Zwei Villen hinterließ der Architekt Adolf Loos in der tschechischen Hauptstadt. Das LandesEcho hat sie und ein weiteres Apartment besichtigt.

Adolf Loos (1870-1933) gehört zu den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Im jungen tschechoslowakischen Staat realisierte er gleich mehrere Projekte: mehrere Wohnungseinrichtungen in Pilsen (Plzeň), das Reihenhaus des Unternehmers Karl Herold in Brünn (Brno) sowie die Villa und Zuckerraffinerie von Viktor Bauer in Rohrbach (Hrušovany) südlich von Brünn. Zu Loos’ Werk gehören aber auch zwei bedeutende Wohnhäuser in Prag: die prächtige Villa Müller und die etwas bescheidenere Villa Winternitz. Darüber hinaus befindet sich in der Prager Altstadt auch ein bemerkenswertes Adolf-Loos-Apartment.

Villa Müller

Adolf Loos feierte seinen 60. Geburtstag am 10. Dezember 1930 nicht zufällig in der Villa Müller in Prag. Sie ist nicht nur bis heute als Meisterwerk anerkannt, Adolf Loos selbst zählte sie auch zu seinen schönsten Werken. Das weiße, kubusförmige und bis auf die gelben Fensterrahmen schlichte Gebäude ließ der Bauunternehmer František Müller zwischen 1928-1930 im Prager Stadtteil Střešovice bauen. Zur gleichen Zeit entstanden anderswo in Europa zwei weitere herausragende Bauten: Die Villa Tugendhat des Architekten Mies van der Rohe in Brünn und die Villa Savoy von Le Corbusier unweit von Paris. Während diese beiden Häuser von der Fachwelt gelobt wurden, fand man an der Villa Müller nur ihre kubische Form interessant. Im Gegensatz dazu wurde die von Loos komplett entworfene Inneneinrichtung der Müllerschen Villa als unmodern abgetan.

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Als der damals 58-jährige Loos die exklusive Familienresidenz für den 38-jährigen František Müller und seine Frau Milada entwarf, bekam er von ihnen absolute Freiheit. Dadurch konnte er die Ergebnisse seiner langjährigen Arbeit umsetzen, was diesen Bau einzigartig macht. Er verband sein innovatives Denken als Architekt mit den Ansprüchen des Großbürgertums. Das dafür bestimmte Hanggrundstück in dem vornehmenen Stadtviertel schien nicht ideal zu sein, doch Loos konnte hier sein Potenzial voll ausschöpfen. Jeder Raum erhielt getreu seinem Raumplan eine eigene Deckenhöhe, wodurch er sich je nach seinem Zweck in eigener Ebene erstreckt. Zur Bauachse machte Loos das Treppenhaus, das in der Mitte spiralartig nach oben führt. Durch eine zweite Haustreppe und einen Aufzug trennte er die Privaträume für Familie und die Bediensteten von den Repräsentationsräumen ab. Zu diesen gehörte ein geräumiger Salon mit Kamin und zwei Wandaquarien, ein Esszimmer sowie ein geteiltes, an ein Zugabteil erinnerndes Damenboudoir mit einem stilvollen Rollfenster, von dem aus man das Geschehen im Gesellschaftsraum unauffällig beobachten konnte. Weiterhin findet man hier das Arbeitzimmer von Müller, das Loos außer mit seinen typischen Einbauschränken mit einer Leinwand und einem Projektor ausstattete, die für Architekturpräsentationen unentbehrlich waren. Zeitlos wirken eine moderne Bodensteckdose fürs Telefon und ein Briefkasten, der sich in dem Arbeitstisch des ehemaligen Hausherrn verbirgt.

In der Residenz des Großunternehmers fehlte es nicht an edlen Baustoffen, zu denen der Travertin im Eingangsbereich, der von grünen Adern durchzogene Cipollino-Marmor für Wand und Säulen im Salon sowie das Zitronenbaumholz im Damenboudoir zählen. Das schon damals moderne Bad samt Toilette lieferte die englische Firma Twyford. Denn ähnlich wie Loos war auch Müller anglophil und dem technischen Fortschritt zugeneigt. Da das Ehepaar zwei Kinder plante, befinden sich im Haus zwei Kinderzimmer, wobei das eine als Schlafzimmer, und das zweite als Spielraum eingerichtet wurde. Sie sind eher einfach eingerichtet. Die Familie fürchtete damals einen erneuten Ausbruch der Spanischen Grippe und wollte die Räume deshalb steril halten können. Die Residenz verfügt zudem über zwei großangelegte Terrassen, jeweils im zweiten und dritten Stock, wobei die höhere von ihnen einen herrlichen Ausblick auf den St.-Veits-Dom bietet, den Loos zusätzlich durch eine Pergola einrahmte.

