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Ein deutsch-tschechisches Leben

Persönliche Geschichtsstunde

 

Nachdem die Erstauflage seines bekanntesten Buches „Gestrige Angst“ (Včerejší strach) bald nach ihrem Erscheinen 2002 schon wieder vergriffen war, hätte man ahnen können, dass die Präsentation eines neuen Buches von Josef Škrábek erneut auf großes Interesse stößt, aber ein solcher Andrang überraschte dann auch den Autor: Der kleine Pfarrraum der Kirche des heiligen Matej (Farnost u sv. Matěje) in Prag ist brechend voll, über 50 Gäste drängen sich um den Tisch, an dem Škrábek sitzt und aus seinem neuen Werk „Dějiny osobě prožité a protrpěné“ (Persönlich erlebte und durchlittene Geschichte) erzählt.

 

 

Das große Thema in Škrábeks Büchern sind die deutsch-tschechischen Beziehungen, die für den 1928 geborenen Sohn einer deutschen Mutter und eines tschechischen Vaters nie nur ein Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, sondern immer ein persönliches Anliegen waren. Doch „Dějiny osobě prožité a protrpěné“ ist vielleicht sein bislang persönlichstes Buch, denn Škrábek erzählt hier die deutsch-tschechische Geschichte autobiographisch aus seiner eigenen Perspektive.

Seine Kindheit in Waltsch (Valeč) und Karlsbad (Karlovy Vary), die Zeit des Protektorats und des zweiten Weltkriegs und das Leben im Kommunismus, seine Fabrikarbeit und schließlich publizistische Tätigkeiten – Škrábek verknüpft seine persönlichen Erlebnisse mit geschichtlichen Ereignissen und Hintergründen. Historische Entwicklungen verlieren in seinem Buch an Abstraktheit, denn der Autor schildert den Teil, der sich nicht immer in den Geschichtsbüchern wiederfindet: Ihre Auswirkungen auf das Leben der einzelnen Menschen.

So hören seine Gäste gespannt zu, wie Škrábek einzelne Erlebnisse seines Lebens berichtet, ernste wie fröhliche, und dabei ein beeindruckendes Gedächtnis unter Beweis stellt, immer wieder erinnert er sich an einzelne Wochentage und andere Details. Schmunzeln und Gelächter gibt es auf eine Anekdote aus den frühen 80er Jahren, als Škrábek mit einigen Mühen einen Auftritt einer deutschen Gesangsgruppe organisierte, die unbedingt in einer schönen Kirche auftreten wollte. Die bürokratischen Hürden stellten sich damals als unüberwindbar heraus, die Gruppe fand den ausgefallenen Auftritt im Angesicht der vielen Prager Gasthäuser aber nicht weiter tragisch. Am Ende der Präsentation bleiben viele noch da, bestürmen den Autor mit Fragen und diskutieren über das Gehörte.

Das Buch trägt den Untertitel „příběh nejen česko-německý“ (eine nicht nur tschechisch-deutsche Geschichte), denn es waren nicht nur deutsche und tschechische Entwicklungen, die das Leben Josef Škrábeks prägten, ein großer Teil des Buches widmet sich dem Leben und Arbeiten unter der kommunistischen Herrschaft.

Dennoch: Geprägt ist Škrábeks Geschichte von seiner deutsch-tschechischen Herkunft und der komplexen Beziehung der beiden Länder. Aus den Ereignissen des Protektorats Böhmen und Mähren und der Vertreibung der Deutschen, die von tschechischer und deutscher Seite grundsätzlich unterschiedlich wahrgenommen wurden, zieht er den Schluss: „Keine Nation kann auf Dauer auf Kosten der anderen zufrieden sein“.

Das Thema der deutsch-tschechischen Beziehungen ist in beiden Ländern noch sehr emotional besetzt, doch unterscheiden sich die Reaktionen von Tschechen und Deutschen auf die Werke Škrábeks interessanterweise nicht. Auf beiden Seiten erntet der Autor gleichermaßen Anerkennung und Kritik für seine Schriften. „Das ist erfreulich. Die Menschen differenzieren sich nicht mehr nur nach ihrer Nationalität“, meint Škrábek. Das hat auch zur Folge, dass das Interesse an dem Thema über die Jahre gesehen zurückgeht. Das muss jedoch nach Škrábeks Meinung nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. „Als Autor bin ich traurig, dass das Interesse an der deutsch-tschechischen Problematik so stark nachgelassen hat. Aber als Mensch bin ich glücklich, denn das bedeutet, dass die Tschechen und Deutschen sich nicht streiten, dass die Beziehungen langweilig gut sind.“

 

Dieser Artikel erschien in der LandesZeitung 13/14 2014.


 

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