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Mit Cello, Charme und roter Mütze

Ein altbekanntes Märchen, vor jüngstem Publikum auf die Bühne gebracht, zeigt auch den Großen die Welt noch einmal durch Kinderaugen.


 Als ich mich daran mache, Karten für das diesjährige Prager Th eaterfestival deutscher Sprache auszuwählen, beschließe ich mit Blick auf das Programm, nicht nur die feierliche Eröffnung mit den sicherlich sehr sehenswerten „bitteren Tränen der Petra von Kant“ und weitere ernste Materie anzusehen. Mir gefällt die Beschreibung des „Rotkäppchens“ vom Traffik- Theater aus Luxemburg. Auch die junge Generation soll etwas von dem Festival haben. Der Ort des märchenhaften Geschehens, die tschechische Traumfabrik Barrandov, scheint mir außerdem perfekt für einen Theaterbesuch. Ich kaufe daher zwei Karten, für mich und meinen Sohn. Wie meine Liebste mir anschließend versichert, haben wir gar keinen, da sei sie ganz sicher. Kurzerhand wird mein Neffe ausgeliehen. Der ist schon ganz aufgeregt, denn er kennt die Geschichte vom Mädchen mit der roten Mütze nur zu gut.

Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Auf der Bühne stehen zwei Herren in Schwarz und eine freundliche junge Dame, die Übersetzerin Markéta, wie uns später gleich wird. Es ist Sonntag Nachmittag, die Vorstellung ist gut besucht. Mir  scheint, es sind mehr Erwachsene als Kinder anwesend. Bevor ich noch darüber nachdenken kann, ob man eigentlich auch ohne Kind ins Kindertheater gehen darf, geht es auch schon los. Meinem Neff en wird von den Herren auf der Bühne erklärt, dass nun gleich das Licht ausgemacht werde und dass so etwas im Theater ganz normal sei. Er brauche also weder Angst zu haben noch zu weinen. Das Licht wird probehalber gelöscht und da weinen nicht ausdrücklich verboten wurde, findet sich doch schnell ein Freiwilliger.

Nun aber geht es wirklich los. Vom Cello begleite erzählt der Schauspieler Daniel Tanson die berühmte Geschichte vom Mädchen, der Großmutter und dem bösen Wolf ergreifend und spannend. So spannend, dass alle Kinder wie gebannt zuschauen.

Im Zwielicht der Bühne wirkt der Wolf tatsächlich ziemlich gruselig, sein Auftritt wird meist von aufgeregtem Kinderquieken begleitet. Die Übersetzerin ist geschickt in den Handlungsverlauf integriert und daher entstehen durch die Übersetzung keinerlei Brüche in der Erzählung oder im Spannungsbogen. Nebenbei lerne auch ich ein paar neue Wörter für mein tschechisches Vokabelheft. Mal sehen, wann sich zum ersten Mal ein Gespräch über einen „vlk“ im Prager Alltag ergeben wird.

Holzküsse und Verehrerinnen

Der Cellist Daniel Tanson versteht es nicht nur, die Erzählung sehr gekonnt zu untermalen. Auch er ist teilweise in die Handlung eingebunden. Immer wieder lockern kleine Scherze die Handlung auf, so dass die Kinder um uns herum kräftig kichern dürfen und anschließend wieder einige Minuten voll konzentriert zuschauen können. Auf die Frage von „karkulka“, warum denn nun die Großmutter so einen großen Mund habe, platzt ein Nachwuchstalent in die künstlerische Pause: „Damit ich dich besser frrrresssen kann!“ Der Darsteller nickt und unter tosendem Radau des Cellos verspeist der „vlk“ das Rotkäppchen. „Die is’ tot“, meint mein Neffe gelassen.

Doch weit gefehlt: Die Handlung nimmt ihren Lauf und schließlich befreit der Jäger wie gewohnt die beiden Gefressenen aus dem Bauch des Wolfs und es gibt ein Happy End. Im Freudentaumel küsst der Jäger die Großmutter in Gestalt einer kleinen Holz-Matroschka. „Igittigitt! Ein Holzkuss“, ekelt sich in der Reihe vor mir ein kleiner Junge.

Zum Abschluss des Stücks singen die Darsteller mit dem Publikum gemeinsam das Lied vom Rotkäppchen. Ein lustiges Liedchen mit einer kleinen Choreographie. Auch ich singe begeistert mit. Bei den Kindern ist jeglicher Grusel und das vorangegangene grausame Verbrechen im deutsch-tschechischen Märchenwald vergessen. Einige, besonders die angehenden Damen, lassen sich nach der Vorstellung ihre Eintrittskarte von Geschichtenerzähler Daniel Tanson und Cellist Michel Boulanger signieren. Die Luxemburger präsentieren sich sehr kinderfreundlich und als Theater zum Anfassen. Mein Neffe hat rote Wangen und ist noch immer ganz aufgeregt. Auf dem Heimweg erzählt er mir die wichtigsten Details des Gesehenen noch einige Male. Ich fühle mich bestens unterhalten und stelle fest: Kindertheater ist auch was für erwachsen gewordene Kinder, mit meinem Neffen aber noch viel, viel schöner.

Der Autor ist mehrfacher Onkel und lebt in Dresden und Prag.

 

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