Richard Neugebauer ist das Gesicht der Bohemia Troppau. Sein Engagement für die deutsche Minderheit ist aber vielfältiger. Eine Annäherung.

Richard Neugebauer sitzt im Biergarten eines Kulturhauses in Troppau (Opava). Gerade erzählt er von langen Spaziergängen mit seinem Hund, einer Dobermannmischung. Neugebauer ist sportlich und hat in den letzten Jahren, so sagt er, „konsequent wie ein Deutscher abgenommen“. Ganze 25 Kilo trainierte er ab. Und tatsächlich wirkt sein Hemd eine Nummer zu groß.

Die deutsche Sprache und Kultur prägten sein Leben. Sie sind der Grund dafür, dass er hier sitzt. In Troppau, kennt ihn jeder, der sich mit der Geschichte der Region beschäftigt. Er ist einer derjenigen, die das Leben der deutschen Minderheit in Schlesien sichtbar machen – als Initiator von kulturellen Veranstaltungen genauso wie als Finanzmanager.

Richard Neugebauer lächelt viel, wenn er erzählt. Dann sprudelt es aus ihm nur so heraus. Aus dem Gespräch mit ihm erfährt man nicht nur viel über ihn selbst, sondern auch über die Geschichte Tschechiens. Der Endfünfziger leitet die gemeinnützige Gesellschaft Bohemia Troppau, die zinsgünstige Kredite an kleine und mittelständische Unternehmer aus der deutschen Minderheit in ganz Tschechien vergibt. Gleichzeitig gehört er dem Präsidium der Landesversammlung der deutschen Vereine in Tschechien an.

Doch seine Wurzeln liegen woanders. Wenn er über seine Kindheit erzählt, ist es eine Zeitreise in die Tschechoslowakei des Jahres 1961. Der Ort Bärnwald in Ostböhmen trug damals schon seinem tschechischen Namen Neratov. Seine Familie war eine der letzten mit deutschsprachigen Wurzeln, die hier noch zu Hause war. Er sagt, dass sein Vater Angehöriger der deutschen Minderheit in Böhmen und seine Mutter eine Tschechin gewesen sei. Sein Vater habe, so betont er, „bis zu seinem 11. Lebensjahr nur Deutsch gesprochen.“ Diese Tatsache war für ihn sehr wichtig, durch sie wird verständlich, warum er sich intensiv dem Deutschen widmen und die deutsche Sprache sein Leben prägen sollte.

Neugebauers Leben lief entlang der historischen Erschütterungen seines Landes. 1968 – noch im Kindergarten – sah er die Panzer durch seinen Heimatort rollen. Für die Kinder von Bärnwald war das ein bedrohliches Erlebnis. Nach der Grundschule besuchte er in Senftenberg (Žamberk) das Gymnasium, machte 1980 Abitur und ging dann nach Prag, um Volkswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft zu studieren. Später arbeitete er in Prag in einer Planungskommission.

Gespräch Neugebauer web Bildrechte Steffen Neumann

Viele Reisen führten ihn in den 1980er Jahren nach Ostdeutschland. 1988 durfte er – in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei war das gar nicht so einfach – zum ersten Mal auch nach Westdeutschland reisen. Hier traf er auf Vertriebene, die, wenn sie in ihre alte Heimat nach Böhmen oder Mähren zurückkehrten, oft reicher waren als die in der alten Heimat gebliebenen Deutschen.

Als er nach der Wende seine heutige Frau kennenlernte, zog er nach Troppau in Mährisch-Schlesien, wo er eigentlich „nie hatte hinwollen“. Am Anfang dachte er oft an seine Heimat das Adlergebirge und das quirlige Prag zurück. Nur schwer konnte er sich in Troppau eingewöhnen. Damals wurde er Vorsitzender des Vereins Bohemia Troppau, aus dem später die heutige gemeinnützige Gesellschaft wurde.

Für die Bohemia Troppau trifft sich Neugebauer mit Unternehmern, handelt Kreditbedingungen aus und treibt manchmal auch Ausstände ein. Viele der Kreditnehmer sprechen, obwohl sie aus der deutschen Minderheit stammen, heute kein Deutsch mehr. Als Vorsitzender von Bohemia Troppau ist er auch Mitorganisator von Aktionen wie „Deutsch ist super“ oder „Witzige Texte“, einem Lesewettbewerb. Neben seiner Haupttätigkeit ist er auch an der Schlesischen Universität als Volkswirtschaftsdozent aktiv. Einige Stunden pro Woche bearbeitet er für das Einzelhandelsunternehmen Lidl Reklamationen.

Richard Neugebauer lebt für die deutsche Minderheit. Er berichtet vom Problem, dass die Minderheit immer älter wird, von den zugezogenen Deutschen aus Deutschland, die die Minderheit unterstützen, und von seinen zahlreichen Aktivitäten. Dennoch gibt es in seinem Leben auch noch eine andere Seite. Neben der Arbeit und seinem Engagement für die deutsche Kultur, braucht auch er einen Ruhepol. Die findet er an seinen Lieblingsorten, den leeren, großen Wäldern in der Umgebung Troppaus und den Bergen – hier kann er seine Seele baumeln lassen. Und – obwohl er nie hatte hierher kommen wollen – scheint es so, dass das Troppauer Schlesien mit seiner wunderschönen Vorgebirgslandschaft, doch zu seiner zweiten Heimat geworden ist.