She She Pop und 40 Jahre Schubladen

akzent2013Noch bis Montag (18.11.) läuft in Prag das Theaterfestival „Akcent 2013“ (wir berichteten). Johanna Freiburg und Ilia Papantheodorou, die mit dem Theaterkollektiv She She Pop und dem Stück „Schubladen“ am Festival teilnehmen, haben uns kurz vor ihrem Auftritt am Samstag ein paar Fragen beantwortet.

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Schubladen“ ?

JF: Für „Schubladen“ haben wir angefangen unsere eigenen Schubladen aufzumachen. Wir haben in Kellern und auf Dachböden nach persönlichem Material gesucht, nach Briefen, Tagebüchern, Schulbüchern und Büchern, die wir gerne gelesen haben. Wir haben uns damit beschäftigt, wie wir aufgewachsen sind, wie wir der Mensch geworden sind, der wir heute sind. Wir haben uns gefragt, wie wir zu den Überzeugungen gekommen sind, die wir heute haben. Wir von She She Pop sind in Westdeutschland aufgewachsen und haben uns für „Schubladen“ drei Gegenüber gesucht, drei ähnliche Frauen im selben Alter, die aber in der DDR aufgewachsen sind. Wir erzählen uns praktisch auf der Bühne gegenseitig unser Leben. Die ersten zwanzig Jahre haben wir in unterschiedlichen Systemen verbracht und die letzten zwanzig Jahre gemeinsam in einem. Es geht also darum, anhand dieser Schubladen das Schubladendenken anzusehen.

IP: Wir schaffen gleichzeitig eine kollektive Autobiographie von 40 Jahren deutsch-deutscher Geschichte aus persönlicher Sicht durch eine Art Polylog mit sechs Frauen auf der Bühne. Dabei steht immer eine Westdeutsche einer Ostdeutschen gegenüber. Wir verfolgen die Idee, dass „Wiedervereinigung“ zwar stattgefunden hat, man sie aber erstmal leisten muss, damit sie auch wahr wird. Man muss den Austausch tatsächlich betreiben und nicht einfach für selbstverständlich nehmen. Deswegen zeigen wir bei „Schubladen“ die Wiedervereinigung als Performance und als Leistung.

JF: Wir begegnen uns mit Distanz und gehen nicht davon aus, dass wir verstehen und wissen. Wir haben uns selbst die Erlaubnis gegeben an jeder Stelle zu sagen: „Erkläre!“, „Definiere!“, „Was heißt das?“, „Was meinst du dazu?“. Wir gucken ein bisschen auf das Eigene wie Fremde oder Anthropologen auf fremde Kulturen. Es ist ein Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Man ist eigentlich durch das persönliche Material sehr nah dran und versucht eine Distanz herzustellen in dem Spiegel gegenüber.

 

 

Wie kamen Sie gerade jetzt auf das Thema?

IP: Wir haben schon einmal etwas Ähnliches gemacht als wir Anfang 20 waren. Damals waren wir nur She She Pop, also nur Wessis. Unser Ziel war eine kollektive Autobiographie anhand von persönlichem Material. Wir wollten unsere ersten 20 Jahre zusammen erzählen. Wir haben immer gesagt: Wir machen das in 20 Jahren mal weiter. Jetzt haben wir die Idee wieder aufgegriffen. Nur diesmal haben wir uns ein Gegenüber als Gast dazugeholt, das uns die andere Seite Deutschlands spiegelt. Das war die künstlerische Motivation. Inhaltlich hat sich das ungefähr gedeckt mit dem 40. Jahrestag des Mauerbaus.

JF: Kurz nach dem Jahrestag hatten wir dann eben auch das Bewusstsein, dass wir 20 Jahre in getrennten Systemen und dann 20 Jahre gemeinsam angeblich in einem System gelebt haben. Wir wollte einfach sehen, was das heißt.

IP: Wir haben das vielleicht gerade anlässlich der 20 Jahre gemacht, die doch in dieser relativen Gleichgültigkeit gegenüber den Unterschieden, die zu überwinden waren, verbracht wurden. Wenn man sich den Alltag ansieht, gibt es noch viele Sachen, die bis heute eine Rolle spielen, zum Beispiel die sehr unterschiedlichen Erziehungssysteme. Wenn man Ost-Berliner Erzieherinnen mit West-Berliner Erzieherinnen vergleicht, merkt man: Wow, das sind Welten. Das ist eine ganz andere Prägung. Man kann sich aber nicht gegenseitig Vorwürfe machen, sondern muss zusammenarbeiten. Man ist gezwungen weiterzumachen und das sind auch Sachen, wo es sich lohnt, einfach weiterzumachen.

JF: Es wäre in der ersten Zeit nach der Wiedervereinigung auch so nicht möglich gewesen. Da musste man zusammenkommen. Jetzt können wir es uns vielleicht eher leisten auf die Unterschiede zu gucken. Dazu muss man auch zeitlich Distanz gewinnen.

Zu „Schubladen“ ist jetzt auch ein Hörspiel erschienen. Wie schwer war es, die Performance von der Bühne in dieses Format zu bringen? (zu hören beim Deutschlandradio Kultur: hier)

IP: Ja, das war schwierig, weil wir auch viele Formen entwickelt haben, die sich nicht so leicht auf ein nicht-visuelles Medium übertragen lassen. Zum Beispiel stellen wir an bestimmten Punkten Fragen an das Gegenüber und die Antwort geht dann nicht an die Fragende, sondern ans Publikum. Man gibt der Antwortenden eine kleine Bühne, um sich zu präsentieren, sich in der Antwort zu zeigen oder einen Kommentar abzugeben. Man öffnet sich so dem Publikum und verbündet sich manchmal auch mit den Zuschauern gegen die andere Seite. Solche Sachen muss man in einem Hörspiel auditiv übertragen und dafür Entsprechungen finden. Da gab es zum Glück begabte Sounddesigner, die uns da im Radio flankiert haben.

