LandesEcho-Autorin Anna Käsche hat sich in die Bücherwelt gestürzt und berichtet täglich live von der Leipziger Buchmesse. Hier nun ihr Blog vom letzten Tag.

Der Buchmesse-Sonntag lief ruhiger an als die anderen Tage. Zum Ausklang der vier intensiven Tage standen eine Lesung mit Michal Ajvaz und ein Besuch der Messebuchhandlung auf meinem Plan. Weder Ajvaz noch seine Werke waren mir bisher ein Begriff. Laut Moderatorin Zuzana Jürgens handelt es sich um einen der meistübersetzten tschechischen Autoren. Zielsprache sei jedoch leider viel zu selten das Deutsche gewesen.

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Am AHOJ-Stand spricht Ajvaz vor allem über seinen Roman „Die andere Stadt“ („Druhé město“). „Druhé“ heißt auf Deutsch eigentlich „zweite“, weshalb Jürgens nachhakt: Warum wird aus der zweiten Stadt eine andere Stadt? Der Autor sieht das recht gelassen und erntet damit Heiterkeit: „Eigentlich ist es genau das gleiche. Die zweite Stadt ist natürlich anders als die erste und somit eine andere Stadt.“ Logisch. Veronika Siska, die Ausschnitte aus „Druhé město“ ins Deutsche übersetzte, atmet bei diesem Statement sicher auf.

Das Motto des letzten Buchmessetags „Literatur der Beunruhigung“ trifft auf Ajvaz jedenfalls nicht zu. Er scheint alles gelassen zu sehen. Die Hauptfigur seines Romans beginnt in Prag plötzlich eine parallele, zweite Stadt wahrzunehmen, die vor allem nachts lebendig wird. In diese einzudringen und sie zu verstehen ist für den Protagonisten eine Herausforderung. Auf die Frage nach einem Interpretationsansatz seines Werkes, antwortet Ajvaz mit einem Schulterzucken: „Das ist einfach so in mir gewachsen.“ Ich habe jetzt schon Mitleid mit allen Schülern, die in einigen Jahren stundenlang über ihrer Hausaufgabe zu diesem Thema grübeln werden. Manchmal ist ein Baum auch einfach nur ein Baum. So hieß es in meinem Deutsch Grundkurs jedenfalls.

Was bleibt vom Gastland?

Diese Frage stellt sich mir nach vier Buchmessetagen voller Eindrücke. In Erinnerung bleibt mir der immer gut besuchte Nationalstand der Tschechischen Republik. Die vielen bekannten Gesichter aus der deutsch-tschechischen Sphäre, aber auch die vielen, denen Programmkoordinator Martin Krafl unermüdlich erklärte, dass AHOJ mit J kein Rechtschreibfehler ist.

Auf Wiedersehen 2020 Neumann web

Endlich habe ich auch einen Überblick über die zeitgenössischen Autoren Tschechiens gewonnen. Kateřina Tučková, Tereza Semotamová, Michal Ajvaz, Iva Procházková, Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš und Jáchym Topol kann ich nun ein Gesicht, den richtigen Vornamen und sogar das ein oder andere Werk zuordnen.

Und nicht zuletzt habe ich auch einige Bücher mitgebracht, die ich auf dem Messegelände nicht erstanden, sondern eher errannt habe. In der Messebuchhandlung gab es leider kein einziges der Exemplare, die ich kaufen wollte. Vom freundlichen Personal des tschechischen Nationalstandes wurde ich jedoch zu den einzelnen Verlagen geschickt, die meine Wunschtitel parat hatten.

Ein Gastland war Tschechien für mich allerdings wirklich nur ein paar Tage lang. Als ich Sonntagabend wieder in Aussig (Ústí nad Labem) ankomme, ist es einfach nur Zuhause.


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Radka Denemarková gehört zu den wichtigsten zeitgenössische Autorinnen Tschechiens. Ihre Bücher werden in 22 Ländern verlegt. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse ist ihr Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ auf Deutsch erschienen. Darin führen drei Frauen ein geheimes Archiv über vergewaltigte Frauen. LE sprach mit der Autorin über das Buch, warum sie so lange nicht in Deutschland verlegt wurde und wie es ist, alleinerziehende Mutter und freie Autorin zu sein.