Während der deutschen Besetzung konnte die Familie Müller ihr Haus behalten. Nach 1948 wurden Villa und Firma jedoch verstaatlicht und die Müllers durften nur zwei Räume im oberen Stockwerk beziehen. Nach dem tragischen Tod von František Müller emigrierte die Tochter Eva 1951 nach England. Zurück blieb bis zu ihrem Tod im Jahre 1968 ihre Mutter Milada. Das Haus wurde zuerst in ein Teppich-Lager umgewandelt, später bezog es das Archiv für Marxismus-Leninismus. Nach 1989 kaufte das Museum der Hauptstadt Prag Eva Müllerová ihren Hausanteil ab. Die Villa befindet sich seitdem in städtischer Verwaltung. Nach einer aufwendigen Restaurierung konnte die Villa Müller im Mai 2000 ihre ersten Besucher willkommen heißen.

Villa Winternitz

Zwei Jahre später begann Loos in Prag sein zweites Bauprojekt zu realisieren: Die Villa Winternitz im Stadtteil Smíchov. Der erfolgreiche Prager Jurist Josef Winternitz lernte Adolf Loos durch seinen Arbeitgeber kennen, der kein anderer als der Bauunternehmer František Müller war. Auch diesmal entstand ein modernes Wohnhaus, das Winternitz gemeinsam mit seiner Ehefrau Jenny, seiner Tochter Suzana und seinem Sohn Peter bewohnte. Der Bau verlief in einem raschen Tempo, so dass die Familie schon im Herbst 1932 in ihr neues Heim einziehen konnte. Da Loos zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank war, übernahm sein Kollege, der Prager Architekt, Kunsttheoretiker und Szenograf, Karel Lhota, die Aufsicht über den Verlauf der Bauarbeiten. Weil Loos 1933 starb, stellt die Winternitz-Villa das überhaupt letzte Vorhaben dar, das er zu seinen Lebzeiten vollendete.

Aufgrund etlicher Gemeinsamkeiten mit der Villa Müller wird die Winternitz-Villa auch als ihre jüngere Schwester bezeichnet. Auch hier ist die charakteristische Handschrift des Architekten erkennbar.

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Den weißen, schlichten Kubus mit drei Terrassen schmücken nur gelbe Fenster, die an der Nordseite symmetrisch aufgeteilt sind. Den Innenraum prägt Loos’ berühmter Raumplan, der sich auf sechs unterschiedlichen Ebenen erstreckt. Ins Haus tritt man durch einen schmalen, unauffälligen Seiteneingang ein, um daraufhin über die Treppe in sein Herz zu gelangen: Einen großen hellen Saal von 52 Quadratmetern, der als Gesellschaftsraum diente. Seine längere Seitenwand bilden große Fenster und Türen, die auf die erste Terrasse führen. Zur Zentralachse des Saals wurde ein Kamin, den Loos häufig in seinen Innenräumen verwendete.

In der Villa Winternitz arbeitete Loos mit einfacherem Material als bei dem  pompösen Familiensitz des Großunternehmers Müller. Anstelle von kostbarem Marmor und exotischem Holz benutzte er Backstein, weißen Wandputz sowie Lärche, Eiche und Mahagonifurnier. Über eine Treppe gelangt man links zum offenen Essraum, hinter dem sich die Küche verbirgt. Symmetrisch dazu befinden sich rechts der erhöhten Galerie das ehemalige Arbeitzimmer von Josef Winternitz und ein Herrenabteil mit einer Bar. Loos stattete es mit seinen Einbauschränken aus, um zusätzlichen Stauraum zu gewinnen. Hinter einer symmetrisch angeordneten Mitteltür gelangt man in den Privatbereich. Eine Innentreppe führt in den ersten Stock, wo sich das Schlafzimmer der Eltern, ein Umkleideraum, zwei Kinderzimmer, ein Gästezimmer und ein Bad befinden. Aus drei Zimmern kann man auf die zweite Hausterrasse hinausgehen. Im obersten Stock findet man noch eine dritte Terrasse und zwei kleine Zimmer für Bedienstete. Heute wird darin durch Fotografien und Zeitdokumente die Familie Winternitz sowie die Geschichte der Villa gezeigt.

