Plastikmüll in allen Farben des Regenbogens - Foto: Isabelle Wolf

Die Tschechische Republik: Ein Land ohne Pfandsystem für Plastikflaschen, ein Land, das auf Atom- und Kohleenergie setzt und in dem man bei jedem Einkauf noch eine Extra-Plastiktüte angeboten bekommt. Es klingt nicht so, als könnte man sich gerade dort zum umweltbewussteren Menschen entwickeln. Doch genau das ist mir passiert.

 

Überbleibsel des 20. Jahrhunderts

Unser grüner Planet befindet sich in keinem besonders gesunden Zustand. Und das ist auch nicht erst seit den „Fridays For Future“-Demonstrationen so, sondern hat eine viel längere Vorgeschichte, die bis ins letzte Jahrhundert zurückreicht. Dennoch habe ich persönlich erst vor drei Jahren begonnen, mich so richtig mit dem Umweltproblem auseinanderzusetzen – und zwar ausgerechnet in Tschechien.

Damals wohnte ich im nordböhmischen Teplitz (Teplice), in einer im Rest des Landes eher wenig beliebten Region. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Stadt im Nordböhmischen Becken liegt, wo der Abbau von Braunkohle schon eine jahrhundertelange Tradition hat. Dieser hat sowohl den Ruf als auch die Landschaft der Region selbst geprägt – und zwar tendenziell eher negativ. Besonders im Winter kann man den beißenden Kohlegeruch in der Nase spüren, denn in der Teplitzer Gegend werden auch noch heute viele Häuser mit Kohle beheizt. Ebenfalls bis heute dominieren die Abbaustätten des „Grubengoldes“ die Landschaft entlang der Zugstrecke von Teplitz nach Brüx (Most) und weiter bis nach Komotau (Chomutov). Wo einst grüne Wiesen waren, hat der Braunkohletagebau großflächig seine Spuren hinterlassen und ein Ende ist noch immer nicht wirklich in Sicht.

Seitdem ich mit eigenen Augen sehen und erleben konnte, was ein warmes Zimmer wirklich kostet, bekomme ich eine Krise, wenn in meiner Prager WG wieder einmal die Heizung auf höchster Stufe läuft, die Fenster jedoch sperrangelweit offen stehen. Stattdessen drehe ich die Heizung dann doch lieber runter und ziehe mir einen Pullover mehr an.

Plastikprobleme gemeinsam angehen

Noch eine weitere Sache hat mich Tschechien im Hinblick auf mein Umweltbewusstsein gelehrt: Plastik ist ein echtes Problem. Dadurch, dass ich damals zum ersten Auch für loses Gebäck gibt es überall Plastiktüten - Foto: Isabelle WolfMal in meinem Leben regelmäßig allein einkaufen ging, konnte ich in den Teplitzer Supermärkten etliche Klimaschockmomente hautnah erleben: Viele Kunden verwendeten für jedes einzelne Gebäckstück ein eigenes Plastiktütchen, einige Produkte an der Obst- und Gemüsetheke hatten die Hersteller sogar schon vorsorglich dreifach in Plastik eingepackt. Nicht viel anders sieht es auch in Deutschland aus.

Ich beschloss, dass ich wenigstens an meinem Kaufverhalten etwas ändern musste und holte mir dafür die Verstärkung einer Freundin an meine Seite. Gemeinsam starteten wir einen Wettbewerb: Wer in einem Monat mehr Müll produziert, der muss dem anderen ein Eis ausgeben. Eine kleine Sache, aber doch Ansporn genug für uns, allen offensichtlich vermeidbaren Müll zu umgehen. Beim Kauf von Äpfeln und Bananen nahmen wir die Exemplare, auf denen kein Aufkleber zu finden war, Obst und Gemüse kauften wie generell nur ohne Verpackung, das Gebäck fand seinen Weg in kleine Baumwollsäckchen. Statt Saft gab es ein Stück frisches Obst, statt Eis am Stiel solches aus der Eisdiele. Alternativen gibt es genügend, man muss sie aber finden wollen und sich auch die Zeit dafür nehmen.

Die Verkäufer an den tschechischen Supermarktkassen waren von unserem Experiment angesichts der einzeln auf dem Kassenband liegenden Möhren, Tomaten und Äpfel leider nicht besonders begeistert und blickten uns deswegen nicht nur einmal entnervt an. Trotzdem hat sich der Aufwand gelohnt. Innerhalb eines Monats kam nur sehr wenig Verpackungsmüll – eine Frischkäse-Packung, ein Zitronennetz und die Folie einer Schokoladenpackung sowie diverse Fahrkarten aus Papier – zusammen und so hatten wir beide eine Kugel Eis für unsere Bemühungen verdient.

Steine ins Rollen bringen

Seit dieser Zeit achte ich aktiv darauf, in welchen Bereichen ich Müll vermeiden und wie ich mein Leben ein bisschen nachhaltiger gestalten kann. Dabei sehe ich sowohl in Deutschland als auch in Tschechien viele Menschen, die es mir gleichtun.

Auch hierzulande steht die Zeit nämlich nicht still und das Bewusstsein für die Umweltthematik steigt stetig – vor allem in der tschechischen Hauptstadt. Prags Oberbürgermeister Zdeněk Hřib will eine Million Bäume pflanzen, in größeren tschechischen Städten schießen sogenannte „Unverpackt“-Läden aus dem Boden wie Pilze nach einem kräftigen Regenguss. Auch die hierzulade häufig anzutreffenden Second-Hand-Läden haben mittlerweile ihren schmuddeligen Ruf verloren und gelten in meinem Freundeskreis häufig schon als „hip“. Um die Umwelt sauber zu halten, gibt es außerdem regelmäßig Aufräumaktionen wie die im Rahmen der Kampagne „Ukliďme svět, ukliďme Česko“ (Lasst uns die Welt aufräumen, lasst uns Tschechien aufräumen), an denen man sich beteiligen kann.

Möglichkeiten, etwas für die Umwelt zu tun, gibt es schon in Fülle und sogar ohne Hülle. Es bleibt nun noch zu hoffen, dass dieses Bewusstsein für ein bisschen mehr Nachhaltigkeit aus den Großstädten auch in die umliegenden Gebiete überschwappt. Einen Wochenmarkt mit unverpacktem Obst und Gemüse gibt es immerhin auch schon in Teplitz.

Bis bald und ahoj.


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Es war ein langer Weg durch die tschechischen Wälder, auf dem ich vom Beerenverweigerer zur leidenschaftlichen Sammlerin mutierte. Für diese gravierende Persönlichkeitsentwicklung musste ich gegen antrainierte Prinzipien verstoßen und persönliche Grenzen überwinden – doch es hat sich gelohnt.

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