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Atomkraft wird Tschechiens wichtigste Stromquelle

Im neuen Energiekonzept spielen erneuerbare Energien bis 2040 nur eine Nebenrolle.


Die Kernkraft wird das wichtigste Standbein der tschechischen Energiewirtschaft sein. Das Industrieministerium
hat sein aktualisiertes Energiekonzept für den Zeitraum bis 2040 vorgestellt. Demnach soll der Anteil der Kohle sinken. Erneuerbare Energiequellen müssen ihre Wirtschaftlichkeit ohne staatliche Subventionen unter Beweis stellen. Mit mehr Investitionen in intelligente Stromnetze und in Speichertechnologien will Tschechien Sonne, Wind und Biomasse aber besser integrieren.

Tschechiens Energiewirtschaft steht nach Auffassung des  zuständigen Ministeriums für Industrie und Handel (MPO) vor etlichen Herausforderungen. Einerseits ist die stark industrielastige Wirtschaft auf eine sichere und kostengünstige Energieversorgung angewiesen, andererseits sinken die Vorräte und die Förderung der bislang dominierenden einheimischen Braunkohle. Als Ausweg sieht das Ministerium den Ersatz durch Erdgas und den Bau neuer Gaskraftwerke. Vor allem setzt die Behörde auf den Einsatz von Kernenergie, wie aus dem Ende Juli vorgestellten Energiekonzept hervorgeht. Das Dokument soll im Frühherbst 2012 im Kabinett diskutiert werden.

Als großer Vorteil wird die weitgehende Unabhängigkeitim Energiesektor gesehen. Etwa die Hälfte seines Primärenergieverbrauchs kann das Land aus eigenen  Braunkohle- und Uranquellen decken. Bei der zentralen Wärmeversorgung kommen die Brennstoffe gar zu 80 Prozent aus einheimischen Lagerstätten. Allerdings brauchen gerade die Kohlewirtschaft und die  Braunkohlekraftwerke einen Modernisierungsschub.


Ziel: Unabhängigkeit


Dabei will Tschechien nicht nur bei Energieträgern, sondern auch bei der Technologie für die Stromerzeugung
weitgehend unabhängig von Importen bleiben. Der traditionell starke Energiemaschinenbau soll vom Staat unterstützt werden. Als wichtige Exportmärkte für die Technologie werden Lateinamerika, China, Indien, der Nahe und Mittlere Osten angesehen.

Erneuerbaren Energiequellen traut Prag nicht zu, bis 2040 nennenswert  zur Selbstversorgung beizutragen. Selbst in 28 Jahren soll sich ihr Anteil an der gesamten Stromerzeugung lediglich auf ein Fünftel belaufen. Immer noch genauso viel Elektrizität wird dann aus Braunkohle produziert. Der Löwenanteil entfällt auf die Kernenergie, die in Zukunft laut Energiekonzept doppelt so viel Elektrizität wie heute liefern soll. Damit würde 2040 die Hälfte des in Tschechien erzeugten Stroms auf die beiden  Atomkraftwerke Temelin und Dukovany entfallen.

Allerdings ist die ursprüngliche Planung des ehemaligen Industrieministers Martin Kocourek vom Tisch, 18 Atommeiler zu bauen. Im aktualisierten Energiekonzept ist nur noch von drei weiteren Blöcken die Rede - zwei in Temelin und einer in Dukovany. Um die Rohstoffe für die Atomanlagen möglichst selbst zu produzieren, soll auch die Urangewinnung am Leben erhalten werden. Neben der aktuell ausgebeuteten Lagerstätte Rožná in der Region Vysočina plant das Industrieministerium, zwei Fundstätten bei Jihlava zu erkunden. Der Staatsbetrieb Diamo fördert bislang jährlich rund 220 Tonnen des  radioaktiven Energieträgers, die nach Russland exportiert werden. Vom dortigen Hersteller Tvel kauft Tschechiens Energieriese ČEZ dann wiederum fertige Brennstäbe zum Einsatz in seinen beiden AKW Temelin und Dukovany.


Allerdings sind zur Produktion der Brennstäbe für diese beiden Atomkraftwerke laut Medienberichten pro Jahr rund 500 Tonnen Uran nötig. Wirklich unabhängig von Importen ist Tschechien daher auch bei der Kernenergie nicht. Bei den erneuerbaren Energiequellen erwartet das Industrieministerium das größte Wachstumspotenzial
für die Photovoltaik. Das erstaunt, da Prag Ende 2010 beschlossen hatte, die großzügigen Subventionen
und Vergütungen für Freilandanlagen zu streichen und Betreiber obendrein mit einer Sondersteuer zu belegen. Dennoch werde sich die Stromerzeugung durch Sonnenkraftwerke bis 2040 verzehnfachen, heißt es im  Energiekonzept.


Damit werden Solaranlagen mit Abstand die wichtigste alternative Energiequelle sein - vor Biomasse, Biogas, Wasserkraft und Windrädern. Bei der Wasserkraft sehen die Autoren des Energiekonzepts das Potenzial weitgehend erschöpft. Ihr Anteil an der Stromerzeugung wird bis 2040 auf unter  drei Prozent sinken. Auch bei Windrädern erwartet die Regierung keinen wirklichen Boom. Zwar soll sich die installierte Leistung in den nächsten knapp drei Jahrzehnten versiebenfachen. Dennoch wird der Anteil an der Stromerzeugung selbst dann deutlich unter drei Prozent bleiben. Bei Geothermie verhindern die geologischen Bedingungen bislang einen wirtschaftlichen Betrieb von Erdwärme-Kraftwerken. Grundsätzlich will die Regierung die Förderung der
erneuerbaren Energiequellen zurückfahren. Vor allem die Einspeisevergütung, die Privat- und  Industrieverbraucher stark belastet, soll schrittweise abgeschafft werden. Gleichzeitig verpflichtet sich der
Staat laut Energiekonzept, den alternativen Stromerzeugern gleiche Wettbewerbsbedingungen zu verschaffen und für einen Netzanschluss zu sorgen.

Als ein Problem der tschechischen Energiewirtschaft wird das  bestehende Stromnetz genannt, das zunehmend durch die schwankenden Einspeisungen von Windstrom aus Nordeuropa an seine Belastungsgrenzen kommt. Prag würde das Netz gern ausbauen und besser mit den europäischen Leitungssystemen verknüpfen, wünscht sich dafür aber mehr finanzielle Unterstützung aus  EU-Fonds. Etwa ein Drittel der Netzkapazitäten soll zu Spitzenzeiten für den Import oder Export von Strom zur Verfügung stehen; intelligente Messverfahren sollen eine optimale Nutzung des Verteilersystems gewährleisten (smart grids). Außerdem sollen bessere Speicherverfahren für Strom entwickelt werden.


Der Autor ist Prag-Korrespondent von    Germany Trade & Invest (GTAI).

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