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Menschlichkeit misst sich nicht an Gesetzen

Als Prag vor Jahren im Hochwasser der Moldau ertrank, erntete ein kleines Team aus Hessen vom dortigen Technischen Hilfswerk Dankbarkeit von tschechischen Bewohnern rund um den Kleinseitner Ring.

 

 

Die Männer hatten ihren Urlaub geopfert, um die Metro-Station Malostranská auszupumpen. Leute aus der Umgebung brachten den Deutschen Tee und Suppe und zeigten auf diese Weise ihren Respekt für deren Einsatz.

 

Fünf Jahre zuvor hatte Mähren unter Wasser gestanden. Und nie werde ich die Berge von Flaschen mit Wasser vergessen, die die Prager damals für die Nachbarn in Mähren spendeten, für Nachbarn, für die sie ansonsten auch schnell mal einen Witz parat hatten. So wie sich auch die Mährer gern über die Prager lustig machen. Es brauchte keine Aufrufe zu Spenden; wenn es anderen schlecht geht, sind die Tschechen da und helfen. Menschlichkeit braucht keine Gesetze.

 

Ich wurde dieser Tage an diesen schönen Zug meiner tschechischen Mitbürger erinnert, als ich selbst von einem Unglück getroffen wurde. Ich habe auf tragische Weise meine tschechische Lebensgefährtin verloren, die Liebe meines Lebens. Einen Monat vor unserer geplanten Hochzeit ist sie verstorben. Ich will an dieser Stelle keine persönlichen Tränen vergießen und um Beileid bei Ihnen nachsuchen. Nein, ich will darüber schreiben, was ich zu meiner großen Überraschung auf tschechischen Ämtern erlebt habe und erlebe.

 

Dass ich so positive Erfahrungen mache, verwundert mich selbst. Vor drei Jahren hatte der jüngere Sohn meiner Lebensgefährtin einen schweren Autounfall. Unverschuldet ist dieser heute 27-Jährige ein Dauer-Pflegefall, der froh sein kann, dass er das schreckliche Ereignis überlebt hat. Der Unfall seinerzeit in der Nähe von Lovosice (Lobositz) führte dazu, dass er nach Ústi nad Labem (Aussig) ins Krankenhaus gebracht wurde. Als wir den Jungen dort zum ersten Mal besuchten, trafen wir auf eine Ärztin, die es nicht einmal für nötig befand, sich vorzustellen. Stattdessen sagte sie uns, der Junge sei in Prag gemeldet und sie könnten deshalb in Ústi nichts für ihn tun. Und das, obwohl der Junge an Schläuchen hing, künstlich beatmet wurde und im Koma lag. Transportfähig war er jedenfalls nicht. Er hat besagte Ärztin in Ústi denn auch noch 14 Tage mit seiner Anwesenheit „belästigen“ müssen, ehe ihn ein Hubschrauber ins Weinbergkrankenhaus nach Prag fliegen konnte.

 

Beamtin mit Herz

Dort hat man sich anfangs rührend um den Jungen bemüht. Die Ärzte und Schwestern der ARO haben bis heute einen Platz in meinem Herzen. Später sah das dann anders aus. Da wurde ich auch schon mal an einem Sonntag vom Besuch ausgesperrt, weil laut „Vorschrift“ nur zwei Leute zum Besuch gestattet seien. Da die Mutter und die Freundin des Jungen an seinem Bett saßen, musste ich wieder raus aus dem Zimmer. Und das nach einer fünfstündigen Anfahrt aus Berlin und ungeachtet dessen, dass wir auf der Station seinerzeit der einzige Besuch waren. Ich habe damals ohne Probleme zu machen das Zimmer verlassen. In Deutschland wäre ich ausgerastet; freilich wäre mir in Deutschland eine derartige Hartherzigkeit gar nicht begegnet.

 

Jetzt also ist meine langjährige Freundin, die Mutter des beschriebenen Jungen, gestorben. Glücklicherweise war ich nicht allein mit der Aufgabe, die Trauerfeierlichkeiten und andere formelle Dinge zu lösen.

 

Doch auch das wäre möglich gewesen. Sowohl im Beerdigungsinstitut in Prag als auch auf dem Sozialamt im Litoměřice (Leitmeritz) bin ich Menschen begegnet, die meinen früheren schlechten Eindruck von tschechischen Behörden revidiert haben.

 

In Leitmeritz musste ich darum bitten, dass mir offiziell die Pflege für meinen schwer behinderten „Fast-Schwiegervater“ übertragen wird, den Vater meiner verstorbenen Partnerin. Ich pflege ihren Vater schon seit ein paar Jahren, aber jetzt musste das alles ordentlich geregelt werden. Für einen Deutschen sind viele Papiere hier, die auf tschechischen Gesetzen basieren, ein Graus. Aber die Beamtin, eine Frau Benešová, hat mir angesehen, wie ich mich fühlte und hat alle Dokumente für mich ausgefüllt. Ohne Murren, dafür mit viel Mitgefühl für mich. Laut Gesetz wäre sie dazu nicht verpflichtet gewesen. Aber sie hat Menschlichkeit über das Gesetz gestellt. Aus ihrem Herzen heraus. Einfach so, weil sie mir meine Trauer und Hilflosigkeit angesehen hatte.

 

Ich will dafür einfach Danke sagen. Und ich wünsche Ihnen, die Sie vielleicht irgendwann in eine ähnliche schmerzliche Situation kommen, dass Sie dann auch auf eine „Frau Benešová“ treffen. Mir hat sie den Glauben an das Gute in meiner zweiten Heimat Tschechien zurückgegeben.

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