Beim Namen Škoda denken Deutsche zunächst an Pkws der VW-Konzerntochter im böhmischen Jungbunzlau (Mladá Boleslav). Anders in Tschechien und der Slowakei: Hier ist wohl jeder auch schon einmal mit einer der Škoda-Lokomotiven aus Pilsen (Plzeň) gereist. Die schier unverwüstlichen, inzwischen modernisierten Schienenfahrzeuge sind heute noch das Rückgrat der Tschechischen Bahn.

Entsprechend waren die Auftragsbücher bei Škoda bis 1995 gut gefüllt. Mit Abstand größter Auslandskunde – neben Bulgarien, Jugoslawien, Polen, aber auch Spanien, Marokko, Indien, Neuseeland, Australien, Brasilien und Argentinien – war die Sowjetunion. 1986 lieferte der Pilsener Hersteller beispielsweise die 100. Lok ČS 7, ein zweiteiliges 6160-Kilowatt-Kraftpaket, gefolgt von 7200-Kilowatt-Boliden in den Osten. Bald aber zerfiel die Sowjetunion und mit ihr der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), in dem Škoda seinen ihm zugewiesenen, festen Absatzmarkt hatte. In den SU-Nachfolgestaaten sind auf Breitspur-Gleisen immer noch zahlreiche der robusten 2500 Loks aus Pilsener Produktion unterwegs. Ebenso im heimischen Böhmen, Mähren sowie der Slowakei sind die „Škodovaks“ ohnehin allgegenwärtig.

Die verspätete „Zapotek“-Lok

Über 5500 Elloks hat Škoda bereits gebaut. Mit den gravierenden Umbrüchen gab es eine längere Fertigungspause bzw. Durststrecke. Die Tschechische Republik ist längst in der Europäischen Union verankert. Aber auch im Werk selbst ist die Zeit nicht stehengeblieben. Aus dem früheren Staatskonzern formierte sich neben weiteren Spezialgesellschaften das moderne Unternehmen Škoda Transportation, das auch die Schienenfahrzeugbetriebe Vagonka Ostrava (vordem ČKD Vagonka Studénka, hervorgegangen aus der Staudinger Waggonfabrik AG) und Pars nova Šumperk übernommen hat. Škoda Electric, direkter Nachbar auf dem Pilsener Firmenareal, gehört gleichfalls zur Transportation-Gruppe. Hier werden O-Busse gefertigt.

Das Gesamtunternehmen orientiert sich heute auf vor allem auf Niederflur-Straßenbahnen, O-Busse und Hybrid-Fahrzeuge für den umweltfreundlichen öffentlichen Verkehr der europäischen Städte. Daran arbeiten mehr als 600 Konstrukteure, Projektanten und Designer. Allein während der letzten vier Jahre stellte das Unternehmen rund vier Milliarden Kronen für Forschung und Entwicklung bereit.

Škoda Transportation beschäftigt über 5000 Mitarbeiter in Pilsen, Prag, Ostrava und Šumperk. Die modernsten Produkte mit dem Škoda-Flügelpfeil entstehen in einem komplett neuen Werk, das auf dem traditionsreichen Pilsner Areal für mehr als zwei Milliarden Kronen errichtet wurde. In Sichtweite liegt der neue, riesige Betriebshof der Pilsener Verkehrsbetriebe, den Škoda in Technik und Wartung der Fahrzeuge rundum betreut.

Aus Mährisch Ostrau (Ostrava) kommen etwa die bei der Tschechischen Bahn (ČD) als „CityElephant“ (Doppelstock) und „RegioPanther“ geführten modernen Elektrotriebzüge. Diese Züge rollen auch in der Slowakei, der Ukraine und Lettland. Mit zwei Jahren sollen sechs Wendezugeinheiten nun auch nach Deutschland geliefert werden: zum Einsatz auf der Schnellfahrstrecke Nürnberg – München. Es ist erstmals ein Doppelstockzug aus tschechischer Produktion samt passender E-Lok von Škoda namens „Emil Zatopek“. Nach einem Vierteljahrhundert kommt damit wieder eine neue Škoda-Lok auf deutsche Schienen.

Trams (nicht nur) für Chemnitz

Wer in die modernen Werkhallen in Pilsen schaut, sieht dieser Tage fast ausnahmslos moderne Straßenbahnzüge in verschiedenen Fertigungsstadien. Seit Jahren ist die Stadtbahnen-Produktionskapazität für verschiedene Besteller in Tschechien, der Slowakei, Ungarn oder Türkei ausgefüllt. Inzwischen gibt es Lieferverträge nach Deutschland. Anfang Dezember wurde die erste Bahn vom Typ ForCity Classic an die Chemnitzer Verkehrsgesellschaft CVAG übergeben, 13 weitere folgen, Gesamtwert des Auftrags: rund 950 Millionen Kronen.

„Schon 2012 hatten wir die Gelegenheit, in Chemnitz Passagiere im Testbetrieb in unserer Prager Straßenbahn ForCity Alfa mitzunehmen. Der gelungene Auftritt war Grundlage unseres erfolgreichen Angebotes" berichtet Zdeněk Majer, Vizepräsident für Vertrieb der Gruppe Škoda Transportation. „Die Tram für Chemnitz ist die zweite Referenz unserer Straßenbahnen in Deutschland. Hiermit stärken wir unsere Position in Westeuropa und erweitern unsere Kompetenz samt Referenzen für weitere Ausschreibungen."

Škoda habe sich auf dem deutschen Markt etabliert und bereits die Ausschreibung zur Lieferung von modernen Straßenbahnen für den Rhein-Neckar-Verkehr (rnv) gewonnen. Auf den Strecken zwischen Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg werden dann bald insgesamt achtzig Straßenbahnen betrieben. Die ersten Fahrzeuge sollen Anfang 2021 starten.


Aus der Firmengeschichte

Die Eisenbahnzeit begann in den seit 1859 bestehenden Pilsener Škoda-Werken zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Fertigung von Achsen und Radsätzen. Nach dem Ersten Weltkrieg begann der Lokomotiv-Neubau. Bald konnte Škoda Märkte in Asien, Afrika und Südamerika betreten. 1927 wurden die ersten drei Elloks für die Zugförderung von Prag aus gebaut. Jedoch blieb Elektrifizierung vorerst auf Prag beschränkt. Im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren (1939 bis 1945) wurden die Škoda-Werke ganz auf die Rüstungsproduktion ausgerichtet. Dazu zählte auch die Produktion der „Kriegslok 52“ in insgesamt 270 Exemplaren.

Obwohl 1945 große Teile der Škoda-Werke zerstört wurden, verließ bereits im Juni die erste reparierte Lok die Hallen. 1958 wurde die letzte von insgesamt 3247 in Pilsen gebauten Dampfloks abgeliefert. Seit Mitte der 1980er Jahre arbeiteten die Ingenieure an der dritten E-Lok-Generation, die zu internationalen Vorbildern aufschließen sollte. 1987 entstand der Prototyp 85E. Zu einer Serie kam es wegen der politisch-wirtschaftlichen Umbrüchen 1989/90 nicht mehr.



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