Die Bilder des Starfotografen kehren für eine Retrospektive nach Prag zurück. Neben seine Bilder treten weitere von Fotografenkollegen.

Als 2004 die Galerie Leica auf der Prager Burg die erste Helmut-Newton-Ausstellung in Tschechien eröffnete, erreichte sie rasch einen Besucherrekord. Seine selbstbewussten, furchtlosen, oft auch provozierenden Nacktbilder von Frauen (Big Nudes), die Newton manchmal mit Stöckelschuhen und Schmuck zierte, zogen innerhalb von drei Monaten rund 68000 Besucher an. Kurz nach der erfolgreichen Prager Schau ist er als 83-jähriger bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Fünfzehn Jahre später kehrt das Werk eines der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart nach Prag zurück. Das Museum Kampa zeigt Helmut Newton in Dialogue, Fashions and Fictions, die gemeinsam mit der Berliner Galerie Kicken zusammengestellt wurde.

Da die Veranstalter eine Retrospektive von Helmut Newton in Prag ankündigten, mag überraschen, dass für die Bilder nur zwei große Räume des Kampa-Museums genutzt werden. Wie bereits im Ausstellungstitel betont, tritt Newtons Werkauswahl jedoch in den Zusammenhang mit anderen bekannten Fotografen. Dadurch werden mögliche Inspirationsquellen und seine Entwicklung zu erotischen Bildern deutlich. Die einzelnen Namen der gezeigten Fotografen sind in einem monumentalen Personenverzeichnis zu lesen, das von der Decke des ersten Ausstellungsraumes herunterhängt. Neben dem deutsch-amerikanischen Modefotograf Horst P. Horst sind es beispielsweise auch der Ungar Martin Munkacsi oder die tschechischen Avantgardekünstler František Drtikol und Jaromír Funke, die ebenso wie später Newton von weiblicher Schönheit fasziniert waren. "Drtikol stellt eine Art von Inspiration aus der Zeit dar, in der Newton als Fotograf herangewachsen ist. Aber ob Newton sein Werk kannte, bleibt unklar. Denn wenn Newton über sich sprach, erzählte er zuerst über sich, dann über Yva [gemeint ist Else Simon, eine jüdische Fotografin, Anmerkung der Redaktion], in deren Berliner Fotostudio er einst arbeitete und dann über seine Flucht vor den Nazis. Aber nie hat er seine Vorbilder offenbart“, erklärt die Chefkuratorin des Kampa-Museums und die tschechische Kuratorin der Prager Newton-Ausstellung, Helena Musilová. Einen weiteren Dialog mit seine Arbeiten führt Newton im Museum Kampa auch mit seinen Zeitgenossen, zu denen u. a. die bekannten amerikanischen Mode- und Portraitfotografen Irving Penn und Richard Avedon zählen.

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Inmitten des Raumes steht ein schwarzes Sofa, darüber hängt ein Spiegel. Es fordert den Besucher auf, ein ähnliches Selbstportrait wie einst Helmut Newton aufzunehmen, der sich selbst in einem weißen Anzug bekleidet, eng von einer Frau in Unterwäsche umschlungen, im Bett liegend, in einem Hotelzimmer verewigte. Das Originalbild mit Newton steht als Vorlage direkt daneben.

Newtons tschechische Episode

Ein besonderes Kapitel erinnert an Newtons Besuch 1988 in Prag, wohin ihn die Zeitschrift Traveler für zwei Wochen schickte, um die Atmosphäre der tschechoslowakischen Metropole aufzufangen. Auf dieser Reise fühlte er sich jedoch unwohl, da ihm die überall herrschende Bespitzelung an das nazistische Deutschland erinnerte. Die Fotografiehistorikerin Anna Fárová, die durch eine Monographie über Henry Cartier-Bresson bekannt ist, empfahl ihm zwei Begleiter. Einer davon war der tschechoslowakische Fotograf Tono Stano, der als Franz Kafka verkleidet zu seinem Modell wurde. In der Ausstellung findet man eine Sammlung der tschechischen Fotografin Gabriela Fárová, die Newton damals bei seiner Arbeit in Prag dokumentierte. Neben den Aufnahmen im poetischen Prager Stadtviertel Neue Welt (Nový svět) begleitete sie Newton auch in das Atelier des Bildhauers Olbram Zoubek, durch Prager Cafés oder zum Aussichtsturm auf den Petřín-Hügel. Tono Stano und Gabriela Fárová sind in der Ausstellung auch durch eigene Arbeiten vertreten, die laut Kuratorin Musilová eine gewisse Nähe zu Newtons Werk ausstrahlen.

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Newtons Star- und Modewelt

Der zweite Ausstellungsaal zeigt Newtons ikonische Bilder, wie die Portraits von Nastassja Kinski, Sigourney Weaver, Karl Lagerfeld oder Paloma Picasso. Ins Auge sticht die Großaufnahme aus der berühmten Serie Big Nudes. Zu den Höhepunkten der Prager Fotoschau gehören laut Helena Musilová zwei Selbstportraits, die vieles über Newtons Zugang zum Fotografieren verraten. „Man kann Newtons Bilder aus Katalogen kennen, doch erst reale Fotografien, Originalvergrößerungen in unterschiedlichen Zusammenhängen, in Konfrontation mit anderen Autoren, zeigen das unglaubliche Durchdenken, die Sorgfalt und Raffiniertheit, auf die Newton beim Fotografieren setzte. Bei der Installation haben wir gerade jene Aspekte Newtons Fotografie hervorgehoben, die eine Beziehung zwischen Frau und Mann zeigen oder seinen einzigartigen Zugang bei Portraits von Prominenten belegen“, fügt Musilová hinzu.

In der Ausstellung wurde auch ein kleiner Kinosaal aufgebaut, wo der berühmte Film Frames from the Edge (1989) von Regisseur Adrian Maben über Helmut Newton gezeigt wird.

 

Helmut Newton (eigentlich Helmut Neustädter), kam als Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten und einer Amerikanerin 1920 in Berlin auf die Welt. 1938 ist seine Familie vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen. Newton kam erst nach Singapur, später nach Australien, wo er die australische Staatsbürgerschaft bekam. Seit den 1950er Jahren lebte er mit seiner Frau in Paris und Monte Carlo. Er wurde vor allem durch seine Mode-, Portrait- und Aktfotos bekannt. Newtons eigenwillige und nicht selten schockierende, großformatige Frauenbilder werden weltweit in Museen ausgestellt. Seine Aufnahmen erschienen in Magazinen wie Vogue, Elle und Playboy. Newton verstarb 2004 an den Folgen eines Autounfalls.

Die Ausstellung „Helmut Newton in Dialogue, Fashions and Fictions“ ist bis zum 28. Oktober zu sehen.


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