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Auf der Suche nach der verlorenen Stille

Prag: Die Stadt der Romantiker, die Stadt der Literaten, die Stadt der Umbrüche – aber auch die Stadt der Stille?

 

Jaroslav Rudiš‘ aktueller Roman spielt in Prag. Die Schauplätze liegen allerdings fernab der Touristenhochburgen der Stadt. Nicht Karlsbrücke und Wenzelsplatz sind Orte des Geschehens, sondern die Letná-Höhe, Straßenbahnen und muffige Punkschuppen. Es ist das Prag der Einheimischen.

 

Bis auf die Vorstellung in den Köpfen der Touristen hat dieses Prag auch nicht mehr viel gemein mit dem literarisch so vertrauten Bild der Metropole, wie es Franz Kafka, Rainer Maria Rilke oder Gustav Meyrink gezeichnet haben.

 

In Rudiš‘ aktuellem Roman „Die Stille in Prag“ schlagen dem Leser Lärm, Musik, Nacktheit, Smog, Einsamkeit inmitten der Masse, Erinnerungen, Sex, Tod, Angst und Wut entgegen. Die Stille ist zwar ein ständig thematisierter Zustand, doch tatsächlich existent ist sie nur im nächtlichen Hintergrund. Im Laufe des Romans entwickelt sie sich zur ultimativen Sehnsucht der Figuren – und wird doch immer wieder verstoßen. „Alles, was nicht laut ist, existiert nicht“, scheint das paradoxe Motto der Romanfiguren zu sein.

 

Anhand von Momentaufnahmen gewinnt der Leser Zugang zum Leben von fünf ganz unterschiedlichen Charakteren. Wir tauchen ein in die Welt des gescheiterten Idealisten Petr: Verlassen und verraten von der Liebe sucht er sie doch an jeder Ecke, entdeckt sie in jeder Frau. Die Musik ist essentiell für den hoffnungslosen Romantiker, der mit seiner Hündin Malmö im Cockpit von Straßenbahnen durch das nächtliche Prag streift. Bei einer dieser Touren lernt er Vanda kennen, den Prototypen einer echten Punkgöre. Gezeichnet von der Scheidung ihrer Eltern und der Alkoholsucht ihrer Mutter, versucht sie, ihre Zerbrechlichkeit hinter der Maske der rotzigen Frontfrau einer Punk-Band zu verstecken.

 

Und dann ist da Hana, eine karriereorientierte Kosmopolitin. Auf einer Geschäftsreise hat sie eine kurze aber heftige Affäre und beschließt daraufhin, sich neu zu erfinden, zurückzukehren zu ihrem innersten Ich fernab jeglicher Zwänge. Dieser Veränderung fällt auch ihr Freund Wayne zum Opfer, der sich in einer sicheren Beziehung wähnt und in seiner „Kleinen“ die ultimative Lösung seiner Sinnkrise sieht.

 

Wayne ist ein Klischeeamerikaner, ein narzisstischer Cowboy, der Mitte der 90er Jahre in Prag hängengeblieben ist. Eine Art Midlifecrisis animiert ihn zum Nachdenken, er versucht, wieder Kontakt zu seiner fast schon vergessenen Familie in Delaware aufzubauen. Gleichzeitig ist es auch Wayne, der dem Leser einen Blick von außen auf die Stadt, auf das ganze Land gewährt: „Die Tschechen berichten mit viel größerer Lust von ihren Niederlagen als von ihren Siegen. Eine schwer zu ertragende Nostalgie herrscht in diesem Land“, lässt ihn Rudiš sagen.

 

Zwischen Pop und Psychose

Die wohl skurrilste und tragischste Figur des Romans ist Vladimír. Nach dem Krebstod seiner Frau sieht er seine Erlösung im eigenen Tod, in der ultimativen Stille. Der ehemalige Orchestermusiker lebt zurückgezogen und kämpft mit einer selbstgebauten lärmschluckenden Maschine gegen das ohrenbetäubende Getöse der Stadt an. Vladimír sieht seine tote Frau überall. In der gemeinsamen Wohnung ist sie allgegenwärtig. Zu Beginn hat der Leser gar den Eindruck, sie wäre tatsächlich präsent.

 

Stehen die fünf Lebensgeschichten anfangs noch für sich alleine, fügt Rudiš sie nach und nach geschickt zu einer großen Geschichte zusammen. Die Schicksale der Protagonisten verweben sich beharrlich enger ineinander. Die Taktung des Romans wird immer schneller, die Kapitel immer kürzer, alles scheint sich zu überschlagen und am Ende steht ein lauter Knall – der für alle Fünf eine Art von Erlösung bedeutet.

 

Jaroslav Rudiš als Popliteraten zu bezeichnen, ginge vielleicht zu weit, aber dass er dem Genre nahesteht, steht außer Frage. Durch Musik gelingt es ihm, die Charaktere schnell zu entschlüsseln, ohne sie sperrig und mit viel Text einzuführen. Vanda zum Beispiel kleidet ihr ganzes Leben mit Musik aus, sie imaginiert sogar ihre eigene Beerdigung mit dem passenden Soundtrack.

 

Jede Figur ist einem Genre zugeschrieben; die Post-Punk Ikonen „Joy Division“ und die Dark-Wave Pioniere „New Order“ sind Petrs favorisierte Bands und so entspricht auch seine Lebensphilosophie den Texten der dunklen Welle. „No hearing or breathing/No movement, no colors/Just silence“, heißt es im Song „Your silent Face“ von New Order. Auch hier wieder der Wunsch nach Stille, der Rudiš‘ Charaktere umtreibt.

 

„Die Stille in Prag“ erinnert teilweise eher an einen Film als an einen Roman. In der Manier des Episodenfilms rücken die einzelnen Geschichten immer enger aneinander, die Bilder prasseln immer schneller auf den Leser ein. Die Wege der Protagonisten kreuzen sich schon, bevor sie tatsächlich aufeinander treffen: Ein Vorüberrauschen des Anderen, ein Unfall, eine bestimmte Vorliebe lässt die Figuren so nah zusammen kommen, ohne dass sie sich tatsächlich begegnen.

 

Es ist eine stetige Ahnung, die den Leser verfolgt und das macht die Spannung des Werks aus: Das Verlangen, zu wissen, wann sie sich denn nun endlich über den Weg laufen, sich endlich kriegen. Und enttäuscht wird der Leser am Ende des Romans ganz gewiss nicht.

 

Jaroslav Rudiš: Die Stille in Prag. („Potichu“) Aus dem Tschechischen von Eva Profousová Luchterhand Literaturverlag. 240 Seiten. 16,99 €.

 

Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und lebt in Bonn.

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