Wie ist Ihr Eindruck vom Festival „Akcent 2013“?

IP: Wir sind erst gestern spät abends angekommen und hatten leider keine Chance viel zu sehen. Wir kennen aber einige der Künstler bereits und schätzen ihre Arbeit.

JF: Es ist ja auch kein Präsenzfestival, wo der Austausch so geplant wäre, dass die Künstler über die gesamte Zeit des Festivals anwesend sind. Das findet man kaum. Es ist meistens so, dass man sich die Klinke in die Hand gibt und die Bühne freimacht für die nächsten. Wenn wir Glück haben, können wir die Sachen einmal in unserer Heimatstadt sehen. Das Programm sah schon sehr spannend aus.

Wir haben heute aber an einer Konferenz im Rahmen des Festivals teilgenommen, wo es um radikale Theaterformen ging. Das ist auch für uns schön, weil es dann eine Gelegenheit gibt, anderen Küntlern, Theoretikern und Theaterleuten zu begegnen, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Das ist toll, weil es natürlich auch uns einen Input gibt und uns über andere Positionen nachdenken lässt. So erfährt man auch mal etwas über das Theater hier. Das ist spannend.

Wo sehen Sie die Zukunft von She She Pop?

IP: Pläne gibt es mittlerweile sehr sehr viele. Es stehen viele Herausforderungen bevor, denn es hat ja in den letzten zehn Jahren in Deutschland durchaus auch ein Umdenken gegeben im Bezug auf die freie Szene, aus der wir kommen. Man erkennt langsam, dass sie eben auch ein Glanzlicht ist und nicht nur der Nachwuchsgarten für das Staatstheater. Es ist eben nicht so, dass die schönsten Blumen, die in diesem Schrebergärtchen der freien Szene wachsen, auf jeden Fall ins Staatstheater kommen und der Rest sowieso nichts taugt. Das war ja früher so ein bisschen die gängige Meinung. Da findet aber jetzt ein Umdenken statt. Wenn jetzt auch die politischen Kräfte weiter in diese Richtung wirken, kommt es auch zu einem Umverteilen von Ressourcen. Vor allem geht es darum, wie man diese beiden Ideen von Theater zusammenbringen kann. Das heißt für uns, dass es durchaus auch Pläne für das Staatstheater gibt. Wir wollen dabei nur nicht unsere Identität verlieren oder die freie Szene verraten. Das ist ein riesiger und fast schon politischer Auftrag, den wir mit erfüllen wollen.

JF: Aber ganz konkret haben wir schon mit den Proben für unser nächstes Stück begonnen, das im Frühjahr Premiere haben wird. Das ist eine Adaption von Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“ (dt. „Das Frühlingsopfer“). In unserer Fassung begegnen wir auf der Bühne unseren Müttern und führen einen Generationendialog.

IP: Es geht um das weibliche Opfer in der Gesellschaft und was es in den verschiedenen Generationen bedeutet.

JF: In „Le sacre du printemps“ geht es ja um ein Jungfrauenopfer, wir sind aber jenseits des Alters uns als Jungfrauen zu eignen und unsere Mütter sowieso. Sie haben auch schon gesagt, dass sie nicht bereit sind, sich als Opfer zu sehen - grundsätzlich. Nächste Woche werden wir ihnen begegnen und Gespräche aufnehmen. Wir werden dann sehen, wie diese Begegnung funktioniert. Das ist übrigens eine Koproduktion mit dem Prager Theaterfestival deutscher Sprache. So werden wir also hoffentlich auch nächstes Jahr zurückkehren und das hier in Prag zeigen.

Ist das Stück dann als Dialog eine Fortsetzung von „Testament“, wo sie ihre Väter auf die Bühne geholt haben?

IP: Es knüpft auf eine Weise natürlich inhaltlich daran an.

JF: Aber es ist dadurch ganz anders, dass wir uns als Vorlage ein Ballett und ein Musikstück gewählt haben, so dass es nicht so dialogisch wird. Es wird auf einer anderen Ebene inszeniert.

Aber es wird immer gesellschaftskritisch und politisch bleiben?

JF & IP: Hoffentlich!

IP: Das war ja heute auch ein Ansporn auf der Konferenz. Radikal sein ist ein Anspruch, den man erfüllen möchte, indem man immer wieder neue Wege einschlägt und Grenzen überschreitet.

JF: Jemand sagte auf der Konferenz, dass die Ursprünge des Theaters darin lagen, dass man gemeinsam einen Kreis bildete und in der Mitte etwas gezeigt wurde. Man sah beim Angucken auch der Gemeinschaft beim Zugucken zu. Die Aufgabe der radikalen Theatermacher ist die Wiederherstellung dieses Kreises. Das passt auch sehr gut zu dem, was wir machen. Es geht auch immer darum, die Zuschauer mit einzuschließen im Kreis und über die Blicke und Blickachsen nachzudenken, die da hin und her gehen.

Vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für den Auftritt.

Das Gespräch führten Tomáš Randýsek und Florian Oertel.