleme wie wir in Thüringen oder Dortmund. Dabei muss man verstehen, dass es einige verschiedene Gruppierungen und Strukturen gibt, wie die Leute ideologisch aufgestellt sind. Das typische Stereotyp vom Skinhead war damals ja auch noch sehr aktiv. Die autonomen Nationalisten hatten sich schon etwas stärker, zumindest äußerlich, davon abgewandt. In der Gruppe, in der ich in Südthüringen war, gab es einen sehr elitären Anspruch. Fast niemand trank Alkohol oder aß Fleisch. Auch Patrik Vondrák lebte so, nahm auch keine Drogen. Er hatte aber hauptsächlich Leute um sich herum, die in höchstem Maße noch in den Skinhead-Vorstellungen gefangen waren.

LE: Gab es denn keinen Konflikt, beispielsweise um die Beneš-Dekrete und Vertreibung?

CEW: Leute, die historisch auf irgendwelche Gebietsansprüche fixiert sind, gibt es natürlich. Das war aber bei unseren Gruppen überhaupt nicht der Fall, weil wir auf internationaler Ebene den kompletten demokratischen Kapitalismus umstoßen und durch eine Weltrevolution alles ganz neu hervorbringen wollten. Für uns war klar, dass es nur lähmt, über solche Sachen zu sprechen. Wir wollten eine „nationalrevolutionäre Bewegung“ werden, wie wir es vollmundig genannt haben. Von daher haben wir auf diese Art von Historizismus, der zum Beispiel für die NPD wichtig ist und in dem man sich einigeln kann, verzichtet.

LE: Fühlte sich die Gruppe, in der Sie waren, denn der NPD nahe, oder lief das alles außerhalb des Parteienspektrums ab?

CEW: Das war ganz klar außerhalb des Parteienspektrums. Unserer Ansicht nach waren Leute, die mit Gruppen interagieren, die dem repräsentativen Demokratie- oder Parteiensystem angehörten, selbst schon korrumpierte „Parteibonzen“.

Der damalige stellvertretende NPD-Parteivorsitzende aus Thüringen, Patrick Wieschke, jemand aus Eisenach, hat mich und einen anderen Organisator der autonomen nationalistischen Szene zum Essen bei einem Kroaten eingeladen, was für uns ja kein Problem war, aber für ihn ein bisschen ärgerlich. Er hat uns dann gebeten, bei den nächsten Wahlen zu helfen, und hat einen Burgfrieden beschworen, da man ja für die gleiche Sache kämpfe. Wir haben gesagt: Machen wir auf gar keinen Fall, aber wenn er uns einen Drucker im Wert von 1500 Euro bezahlt, könnten wir uns das überlegen. Das hat er nicht gemacht.

Die einzige Sache, wo wir mit der NPD zusammengearbeitet haben, war die Anmeldung von Demonstrationen. Ralf Wohlleben, der jetzt im NSU-Prozess verurteilt wurde, fand zum damaligen Zeitpunkt unsere Politik spannend und hat das für uns gemacht. In Deutschland kann man nämlich, wenn man einer zugelassenen Partei angehört, viel einfacher und recht spontan politische Demonstrationen anmelden. Unser Elitenglauben ging aber soweit, dass wir gesagt haben: Die NPD ist keinesfalls die Speerspitze der Bewegung, das können nur wir sein.

LE: Kamen Sie mit dem Gesetz in Konflikt? Der Polizei  in Ostdeutschland wird oft vorgeworfen, auf dem rechten Auge blind zu sein.

CEW: Ich bin selber nur einmal vor Gericht gekommen - wegen Hausfriedensbruchs. Für alle Nacht- und Nebel-Aktionen, wo irgendwelche Sachbeschädigungen begangen wurden, bin ich nie belangt worden. Das ist auch relativ schwierig nachzuvollziehen. Von daher ist das schwer zu sagen. Ich hab auch Tage erlebt, an denen die Polizei uns auf Demonstrationen sehr clever eingekesselt und niedergemacht hat. Zu meiner Zeit war es so, dass die Polizei gerade darauf aufmerksam geworden war, dass autonomer Nationalismus relativ gefährlich ist. Repression wurde gesteigert, von den Gerichten ausgehend wurden alle Demonstrationen vorsorglich verboten. Es war sehr aufwendig überhaupt auf der Straße Präsenz zu zeigen. Das ist heute etwas anders, auch aufgrund dessen, dass viel zu viele Polizeibeamte der AfD nahestehen oder damit sympathisieren oder sogar in der Partei Ämter bekleiden. Das würde ich auf alle Fälle als großes Problem, einen großen Makel in Bezug auf die jetzige Situation betrachten.

LE: Was hat Sie bewogen, aus der Szene auszusteigen?

CEW: Das war zum einen das Scheitern meiner politischen Programme und Vorstellungen. Das ist ein Enttäuschungsmoment, was nicht unterschätzt werden sollte. Zum anderen war es die persönliche Auseinandersetzung mit Leuten aus der Antifa. Für Kader aus den autonomen nationalistischen Zellen gehörte das damals zum guten Ton, weil man eine „Querfront“ aufbauen wollte mit Antifa-Bezügen. Das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Der Hauptgrund war, dass unser Menschenbild zu Recht als nur auf Ausschluss und gewaltvollen Vorstellungen basierend abgelehnt wurde. Diese Gespräche haben dem Bröckeln meines damaligen Weltbildes weiteren Schub gegeben. Ich hab ja damals wirklich daran geglaubt, dass Ethnopluralismus etwas ganz anderes sei als Rassismus. Das muss man den Leuten aus AfD und der „Identitären Bewegung“ schon glauben, dass sie tatsächlich so dumm sind,  nicht zu verstehen, dass das strukturell das Gleiche ist. Das ist bei mir auch der Fall gewesen.

