Aktuelle Seite: StartseiteUnterwegsWo lebt die deutsche Minderheit? - Oppeln (Opole), Polen

Anzeige

Wirtschaftsuniversität Prag VŠE

Makabere Schönheit

Schaurig schön   Foto: Judith Brehmer

 Ungefähr 70 Kilometer östlich der tschechischen Hauptstadt liegt ein kleiner Ort, der einst als zweitwichtigste böhmische Stadt nach Prag galt: Kuttenberg (Kutná Hora). Heute mag die Stadt, in der bis ins 16. Jahrhundert hinein der Prager Groschen geprägt wurde, an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung verloren haben, erhalten geblieben ist ihr jedoch ihr Charme und ihre malerische Altstadt, die von barock-gotischen Kirchbauten geprägt ist und Kuttenberg im Jahr 1995 den Titel UNESCO-Weltkulturerbe einbrachte. Doch nicht nur der Dom der heiligen Barbara lockt jährlich die Touristen an, der eigentliche Besuchermagnet liegt einen längeren Fußmarsch vom Zentrum entfernt im Stadtteil Sedletz (Sedlec): Das Kostnice, ein Beinhaus, dessen Inneneinrichtung fast vollständig aus menschlichen Knochen besteht.

 

 

 

Wer kommt auf den Gedanken, einen kompletten Raum mit Knochen auszuschmücken? Ist das Kostnice Auswuchs einer morbiden künstlerischen Ader, oder steckt mehr dahinter? Und überhaupt – woher stammen all diese Knochen?

Der Ort, an dem die Antworten auf diese Fragen warten, sieht von außen zunächst einmal recht unscheinbar aus: Ein kleiner Friedhof umgibt die Kirche Všech Svatých, die Gräber sind mit Blumen geschmückt, und sehr unheimlich wirkt das Gotteshaus mit seinen typisch gotischen, großen Spitzbögenfenstern auch nicht. Nur ein mit weißen Pflastersteinen in den Weg vor dem Friedhofstor gezeichneter Totenkopf zeugt davon, dass dies keine gewöhnliche Grabeskirche ist.

Die Kirche besteht aus zwei Kapellen: Über einen Seiteneingang gelangt man in den oberen Gebetssaal, der einfach eingerichtet und sehr hell gehalten ist. Der eigentlich spannende Teil jedoch liegt unter der Erde: das Beinhaus.

Der Vorraum vermittelt einen ersten Eindruck dessen, was den Besucher erwartet: Die breite, nach unten führende Treppe führt unter einem Torbogen hindurch, der zwar den Blick auf den eigentlichen Raum versperrt, doch bereits geschmückt ist mit einem großen Kreuz aus Gebeinen und einigen knöchernen Girlanden.

Beim ersten Blick ins Innere des Beinhauses kann es einem dann schon den Atem verschlagen: Der überraschend kleine Raum ist buchstäblich bis an die hohe Decke mit Knochen verziert. In den Ecken türmen sich Pyramiden aus Schädeln und menschlichen Gebeinen, doch am beeindruckendsten ist der gewaltige Kronleuchter, der in der Mitte des Raums hängt und, wie auf einem am Eingang erhaltenen Infoblatt zu lesen ist, nahezu jede Knochensorte des menschlichen Körpers aufweist, die hier zu filigranen Girlanden zusammengefügt wurden.

Die Gebeine von etwa 40 000 Menschen wurden in diesem Raum verarbeitet, die Geschichte hinter diesem schaurigen Kunstwerk ist jedoch weit weniger gruselig als erwartet, dennoch nicht minder interessant:

