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Die Kafka-Trinität

Die drei Kafkas der Karlstruppe - Foto: Karlstruppe

 

Um keinen Schriftsteller reißt man sich im deutsch-tschechisch-österreichisch-jüdischen Kontext so sehr wie um Franz Kafka. Es gibt ihn als Buch, als Verfilmung, auf Kaffeetassen und T-Shirts. Es wurde schon so viel über ihn geschrieben und gesagt, dass es vielleicht einmal Zeit war, Kafka selbst zu Wort kommen zu lassen.

 

 

Diese nicht ganz einfache Aufgabe stellten sich im 90. Todesjahr Kafkas die Mitglieder der Karlstruppe, des deutschen Studententheaters der Karls-Universität Prag unter der Leitung von Boris Blahak. Sie fügten aus vielen Einzelteilen ihre „Kafka-Collage.14/90“ zusammen. Dabei bedienten sie sich aber nicht nur bei Kafka selbst, sondern auch bei Max Brod, Milena Jesenská und bei der damals aktuellen Tagespresse. Entstanden ist so ein Portrait eines getriebenen und zerrissenen Kafka, dessen gespaltene Persönlichkeit gleich drei Schauspieler beschäftigt und benötigt.

Die Übergänge zwischen den Kafka-Aspekten Versicherungsbeamter, Schriftsteller und Tier sind fließend und so treten die drei Darsteller, Severin Fritzsche als Dichter, Miroslav Hubáček als Assekuranz-Agent und René Pfaff als Mensch-Tier, in unterschiedlichen Konstellationen mehrfach gleichzeitig auf. Das daraus resultierende Stimmengewirr gibt einen kleinen Einblick in die geistige Verfassung Kafkas. Dabei wird natürlich dem schreibenden Kafka die meiste Aufmerksamkeit gewidmet. Die Rolle schwankt zwischen schwerer Psychose und Fieberwahn, wird aber auch durch eine humorvoll gestaltete Szene der Zerrissenheit zwischen den zwei Frauen in Kafkas Leben, Michaela Bednaříková als Felice Bauer und Iva Karlecová als Milena Jesenská, aufgelockert. Auch hier spielt das Stück mit einer eigentlich unmöglichen Gleichzeitigkeit, die durch den Auftritt der dritten Frauengestalt, Karmen Gajšek als Dora Dyamant, noch unterstrichen wird.

Die Show stiehlt aber eindeutig Kafka als Mensch-Tier beziehungsweise Tier-Mensch. Vor der Kulisse einer literaturwissenschaftlichen Tagung zur Kafka-Interpretation anlässlich seines 90. Todestages, die sich der Schriftsteller Kafka in einem Albtraum herbeifantasiert, erhält das Tier Kafka seine Bühne. Ein furioser Monolog bricht los, schwillt an und will gar nicht mehr aufhören. Als er es dann doch tut, hinterlässt er vollkommen unbeeindruckte verschrobene Literaturwissenschaftler, die sich von solch einem animalischen Selbstbild nicht aus ihrer eigenen Interpretationsschiene heben lassen. Wer einmal auf einer literaturwissenschaftlichen Konferenz war, wird dieses Bild mit Sicherheit vertraut finden. Man merkt der Karlstruppe an, dass da eigene Erfahrungen in das Stück eingeflossen sind.

Insgesamt ein sehr gelungenes Stück mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen des jungen Studenten-Ensembles. Die untermalende bedrückende Musik trägt ebenso dazu bei wie das Spiel mit Licht und Schatten, das trotz eher improvisierter Bühnentechnik nicht albern wirkt, sondern tatsächlich Atmosphäre schafft.

Wer die zwei Aufführungen im Goethe-Institut Prag verpasst haben sollte, hat noch heute (7. Mai) um 19.00 Uhr im Budweiser (České Budějovice) Musikklub mcFABRIKA die Chance, die drei Kafkas im Rahmen eines deutschsprachigen Theaterabends zusammen mit der Theatergruppe „Die Kinder Zimmermanns“ mit ihrem humoristischen Blick auf das Jüngste Gericht „Ach du lieber Himmel“ zu erleben.

Weitere Informationen zur Budweiser Veranstaltung finden Sie auch auf den Facebook-Seiten des Musikklubs: hier.

 


 

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