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In der Kürze liegt die Würze

Die Inszenierung von Leoš Janáčeks„Die Sache Makropulos“ am Staatstheater Nürnberg behält die Originalsprache Tschechisch bei.

 

 

Die Diva Emilia Marty ist zur Zeit Rudolfs II. geboren, taucht aber in den 1920er Jahren in der Prager Kanzlei des Anwalts Kolenatý auf. Möglich macht das ein Lebenselixier, das ihr Vater, der kaiserliche Leibarzt und Alchemist Hieronymus Makropulos, erfunden hat. Als Versuchsperson benutzte er seine halbwüchsige Tochter. Die Vorlage für das Libretto zu seiner Oper „Die Sache Makropulos“ fand der im mährischen Hukvaldy geborene Leoš Janáček in einer Komödie seines Zeitgenossen Karel Čapek. Der Komponist strich für das Libretto einige Stellen, veränderte den Text sonst aber kaum.

 

Die Frage des Alterns und der Lebensverlängerung, die Čapek in seinem philosophischen Bühnenstück abhandelt, bewegte die Menschen zu seiner Zeit nicht weniger als heute. Was würde geschehen, wenn es in der Hand der Menschen läge, ihr Leben künstlich zu verlängern? Čapek spielt im letzten Akt seiner Komödie verschiedene Szenarien durch, Janáček verengt den Blickwinkel auf die Operndiva Emilia Marty.

 

Diese wirkt in der Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen verstörend, als sie die Bühne betritt. Ein Hauch von Kälte umweht sie, ihre reglose, bleiche Miene erinnert an eine Wachsfigur, das perlweiße Kleid und der gelbgrüne Mantel verleihen ihr eine unnahbare, befremdliche Aura.

 

Der dramatische Sopran der amerikanischen Sängerin Mardi Byers lotet die Gefühlslagen der Diva, die nicht sterben kann, voll aus: Jähzorn, Menschenverachtung, Zynismus, Gefühlskälte beherrschen sie. Doch ihr arrogantes Gehabe ist nur die Maske einer tiefen Verzweiflung: „Tot sein, am Leben sein – das alles ist dasselbe ... wenn freudlos dumpf der Atem schleicht! Aber davon wisst ihr nichts, ihr lebt mit leichtem Herzen! Seht einen Sinn in allem! Nähe und Wärme freut euch! Jede Minute ist wertvoll! Toren, ihr seid so glücklich ...“ Sie selbst kann nichts mehr empfinden. Die ständige Wiederholung von Liebe, Schmerz, Ruhm, Enttäuschung hat sie abstumpfen lassen. Es ist gerade die Mangelware Zeit des kurzen Menschenlebens, die es möglich macht, dass wir Erlebnisse tief empfinden, die Welt mit wachen Sinnen wahrnehmen, an den Menschen glauben können.

 

337 Jahre altes Gedächtnis

Die Handlung der Oper – der verwickelte, schon fast hundert Jahre dauernde Erbschaftsstreit Prus gegen Gregor – rückt gegenüber dieser zentralen Botschaft in den Hintergrund. Noch ist unentschieden, wer nun das Erbe des Baron Josef Prus antreten darf, der sentimentale Jaroslav Prus (gesungen von dem Bariton Kurt Schober) oder Albert Gregor (Michael Putsch). Der resolute Anwalt Kolenatý (der slowakische Bass Gustáv Belácek) erwartet dennoch eine baldige Entscheidung durch das Höchstgericht. Da mischt sich die 337 Jahre alte Emilia Marty ein und fördert dank ihres langen Gedächtnisses unbekannte Details ans Tageslicht, die der Sache eine neue Wendung geben. Amüsant und beunruhigend zugleich!

 

Doch der Diva geht es nicht um das Erbe. In der Erbmasse befindet sich, versteckt in einem alten Schrank, die Formel Makropulos‘, das Rezept für das Lebenselixier. Als sie dieses schließlich in ihren Besitz gebracht hat, zerstört sie es. Sie ist des Lebens überdrüssig und schreitet durch eine im Bühnenhintergrund sich öffnende Pforte ins Jenseits, gleißendem Licht entgegen.

 

Mardi Byers hat für ihre Leistung in der Hauptrolle viel Lob geerntet. Nicht minder verdienstvoll ist die präzise Arbeit der Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung von Philipp Pointner. Janáček habe das Kräfteverhältnis innerhalb der Oper verlagert und der Musik den ersten Rang zurückgegeben, schreibt Milan Kundera in einem Essay über den mährischen Komponisten. Janáček erforschte den Einfluss von Seelenzuständen auf Satzmelodien, er war davon besessen. Seine Musik untermalt die Bühnenvorgänge nicht nur, sondern drückt die Gefühlsregungen der Figuren, die emotionale Färbung der Äußerungen – und damit deren tiefere Wahrheit – aus.

 

Um dies zu würdigen, um die für Janáčeks Musik so wichtige Melodie der Originalsprache in die Gestaltung mit einzubeziehen, erklingt die anspruchsvolle Oper in Nürnberg auf Tschechisch. Die Sänger meistern die schwierige Fremdsprache, obwohl außer Gustáv Belácek nur die junge slowakische Sängerin Judita Nagyová in der kleinen Rolle der ehrgeizigen Nachwuchssängerin Krista eine slawische Muttersprache mitbringt.

 

Bis zum Herbst kann man Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“ am Staatstheater Nürnberg noch in mehreren Reprisen genießen. Mehr Informationen finden Sie unter: www.staatstheater.nuernberg.de

 

Die Autorin arbeitet als Journalistin und Übersetzerin in Oberfranken und Prag.

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