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Gestürzte Helden

Josef Haslinger erzählt in seinem Roman „Jáchymov“ die wahre Geschichte des Eishockey- Nationalspielers Bohumil Modrý, der an den  Folgen des Uranabbaus im Arbeitslager Jáchymov starb.


Dezember 1949: Das tschechoslowakische
Eishockey-Nationalteam ist zum zweiten Mal Weltmeister. Ein unglaublicher Erfolg, der einer ganzen Nation Hoffnung spendet. Frenetisch wird die Mannschaft bei ihrer Rückkehr nach Prag bejubelt, Bevölkerung und  Staatsapparat feiern ihre neuen Helden gleichermaßen. Der Sport stiftet ein Gemeinschaftsgefühl, abseits von politischer Einstellung und Ideologie.

Doch der Freudentaumel hält nicht lange an. Unter einem Vorwand wird der Mannschaft verboten, zur nächsten Weltmeisterschaft nach London auszureisen. Dahinter steckt die Angst der Machthaber, die Spieler könnten sich ins „kapitalistische Ausland“ absetzen und so die politische Elite der CSSR vor der Weltöff entlichkeit blamieren. Es bleibt aber nicht bei dem Ausreiseverbot. Nur kurze Zeit später wird die Mannschaft von der stalinistischen Geheimpolizei festgenommen und vor dem Militärgericht angeklagt. Missachtung des  Paragraphen 231, „Hochverrat“ und „Spionage“ heißen die absurden Anschuldigungen. Damit beginnt ein Martyrium für die Sportler,  das für viele von ihnen im Arbeitslager von Jáchymov endet. Was man in Josef Haslingers Roman „Jáchymov“ zu lesen bekommt, ist  kein fiktiver Stoff . Erzählt wird eine wahre Geschichte, in deren Mittelpunkt der Torwart der tschechoslowakischen Eishockey-       Nationalmannschaft Bohumil Modrý steht. Große Teile des Romans basieren auf historischen Dokumenten wie Verhörprotokollen und Briefen, die Haslinger von Modrýs Tochter zur Verfügung gestellt wurden. Die Rahmenhandlung, in der die Tochter des Torwarts auch als Romanfigur auftaucht, ist jedoch rein fiktiv. So entsteht eine hybride literarische Konstruktion zwischen Dokumentation und Fiktion. Die Handlung des Romans entspringt aus einem zufälligen Treffen zwischen Modrýs Tochter und dem Wiener Verleger Anselm Findeisen an der Rezeption des Grand-Hotels von Jáchymov. Die Beiden kommen ins Gespräch und schnell wird klar, dass sie aus völlig anderen Beweggründen dort sind.

(K)ein Kurort wie jeder andere

Findeisen leidet an Morbus Bechterew, einer unheilbaren Krankheit, die zu einer Versteifung der Wirbelsäulengelenke führt. Um das Fortschreiten zu verlangsamen, wird ihm eine Kur in Jáchymov verschrieben, das für sein Radiumsol-Heilbad bekannt ist. Sein Arzt räumt zwar ein, dass früher dort Uranbergbau stattgefunden habe, doch heute sei es „wie in jedem Kurort“. Scherzend fügt er noch  hinzu, dass er sich für seinen Patienten doch lieber einen Geigerzähler anschaffen sollte. Dass aber an dem Ort, an dem Findeisen gesund werden soll, ganz nah der deutsch-tschechischen Grenze, nach dem Zweiten Weltkrieg eines der grausamsten sowjetischen Arbeitslager existierte, darüber wird lieber geschwiegen – aus Unkenntnis oder Scham. Die Grausamkeiten werden nur noch museal verpackt: Die  Kurgäste können eine Bustour buchen, die eine Besichtigung des Uranstollens beinhaltet.

Die Tochter sucht im Gegensatz dazu die Konfrontation, sie will genau wissen, welche Qualen ihr Vater erleiden musste: „Ich wollte mir den Uranstollen ansehen, in dem die Kommunisten meinen Vater gequält haben, bis er am Ende an den Verstrahlungen starb.“ Leid, Qual und Schmerzen auszuhalten, dagegen anzugehen, zu kämpfen und sich nicht zu ergeben,  das ist ein ständiges Motiv des Romans. Wie könnte man dies besser deutlich machen, als an der Figur von Modrýs Tochter, der Tänzerin. Sie geht aufrecht, wirkt stolz und stark. Diese Haltung ist das Resultat harten Trainings, eiserner Disziplin und vieler Rückschläge. Wie aber hätte sie auch nur aufgeben
können angesichts dessen, was ihr Vater alles erleiden musste. Er, der Leistungssportler, war am frühen Ende seines Lebens nur noch ein Schatten seiner selbst. Von seinem Körper, der einst sein Kapital war, ist kaum noch etwas übriggeblieben. Er musste verschwinden, weil ein längst marodes Gesellschaftssystem vor dem Untergang geschützt werden sollte und weil ein Staat sich über das Leben eines Menschen erhoben hat. Auch Findeisen kann sein Siechtum nicht aufhalten, sondern nur hinauszögern. Für seinen Zustand gibt es jedoch keinen „Schuldigen“, er muss sich dem Schicksal beugen, dass diese seltene Krankheit gerade ihn getroff en hat und versuchen, sich so lange wie möglich dagegen aufzulehnen, auch wenn es aussichtslos ist.

Europa verstehen

Die Tänzerin fungiert in Haslingers Roman als Sprachrohr der Geschichte ihres Vaters. Der Verleger Findeisen hat sie dazu aufgefordert, alles aufzuschreiben und wir können ihm bei seiner Lektüre des Manuskripts über die Schulter schauen. Lange Passagen mit dokumentarischem Charakter, fast im Protokollstil, mischen sich dabei mit Albtraumsequenzen, denn die Tochter ist noch immer traumatisiert, gequält von dem Verlust des Vaters. Die Sprache ist dabei klar und unverstellt, sie übertreibt nicht und spielt nicht. Ein
Akt des Schreibens, der Distanz zum Inhalt sucht, weil es anders gar nicht zu ertragen wäre.

Die Protagonisten des Romans sind als Figuren sehr stark angelegt, darum ist es schade, dass Haslinger diese Charaktere durch die Eröffnung anderer Nebenschauplätze und das Auftreten anderer Figuren eher verwischt. Trotzdem ist die Lektüre des Romans absolut empfehlenswert. Haslinger verarbeitet mit Bohumil Modrý als Symbolfi gur ein Stück europäischer Geschichte, das viel zu lange in  Aktenschränken verstaubt ist und kämpft damit gegen das Vergessen. Warum das Erinnern, auch außerhalb von Museen, niemals  aufhören darf, lässt Haslinger seinen Protagonisten Findeisen am Ende des Romans aussprechen: „Gerade hier, wo man gerne im  Windschatten gelebt hat, müssen solche Geschichten erzählt werden. Damit die Leute Europa verstehen lernen.“

Josef Haslinger: Jachýmov. S. Fischer Verlag, 272 Seiten, 19,95 €.

Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und lebt in Bonn.

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