Gegen den Trend produziert die Firma Tlustý & Co. handgefertigte Lederwaren. Nicht in Fernost, sondern in Prag.

„Als wir uns gründeten, sagte jeder, dass es unmöglich ist, so ein Unternehmen aufzubauen“, erinnert sich Ivan Petrův, „aber heute wachsen wir 30 bis 40 Prozent pro Jahr.“ Er ist Geschäftsführer der Prager Ledermanufaktur Tlustý & Co. Die Idee der Firma ist einfach: Kunden bestellen ihre Lederware im Internet. Angeboten wird von Portemonnaies bis Schuhen fast alles. Inzwischen hat die GmbH 1.500 Aufträge pro Jahr. Sie verkaufen ihre Produkte in 12 Länder, neben Europa auch nach USA, Indien und Japan.

Dabei gibt es zwei Besonderheiten: Zum einen können sich die Kunden die Farbe, Lederart und Größe ihrer Bestellung selbst aussuchen. Zum anderen werden die Produkte von einem der 15 freiberuflichen Handwerker per Hand hergestellt. Der Kunde ist hier der König, so steht es auch auf einer Wand im Arbeitsraum des Unternehmens.

Sven Ofner und Ivan Petruv in der Prager Manufaktur web Friederike Aschhoff

Der zweite wichtige Mann neben Petrův ist Sven Ofner. Vor zwei Jahren stieß er über Facebook auf eine Stellenanzeige von Tlustý & Co gestoßen, in der die Firma einen deutschen Muttersprachler suchte, um die Website des Unternehmens auch auf Deutsch anzubieten. Was mit diesem Auftrag begann, ist bald eine dauerhafte Sache für den gebürtigen Offenbacher geworden, der heute Country-Manager des Unternehmens ist. Theoretisch trägt Ofner damit die Verantwortung für die Kunden und Produkte in den deutschsprachigen Ländern. Faktisch ist er aber der kreative Kopf, der sich vor allem neue Marketingstrategien für die Firma ausdenkt.

Genau wie für ihn begann auch die Erfolgsgeschichte des Unternehmens bei Facebook. 2013 suchte der Schuster Roman Tlustý bei Ivan Petrův Hilfe, um sein Ein-Mann-Unternehmen aus der Krise zu führen. Also entwickelte Petrův die Idee zu einem Neustart. Er heuerte Täschner und Sattler an, startete eine Website auf Facebook und teilte dort Schritt für Schritt Videos und Fotos vom Aufbau des Unternehmens. Er nahm die Follower auf Facebook virtuell mit, wie er alte Nähmaschinen kaufte und gab ihnen Einblicke in die Herstellung der ersten Produkte. Doch das war Partner Tlustý zu viel. „Er hat selbst gesagt, das ist nicht sein Ding. Dann haben sich die Wege gegabelt. Tlustý hat jetzt seine eigene kleine Täschnerei in Prag und Petrův ging den anderen Weg weiter“, erzählt Ofner.

Dieser Weg bestand und besteht daraus, den Kunden Einblicke in Handwerksarbeiten zu geben. Schon parallel zur Facebook-Seite betrieb die Firma den Online-Handel. Petrův und Ofner berichten von den anfänglichen Schwierigkeiten: „Es gab immer Leute, die meinten, es sei verrückt in der heutigen Zeit so was zu machen, sie belächelten es. Aber viele wollten uns auch unterstützen. Obwohl die ersten Modelle wirklich dick und klobig waren, gab es Leute, die sie haben wollten.“ So wuchs Tlustý & Co immer weiter, die Produkte wurden professioneller, aber eine Hürde bleibt weiterhin.

„Auf ausländischen Messen reagieren die Leute oft komisch“, sagt Petrův, „manche sehen sich unsere Produkte an und finden sie gut, gehen dann aber weiter, wenn sie erfahren, dass wir in Tschechien produzieren.“ Und Ofner ergänzt: „Es ist ein bisschen wie Don Quijote gegen die Windmühlen. Es gibt immer noch diesen Stereotyp: ’Oh, das kommt aus Tschechien und ist ziemlich hochpreisig. Das kommt mir jetzt komisch vor, weil in Tschechien ist ja alles billig.’ Aber dadurch, dass die Löhne hier günstig sind, ist natürlich unser Produktpreis etwas günstiger, hat aber die gleiche Qualität wie eine Luxusmarke.“

Hier entstehen die Lederwaren in Handarbeit web Bildrechte Friederike Aschhoff

Die Lederherstellung gilt aber als umstritten. Tierschützer sorgen sich um das Tierwohl und Ärzte um die Gesundheit der Arbeiter bei der Verarbeitung der Tierhäute. Deshalb hat das Unternehmen feste Gerbereien in Italien, Belgien und Deutschland. Die Kunden interessiert laut Ofner vor allem die Gerbmethode: „Uns ist wichtig, dass die Gerberei pflanzlich gerbt ohne die Stoffe, die gesundheitsschädlich sind, wie das Schwermetall Chrom. Aber ich hatte bisher noch keine Rückfragen dazu, ob wir wissen, wo die Kuhhäute her sind. Die Menschen, die sich für Leder entscheiden, gehen nicht so weit zu fragen, wo die Kühe herkamen, wie sie gehalten wurden und ob sie leiden mussten.“

Auch Geschäftsführer Petrův hat seine Meinung: „Es gibt zwei Arten von Leuten: Die einen wollen nicht, dass Tiere zum Essen herangezogen werden. Die anderen sagen: ‚Wenn ihr das Tier für das Fleisch schon getötet habt, dann lasst uns auch alles verwerten‘.“ Sogenanntes veganes Leder hält er für „Quatsch“, weil es meist mit Kunststoff hergestellt wird, also fossile Ressourcen verbraucht. Bei den von seiner Firma angebotenen Schlangen- und Krokodillederprodukten verlässt er sich auf die Gesetze der EU, die besagen, dass die Häute nicht vom Schwarzmarkt importiert werden.

So oder so können sich die Kunden bei Tlustý & Co. darauf verlassen, kein Wegwerf-Produkt gekauft zu haben und so seinen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten „Wenn irgendwas kaputt geht, dann kann es auf der Post abgeben werden. Wir tauschen es aus und schicken es wieder zurück“, versichert Ofner.


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