Dazu kam die Enttäuschung, dass ich die ganze Zeit mit Leuten zu tun hatte, auf die ich eigentlich keinen Bock hatte. Zusammen mit der Repression von Antifa und Polizei entstand so eine Gemengelage, in der ich dann  zunächst gesagt habe: Hier mache ich erstmal nichts mehr und kümmere mich um mein Studium. Dann ist das Schritt für Schritt weitergegangen, bis ich gesagt habe: Nee, hierauf hab ich überhaupt keine Lust mehr. Dann dauerte es auch nochmal eine Zeit, bis ich mich an eine Aussteigerorganisation gewandt habe. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein langwieriger Prozess. Da haben mir einfach verschiedene Leute geholfen, sowohl im Studium als auch die Leute aus dem Antifa-Bereich, die sich auf einer persönlichen Ebene mit mir auseinandergesetzt haben. Was weniger funktioniert, ist dieses moralisierende Anklagen, was in den Medien sehr oft passiert.

LE: Wie gut funktionieren  diese Aussteigerprogramme?

CEW: Das, an das ich mich gewandt hab, funktioniert meinem Empfinden nach leider nicht so gut. Eine große Bekanntheit lässt eben nicht automatisch auf gute Qualität schließen. Zum Beispiel gab es dort meines Wissens keinerlei Qualitätsstandards, was sich bis heute wohl auch nicht geändert hat. Sie bekommen mehrere Hunderttausend Euro aus der Staatskasse und aus Spenden, arbeiten aber meiner Ansicht nach überhaupt nicht transparent. Die Organisation, bei der ich war, wurde meiner Kenntnis nach nie richtig evaluiert.Es geht aber auch darum, wie die Organisationen mit den Aussteigern arbeiten. Ich bin relativ zügig in Schulen geschickt worden, ohne Vorbereitung und Nachbereitung, ohne dass ich eine pädagogische Ausbildung hätte. Erst jetzt bin ich aber seit einiger Zeit an einem Punkt, an dem ich die allermeisten Punkte reflektiert habe, die dazu geführt haben, dass ich Nazi geworden bin, es werden wollte und es jetzt nicht mehr bin.

LE: Kennen Sie  positive Beispiele von Aussteigerorganisationen in Deutschland?

CEW: Es gibt eine Bundesarbeitsgruppe von Aussteigerorganisationen, die sich zu einem Verein zusammengetan und sich offizielle Qualitätsstandards gegeben haben. Da gibt es zum Beispiel „Kurswechsel Hamburg“ und „reset“ aus Bremen. Die machen eine sehr  starke Vorbereitung und Nachbereitung mit Lehrern und Schülern zu dem Thema. Die haben eine klare Agenda und eine ganz transparente Arbeitsweise. Was ihnen fehlt, ist  das mediale Standing.

LE: Kann  die Gesellschaft, können die demokratischen Parteien eine Art Prävention leisten, so dass es gar nicht erst zu einem Erstarken der rechten Strukturen kommt? Woran mangelt es?

CEW: Wichtig sind materielle statt ideelle Argumente, die gar nicht ankommen. Die demokratische Kultur muss nicht die ganze Zeit mit Rechten reden oder sich mit ihren Themen beschäftigen. In Deutschland und Tschechien befasst sich die Medienlandschaft die ganze Zeit mit Migration, anstatt selber positive Themen zu setzen, die eine Gesellschaftsveränderung vorantreiben. Das Schaffen von Infrastrukturen in strukturschwachen Regionen, wie dort, wo ich herkomme in Thüringen, ist notwendig. Dort, wo der wichtige völkische Führer der AfD, Björn Höcke, herkommt, im Eichsfeld, gibt es meines Wissens kaum einen Jugendklub, der nicht von Rechten unterwandert ist, wo nicht die typische Musik läuft. Es braucht Infrastrukturen, in denen die typische rassistische, völkische, homophobe, sexistische Weltsicht nicht existiert und es kein Problem ist, wie man aussieht, wen man liebt und mit wem man zusammenleben möchte. Dafür mache ich auch die demokratische Gesellschaft mit verantwortlich, dass es diese Strukturen dort, wo ich aufgewachsen bin, nicht gab und es sie noch immer nicht gibt. Da muss man Gelder in die Hand nehmen und diese Regionen stärken.

Das Gespräch führte Tomáš Randýsek.

Christian Ernst Weißgerber war von seinem ersten Kontakt zur rechten Szene in Eisenach bis zum öffentlichen Bruch mit den ehemaligen „Kameraden“ etwa sechs Jahre bei rechten Jugendgruppen und „autonomen Nationalisten“ aktiv. Im März 2019 soll im Orell Füssli Verlag sein Buch  mit dem voraussichtlichen Titel „Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ erscheinen. Darin will er den Radikalisierungsprozess am eigenen Beispiel erklären und aufzeigen, wie man seine Erfahrungen auf den aktuellen Diskurs anwenden kann.

Christian Ernst Weißgerber war auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Multikulturellen Zentrums Prag im Rahmen des Projekts "Volksschule der Migration" (Lidová škola migrace) an der Moldau zu Gast. Er besuchte für ein Gespräch mit Schülern auch das Thomas-Mann-Gymnasium.