Während der deutschen Okkupation wurde die Villa beschlagnahmt. Die jüdische Familie Winternitz wurde 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Josef Winternitz und sein Sohn Peter starben im Gas, Jenny und Suzanna überlebten. Nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 entstand in der Villa ein Kindergarten, der sich dort bis 1989 befand. In einem Restitutionsverfahren erhielt die Familie die Villa zurück. Aus eigener Kraft und auf eigene Kosten gab sie ihr ihren einstigen Glanz zurück. In der Villa finden heute Kulturveranstaltungen statt. Derzeit sind dort Loos-Modelle seiner berühmtesten Bauten aus der Werkstatt japanischer Architekten ausgestellt.

Adolf Loos Apartment and Gallery

1907 entwarf Loos in Pilsen seinen ersten Innenraum: Die Wohnung von Martha und Wilhelm Hirsch, die leider nicht mehr in ihrer damaligen Form erhalten ist. Was jedoch überlebte, ist ein Teil des Junggesellenapartments ihres Sohnes Richard, der im selben Haus in der Plachý-Straße 6 einen Stockwerk tiefer lebte. Dem Galeristen und Loos-Verehrer Vladimír Lekeš ist zu verdanken, dass die Pilsner Wohnungseinrichtung 1987 gerettet und nach Prag gebracht wurde. Als man später eine grundrissähnliche Wohnung fand, konnte die Restaurierung beginnen. Sämtliche Arbeiten wurden unter Aufsicht von Burkhardt Rukschcio, eines der führenden Loos-Kenner, durchgeführt. Die Einrichtung wurde nach sorgfältiger Restaurierung im Stadtviertel Josefov wieder aufgebaut, wobei die Finanzierung allein Vladimír Lekeš übernahm.

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Obwohl die historische Einrichtung im Laufe der Zeit beschädigt wurde, sind zum Glück alle Einbauelemente der Originalwohnung erhalten. Die von Adolf Loos entworfenen Möbelstücke, wie der Elefantenrüsseltisch, an dem einst Sigmund Freud, Egon Schiele oder Gustav Klimt saßen, und weitere wertvolle Möbelstücke, kaufte Lekeš verschiedenen Privatsammlern ab. Darunter auch der berühmte Loos'sche Sessel, der sogenannte Knieschwimmer. Ein Blickfang ist eine erhöhte Sitznische, die originalgetreu wieder hergestellt wurde. Sie erhält ihr Licht von einer imposanten Leuchte, deren Glühbirnen je nach Bedarf ein- und ausgeschaltet werden können. Dahinter verbirgt sich eine Belüftung, um den Zigarren- und Pfeifenrauch abzuführen. Der Hauptraum bietet genügend Platz für eine Bibliotheksecke mit halbhohen Einbauschränken und einem bequemen Fauteuil, einem Schreibtisch zwischen den Fenstern, sowie ein Essbereich mit eingebauter Cocktailbar. Hinter der einfallsreich gestalteten Bartür hat das berühmte Gläserservice der Firma Lobmeyr seinen Platz gefunden, das nach dem Entwurf von Loos hergestellt wurde.

Das Junggesellenapartment von Richard Hirsch, das 2011 auf diese Weise die Welt neu erblickte, und wo sich heute der Sitz des Kunstauktionshauses von Vladimír Lekeš befindet, kann nach vorheriger Absprache besichtigt werden.

Die bedeutende Pilsner Industriellenfamilie Hirsch wurde Anfang 1940 gezwungen, auf ihr Eigentum zu verzichten. Wilhelm und Martha wanderten zuerst nach Israel und schließlich nach Australien aus. Nach 1948 wurde ihre Pilsner Wohnung verstaatlicht und darin ein Kindergarten eingerichtet. Das nun ausnahmsweise zugängliche Pilsner Interieur in der Plachého-Straße 6 wurde zum Teil rekonstruiert. Ende 2015 wurde das Schlafzimmer von Richard Hirsch mit einer Replik der ursprünglichen exotischen Textiltapeten ausgestattet. Mehr dazu auch auf: www.adolfloospilsen.cz


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