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Quo vadis Wirtschaftswachstum

Im Reichenberger Appell (auf Deutsch nachzulesen auf den Seiten der Landeszeitung: hier) beschwert sich der Industrieverband der Tschechischen Republik (SPČR) über die mangelnde Förderung der Wettbewerbsfähigkeit durch die Politik. Auch internationale Wirtschaftsindizes sprechen klare Worte, wenn es um das sinkende Konkurrenzvermögen in Tschechien geht. Der vorläufige Bericht des Tschechischen Amtes für Statistik (CZSO) zum Bruttoinlandsprodukt für das dritte Quartal 2013 (tschechisch hier) weist ein negatives Wachstum von 1,6% zum Vorjahr auf. Es scheint fast so, als würden alle Alarmglocken klingeln, doch keiner hört hin. Zurzeit geht es der Politik um die Zuteilung von Posten und um Machtspiele innerhalb der Parteien, statt um die Stabilisierung des Landes. Die Minister der im Abgang befindlichen Vorgängerregierung werden auch einen Teufel tun, jetzt noch Entscheidungen zu treffen, die sie eine mögliche Anschlussverwendung (das Wort im Kontext auf youtube) kosten könnten.

stormyseasDer einzige Akteur, der sich jetzt bewegt hat, ist die Nationalbank. Die Abwertung der Krone soll die Exportwirtschaft, die immerhin rund 80% des BIP ausmacht, stärken und somit einen wichtigen Pfeiler stützen. Wenn man sich die Diskrepanz zwischen der Steigerung der Importe (+2,7% zum Vorjahr) und der Exporte (nur +1,2% zum Vorjahr) ansieht, wirkt das wie ein ganz logischer Schritt. Das lässt aber die psychologische Wirkung auf die Bevölkerung außer Acht. Die Ankündigung der Devaluation kam für den Normalbürger plötzlich und völlig überraschend. Eine recht mangelhafte Kommunikationsstrategie der Nationalbank tat dazu ihr übriges. Sie spekuliert auf stabile bis maximal leicht steigende Preise, eine Inflation bis 1% im ersten Halbjahr 2014 und dafür ein besseres Exportgeschäft. Das erklärte nach der Abwertung nun der Gouverneur Miroslav Singer im Interview mit MF Dnes. Ob diese Spekulation aufgeht, wird wohl erst im nächsten Jahr zu sehen sein. Wichtig wäre wohl vor allen Dingen ein Ende der Investitionsflaute, die trotz des eigentlich gut aufgestellten Exportgeschäfts herrscht.

 

 

Die Bevölkerung hat derweil mit einem sinkenden Reallohn (-0,3% zum Vorjahr) und relativ hohen Endverbraucherpreisen bei Kleidung und Haushaltselektronik zu kämpfen. Sollten nun auch noch wider Erwarten die Lebensmittelpreise steigen, müsste die Nationalbank ihren Kurs wohl korrigieren. Der stabilisierende Effekt wäre verpufft, wenn die Binnennachfrage stagniert oder gar rückläufig wird.

Gerade die Problematik des Binnenmarktes beschäftigt auch das traditionelle Exportland Deutschland dieser Tage. Die Wirtschaft unseres Nachbarlandes wächst zwar, hat aber deutlich an Fahrt verloren (von 0,7% im zweiten auf 0,3% im dritten Quartal), nachdem die Nachfrage im eigenen Markt zurückgegangen ist. Dazu kommt nun auch noch der Druck von außen (Artikel im "Manager Magazin"), man solle doch auch den Export drosseln und damit den anderen europäischen Ländern etwas mehr Spielraum geben.

Dass es aber solchen Spielraum durchaus schon gibt, zeigen die positiven Zahlen in Polen, Ungarn und Rumänien. Die Wirtschaft wächst dort in einem größeren Tempo als noch in den letzten Quartalen. Rumänien profitiert sicherlich von den Migrationsbewegungen großer Firmen, Polen und Ungarn haben dagegen Wege gefunden, die Rezession in Europa entweder ganz oder zumindest teilweise zu vermeiden. Ein Patentrezept gibt es zwar nicht, man darf aber vielleicht hoffen, dass sich nach der Verteilung von Posten und Pöstchen in der tschechischen Politik ein Problembewusstsein etabliert, das auch für einen Blick über den eigenen Tellerrand nach Norden und Süden offen ist.

Das kann aber frühestens im Januar der Fall sein, falls nicht wieder einmal Neuwahlen anstehen. Die Zahlen zum Weihnachtsgeschäft dürften dann schon ein guter Indikator dafür sein, ob die Nachfrage stabil bleibt oder die Bevölkerung aus Angst vor Preissteigerungen noch schnell große Einkäufe tätigt um dann lieber in der nächsten Zeit zu sparen. Tschechien hat die Chance, seinen Schlingerkurs zu verlassen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Nationalbankgouverneur Singer der einzige Mann am Steuer bleibt, oder ihm Politik und Investoren helfen werden, das Ruder herumzureißen.

 

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