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Der gar nicht so rasende Reporter

Foto: Viera Glosíková bei ihrem Vortrag zu Egon Erwin Kisch im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Zwar wurde Egon Erwin Kisch einem breiten Publikum mit seiner Reportage „Der rasende Reporter“ bekannt. In Wahrheit war er aber ein akribischer Arbeiter, der seine Reportagen und Artikel in mühevoller Kleinarbeit zusammensetzte. So stellte Viera Glosíková, Leiterin des Germanistischen Instituts der Pädagogischen Fakultät der Karlsuniversität Prag, im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren in ihrem Vortrag Kisch vor.

 

 

 

Würde man diese Akribie in das Aufarbeiten des Lebens Kischs stecken, so würde man mit dem Vortrag mehrere Winterabende verbringen. So aber wurde der Abend frei und etwas weniger wissenschaftlich gestaltet, was sicherlich aber dem Publikum den größeren Nutzen brachte.

Kisch wuchs im multikulturellen Milieu Prags auf. Er war Prager, Jude, Kommunist und aus gutem Hause, eines davon sei seiner Meinung nach überall einsetzbar. Literarisch habe er sich für die Menschen an der Peripherie interessiert. Das sei auch in seiner Arbeit zu spüren. Immer sei es um die Menschen gegangen. Dies mache seine Werke so lebendig. Und auch wenn Kisch sich eher dem temporär kurzlebigen Zeitungsgeschäft verschrieb, waren sein Schreibstil und seine Reportagen, wie ihm Berthold Brecht versicherte, bedeutender als die Werke der meisten deutschsprachigen Schriftsteller.

Dennoch muss man wohl konstatieren, dass wenn man Prager deutschsprachige Autoren nennt, man zwar auch den Namen Kisch erwähnt, wenn es aber um gelesene Werke geht, oftmals Unwissenheit vorherrscht. Doch wie Brecht schon sagte, sollte man seine Rolle nicht unterschätzen. Im Prag vor 1945, in dem Deutsche und Tschechen meist getrennt voneinander lebten, war er eine Art Brückenfigur. Viele seiner Werke, in jungen Jahren auch Theaterdramen, wurden ins Tschechische übersetzt oder in dieser Sprache uraufgeführt. Auch er selber konnte Tschechisch sprechen, auch wenn seine literarische Sprache immer das Deutsche blieb.

Kisch engagierte sich politisch, was ihm mehr als nur einmal in Bedrängnis brachte. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er sich für die Kommunisten in Österreich ein, was nach dem Ende der revolutionären Unruhen dort zu seiner Ausweisung führte. Er kehrte nach Prag zurück, siedelte aber schon 1921 nach Berlin über. Auch dort war er politisch aktiv und wurde in der Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand 1933 eingesperrt. Nach Protest der Tschechoslowakei musste Kisch als tschechoslowakischer Staatsbürger wieder freigelassen werden und konnte so als ein früher Augenzeuge von Gewalt und Folter in Nazi-Gefängnissen berichten.

Nach verschiedenen Stationen, etwa in Paris oder Sydney, verbrachte Kisch den größten Teil der Kriegsjahre in Mexiko. Dort schrieb er sein letztes Buch „Entdeckung in Mexiko“, das aufgrund und hier schließt sich der Kreis, seiner akribischen Recherche, selbst den Einheimischen eine neue Sichtweise bot. Doch selbst für den Kosmopoliten Kisch war die Heimat Prag immer etwas besonderes, auch wenn bei seiner Rückkehr 1946 bereits neues Unheil am Horizont heraufzog. 1948 verstarb er dann in seiner Heimatstadt, die politischen Prozesse und der real existierenden Sozialismus erlebte er nicht mehr.

Mit Bildern, Auszügen aus Büchern und der Begeisterung einer Kisch-Expertin, waren die Besucher im Prager Literaturhaus vollauf unterhalten. Deswegen freut es auch, dass diese Veranstaltungsreihe in Kooperation mit den Germanischen Studien der Karlsuniversität und dem Prager Literaturhaus weitergeht. Am 11.11.2014 und 3.12.2014 stehen weitere Termine an. Infos dazu finden Sie auf der Homepage des Literaturhauses: hier

 


 

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