Treffen sich die Sudetendeutschen irgendwann in Tschechien?

Die Idee ist so wahnsinnig neu nicht. Bernd Posselt, Chef der nach dem Zweiten Weltkrieg kollektiv aus ihrer 800-jährigen tschechoslowakischen Heimat vertriebenen Sudetendeutschen, hat sie wiederholt schon geäußert. Auf dem diesjährigen 70. Pfingsttreffen der Heimatvertriebenen in Regensburg fand die Idee namhafte Unterstützer, etwa Bundesinnenminister Horst Seehofer oder Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder: In zwei oder drei Jahren sollte das traditionelle Treffen der Sudetendeutschen in einem Ort in Tschechien stattfinden.

Was ist das? Eine völlige Illusion, ein gangbarer Weg des Brückenbaus zwischen Sudetendeutschen und Tschechen oder gar nur eine böse Provokation für das deutlich kleinere Nachbarland?

Die bisherigen Reaktionen in Tschechien spiegeln alle drei Varianten wider. Die alten Kommunisten äußerten sich erwartungsgemäß höchst erbost. Deren Chef verlangte stattdessen Reparationszahlungen der Deutschen an Tschechien. Regierungschef Andrej Babiš nannte das Ansinnen „unannehmbar“. Er hoffe, dass diese Idee „nicht ernst gemeint“ gewesen sei.

Bürgerliche Oppositionspolitiker waren gespalten: Die einen meinten, es sei zu früh für solch eine Aktion. Es drohe, dass die mittlerweile hervorragenden tschechisch-deutschen Beziehungen Schaden nehmen könnten. Ein Abgeordneter empfahl stattdessen eine Konferenz mit Tschechen und Sudetendeutschen, auf der alles, was die Verbesserung der Beziehungen noch behindere, auf den Tisch kommen müsse.

Nur die Christdemokraten und die Piraten stimmten der Idee freudig zu. Ein Pirat aus dem Prager Abgeordnetenhaus meinte: „Ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen in ihrer ehemaligen Heimat zu empfangen, wäre eine wunderschöne Geste. Freilich muss man mit dem geballten Hass der Möchtegern-Patrioten unter den Tschechen rechnen.“ Ein Kommentator des konservativen Internetportals Echo24.cz fasste alle diese Meinungen in einem Satz zusammen: Ein Treffen der Sudetendeutschen in Tschechien wäre vor allem ein „Test für die Tschechen“.

Und weiter: „Was würde es auslösen? Würde es große Demonstrationen geben? Von Kommunisten und Rechtsradikalen? Würde es spannende Szenen geben, gar Kämpfe? Würde sich ein Hungerstreik-Demonstrant finden? ...Was würden permanente Deutschland-Kritiker wie der EU Abgeordnete der ODS, Jan Zahradil, sagen? Und was ist mit Ex-Präsident Václav Klaus und seinem Sohn, die Deutschland und seine jetzige Führung hassen und ganz klar Positionen der AfD vertreten? ... Und hätte jemand den Mut, den Sudetendeutschen Hallen, Freiflächen und Hotels zu vermieten? Wohl maximal unter dem Aspekt, dass die Sudetendeutschen reichlich dem guten tschechischen Bier zusprechen würden, man also gut Geschäfte mit ihnen machen könnte.

Und weiter: Wie würde dieses Treffen aussehen? Würde da ein traditioneller Umzug in alten sudetendeutschen Trachten stattfinden? Und würden die Vertriebenen mit ihrem Treffen nach Eger (Cheb), Reichenberg (Liberec) oder Karlsbad (Karlovy Vary) gehen? Was als besonders provokativ empfunden werden würde, war das doch tatsächlich die „alte Heimat“. Nein, heißt es, besser wäre das Treffen in Prag aufgehoben. Dort würde es eine Veranstaltung von vielen sein, wie ein Biker Treffen. Es würde nicht groß auffallen. Nach dem Motto: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Außerdem spräche gegen das frühere Sudetenland dessen Zustand. „Es wäre besser, wenn die Sudetendeutschen nicht sehen würden, wie es da bis heute aussieht.“ Nun gut, das geht fehl. Es sind gerade die Sudetendeutschen, die sich um das etwas bessere Aussehen ihrer alten Heimat verdient machen. Schlimm sieht es dennoch häufig aus.

Ich habe selbst fünf Jahre meiner Zeit in Tschechien in einem früheren deutschen Dorf im Böhmischen Mittelgebirge gelebt, auf einem ehemals deutschen Hof aus dem Jahre 1827. Das Vorhaben, daraus eine Ferienanlage und ein deutsch-tschechisches Begegnungszentrum zu machen, scheiterte letztlich am fehlenden Geld und anderen privaten Umständen, was bis heute schmerzt. Wenn ich von Prag in mein Dorf fuhr, durchquerte ich kleine Ortschaften, die teilweise noch immer aussahen wie kurz nach Kriegsende. Die neuen Bewohner sind bis heute dort nicht verwurzelt. Und sie haben wenig Geld zum Investieren. Das Sudetenland ist das Armenhaus Tschechiens.