Sie geht zurück ins Jahr 1278. Damals brachte der ein Sedletzer Abt von einer Reise im Auftrag des böhmischen Königs Přemysl Otakar II. nach Jerusalem eine Handvoll Erde vom Golgota zurück, die er auf dem Friedhof verstreute. Der Friedhof galt sodann als „heilige Erde“, in der immer mehr Menschen ihre letzte Ruhe finden wollten. Die meisten der heute zu sehenden Gebeine stammen von Opfern der Pestepidemie 1318 und der Hussitenkriege 1421, die den Friedhof weiter wachsen ließen. Schließlich beschloss man zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die Stätte wieder zu verkleinern. Die sterblichen Überreste aus den aufgelösten Gräbern wurden daher in der Kapelle unter der Kirche eingelagert. Glaubt man der Legende, war für diese Arbeit ein fast blinder Mönch verantwortlich, der die Knochen zu den bis heute zu sehenden vier Pyramiden aufschichtete. Gut zweihundert Jahre später wurde die Kirche von Jan Blažej Santini Aichel umgebaut, um die Schäden, die sie noch aus den Hussitenkriegen davongetragen hatte, zu reparieren. Seitdem ist sie im dem Architekten eigenen Stil des gotischen Barock eingerichtet. Die heute im Beinhaus zu bewundernden knöchernen Kunstwerke sind das Werk des Böhmisch Skalitzer (Česká Skalice) Holzschnitzers František Rint, der 1870 beauftragt wurde, Ordnung die vielen Tausend Knochen zu bringen. Das Ergebnis ist ebenso faszinierend wie makaber: eine Inneneinrichtung aus gebleichten Knochen, Altarschmuck und Wappen der Auftraggeber-Familie Schwarzenberg inklusive. Als Inspiration für diese Knochenarbeit diente vielleicht der Geist des Mittelalters: Beim Anblick dieser Reduktion menschlicher Existenz auf nicht mehr als bleiche Knochen drängt sich der Gedanke „Memento mori – Gedenke des Todes“ geradezu auf. Die musizierenden Engel, die auf – wenig überraschend mit Schädeln umrahmten – Säulen den Kronleuchter umgeben, wirken in ihrem fröhlichen, fast lebendigen Aussehen seltsam fehl am Platz.

Auch eine gewisse Ironie des Todes offenbart das Kostnice: Egal, wer die Menschen einmal waren – im Tod hängen die Knochen von Menschen unterschiedlicher Schichten, ja sogar ehemaliger Feinde aus den Hussitenkriegen nebeneinander in ein und demselben Kronleuchter oder Wappen.

Eine wirklich gruselige Atmosphäre strahlt der Raum heute nicht mehr aus. Das liegt zum einen daran, das er gut ausgeleuchtet ist, und zum anderen zeigt sich hier der Fluch eines touristischen Geheimtipps, der keiner mehr ist: Der Besucherandrang ist groß, vor jedem Knochengebilde posieren Menschen für Fotos und „Selfies“ – Memento facebook anstelle von memeto mori. Die Schaurigkeit, die dieser Raum jedoch sicherlich in der Dunkelheit entfaltet, muss man sich als Tourist also dazudenken.

Dennoch: Einen Besuch ist das Kostnice auf jeden Fall wert. Die Mischung aus makaberer Kunst und handwerklicher Feinarbeit, die Verbindung von christlichem Ewigkeitsglauben und der Konfrontation mit der Sterblichkeit, beides hinterlässt einen besonderen Eindruck. Die Detailarbeit, mit der die einzelnen Werke geschaffen wurden, ist faszinierend. Makaber mögen der Kronleuchter und die Girlanden zwar wirken, jedoch strahlt der Raum auch eine gewisse Ästhetik aus.

Wem nach einem Besuch nach etwas weniger Düsterem zumute ist, für den empfiehlt sich ein Besuch der nahegelegenen Kirche der Himmelfahrt der heiligen Jungfrau Maria und Johannes des Täufers (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a svatého Jana Křtitele). Das lange Kirchenschiff ist in hellen Farben gehalten und dank der großen Fenster lichtdurchflutet. Der Gegensatz zwischen den Gotteshäusern, die beide im gotischen Stil gebaut und von Jan Blažej Santini Aichel restauriert sind, könnte kaum größer sein.

 Der Artikel erschien in der LandesZeitung 13/14 2014.

 


 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Aktuelle Artikel - Radio Prag

Zitat des Tages

Wieslaw Brudzinski: „An ihren verbotenen Früchten werdet ihr sie erkennen.“
von zitate-online.de

Unsere Kooperationspartner

 

tschechien-online

prag-aktuell

Man spricht Deutsch

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Verlag Host Brno

kidscompany

Wetter

x



Das LandesEcho wird gefördert durch:
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)         ministerstvo-kultury-mini

Zum Anfang

Copyright © 2014 Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Alle Rechte vorbehalten.