Unsere unmittelbaren Nachbarn zeigten einst meiner damaligen Lebensgefährtin „das Erbe, was uns Mama hinterlassen hat“. Es handelte sich nur sehr indirekt um das „Erbe von Mama“, vielmehr um die „Schmuckstücke“ der Deutschen, die ewige Zeit in dem Haus gelebt hatten, in das dann die Eltern der Nachbarin eingezogen waren. Meine Lebensgefährtin sollte mir von den antiken Möbeln besser nie etwas erzählen, warnte die Nachbarin. Als Deutscher könnte ich damit ja eventuell ein Problem haben. Das Nichtangekommensein der Nachbarin paarte sich mit schlechtem Gewissen, das zudem an die Kinder und Kindeskinder weiter „vererbt“ wurde und wird.Markus Söder und Bernd Posselt beim Sudetendeutschen Tag - Foto: Tomáš Randýsek

Das einstige Sudetenland ist auch nach siebzig Jahren ein besonderes Territorium in der Tschechischen Republik, die sich als einheitliches europäisches Land verstehen möchte. Ihr gutes Drittel ist jedoch immer noch von Problemen belastet, die lange zurückreichen: zerstörte Siedlungen, Gefühle der Entwurzelung, mangelnde Solidarität mit der Landschaft und zwischen dem Menschen, die nicht geheilten Wunden der Vergangenheit, häufig Unzufriedenheit mit den heutigen Gegebenheiten und hohen Protest-Wahlergebnissen für die Extremen links und rechts.

Doch manches hat sich in den letzten Jahren verändert. Schon ich persönlich war als nach dem Krieg Geborener für meine tschechischen Mitbewohner des Dorfes niemand mehr, gegen den man eine Art „Krieg“ führen musste. Die Ortsverwaltung sah es - auch mit meiner Hilfe - als Aufgabe an, sich der Werte zu erinnern, die die Deutschen hinterlassen hatten. Kleine kirchliche und weltliche Denkmäler wurden neu errichtet. Es gab zunehmend Menschen, die bereit waren, die Augen zu öffnen und sahen, welche Werte die Deutschen in diesem Land geschaffen hatten, wie sie sich um die Landschaft kümmerten, welche Industrien und Dienstleistungen sie entwickelten, welche Häuser sie bauten. So verändert sich Schritt für Schritt das Verhältnis auch zu den Sudetendeutschen. Eine Liebe wird das sicher nie werden, aber die Beziehung wird normaler.

Vor zwei Jahren ergab eine Umfrage, dass zum ersten Mal seit Kriegsende mehr als die Hälfte der Tschechen der Meinung war, dass die Vertreibung falsch gewesen sei. Eine Rückkehr oder wenigstens Entschädigung kam aber nur für vier Prozent in Frage.

Doch es gibt auch anderes, was die völlig vorurteilsfreie Begrüßung der einstigen deutschen Mitbürger behindern würde. Nicht nur die Sudetendeutschen gehen vielen Tschechen bis heute gegen den Strich. Es gibt da bis heute auch ein zutiefst gestörtes Verhältnis zu Habsburg.

Böhmen und Mähren waren 300 Jahre Teil Österreich-Ungarns. 30 Jahre nach der „Wende“ ist es trotz vieler Anläufe nicht möglich, auf dem Prager Altstädter Ring die 1918 nach der Gründung der Tschechoslowakei lustvoll geschleifte Mariensäule wieder aufzubauen. Sie wurde einst zum Dank dafür errichtet, dass Teile Prags von den Habsburgern vor den anrückenden Schweden 1648 verteidigt wurde. Ähnlich traurig sieht es um den Wiederaufbau eines zerstörten Denkmals für einen der größten Heerführer Habsburgs auf dem Kleinseitner Ring von Prag aus, Josef Wenzel Radetzky von Radetz, obwohl der gebürtiger Tscheche war. „Der Fluch der Vergangenheit hängt wie eine stinkende Decke über Gegenwart und Zukunft“, monierte die einflussreiche Zeitung „Lidové noviny“ diese Tatsache: „Während die Spanier mit ihren Habsburgern keine sichtbaren Probleme haben, sind wir nicht in der Lage, unsere einstige Zugehörigkeit zu einer prosperierenden Großmacht anders als im Zorn zu reflektieren.“

„Was wäre, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre?“, fragte die schon erwähnte „Lidové noviny“ im Zusammenhang mit den Sudetendeutschen. Etwa, wenn die Sudetendeutschen begriffen hätten, dass ihnen im neuen tschechoslowakischen Staat von 1918 nicht von Prag Unheil droht, sondern von den Nationalisten in Berlin, später den Nazisten? Die Sudetendeutschen hätten beispielsweise die tschechoslowakische Führung unter dem heute als „Vertreiberpräsident“ verfluchten Edvard Beneš gegen Berlin unterstützen können (nicht nur linke Sudetendeutsche, die bereit waren, mit den Tschechen gegen Nazi-Deutschland in den Krieg zu ziehen). Sie hätten bereit sein können, verfolgte Migranten aus dem Deutschen Reich aufzunehmen (was immerhin die Regierung in Prag tat) und Befestigungsanlagen gegen Hitler-Deutschland im Grenzgebiet zu bauen. Womöglich wären sie dann nach dem Krieg nicht kollektiv vertrieben worden.

Weiter: Wie hätte sich die Tschechoslowakei entwickelt, wenn die (nicht vertriebenen) Deutschen 1948 an der Seite der bürgerlichen Führung gegen den Putsch der Kommunisten gestanden hätten? Wären der Tschechoslowakei am Ende 40 Jahre sozialistischer Herrschaft erspart geblieben?

Fragen, deren Antworten heute etwas für einen Lehrstuhl für alternative Geschichte gewesen wären. Und die ein Sudetendeutsches Treffen heutzutage als völlig normal erscheinen lassen würden. Doch eine „alternative Geschichte“, so die „Lidové noviny“ ist „wie ein Märchen für Erwachsene“. Leider nicht mehr. Und so wird es wohl noch ein paar Jahre länger dauern bis zu einem Sudetendeutschen Treffen zu Pfingsten in der alten Heimat.


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Daran hat auch die deutsche Minderheit in Tschechien Anteil, die in Regensburg stark vertreten war.