Aktuelle Seite: StartseiteIm Gespräch"Ich bin gerne persona non grata"

"Ich bin gerne persona non grata"

Karel Holomek schildert im LZ-Gespräch sowohl seine eigene Lebensgeschichte als auch die der Roma in Böhmen und Mähren und erklärt, warum beide so eng miteinander verknüpft sind.

 

 

LZ: Sie stammen aus einer ursprünglich mährischen Romafamilie. Wie viel Rom und wie viel Tscheche steckt in Ihnen?

 

Ich fühle mich gleichermaßen als Rom und als Tscheche. Da gibt es für mich keinen Unterschied. Ich bin in einer Romafamilie geboren und in einer Umgebung aufgewachsen, der Tschechen und Roma gleichermaßen angehörten. Ich bin nämlich ein „Mischling“, meine Mutter ist weiß und mein Vater stammt aus einer „sauberen“ Romafamilie. Als Kind bin ich hauptsächlich in Roma-Kreisen verkehrt. Zumindest bis zwischen 1941 und 43 die meisten Mitglieder des Roma-Teils meiner Familie verschwunden sind – ins Konzentrationslager. Als Kind habe ich das natürlich nicht verstanden. Danach habe ich eher in der Familie meiner Mutter Fuß gefasst.

 

LZ: Wie hat Ihre Familie den Krieg erlebt? Sie sind Jahrgang 1937, waren damals also noch ein kleiner Junge.

 

Mein Vater musste während der Protektoratszeit in die Slowakei fliehen. Dort war die Situation für Roma damals noch nicht so gefährlich. Er war ein sehr gebildeter Mann. Schon vor dem Jahr 1939 war er ein fertig ausgebildeter Jurist. Der nationalsozialistische Theorie, die da lautete: „Aus einem Zigeuner kann unmöglich ein umfassend gebildeter, vollwertiger Mensch werden“, hat das natürlich nicht entsprochen. Auch deshalb stand mein Vater ganz oben auf der Abschussliste.

 

LZ: Also hat sich Ihre Mutter allein um Sie und ihren Bruder gekümmert?

 

Ja, und wir hatten Glück im Unglück. In das Dorf, in dem wir gewohnt haben, kam gewöhnlich ein tschechischer Gendarm, der aber Kontakt zu den deutschen Ämtern hatte. Der warnte meine Mutter regelmäßig: „Paní Holomková, verschwinden Sie, morgen werden die Nazis hier eine Razzia machen.“ Und ich erinnere mich, wie meine Mutter mit uns Kindern immer irgendwo hingefahren ist, mit dem Zug oder auf dem Fahrrad, meistens nachts. So sind wir immer für eine Woche verschwunden. Auf diese Weise haben wir die Zeit überlebt.

 

Von den 6500 böhmischen und mährischen Roma sind nur 500 aus den Konzentrationslagern zurückgekehrt. Das war das Ende der böhmisch-mährischen Roma, die in aller Regel ganz gut in die Dorfgemeinschaften eingebunden waren. Wenn man heute von den böhmischen und mährischen Roma spricht, ist dieser Ausdruck inkorrekt, denn es handelt sich in Wahrheit um Roma südslowakischer Herkunft, die nach dem Krieg in großer Zahl in tschechische Gebiete migriert sind. Das kann man an einigen Dingen erkennen: In der Slowakei war die Integration der Roma noch nicht so weit fortgeschritten wie hier. Dieser Rückstand lässt sich nicht innerhalb einer oder zweier Generation aufholen.

 

LZ: Nach ihrer Schulzeit haben Sie an der Militärakademie in Brünn studiert. Waren Sie damals als Rom unter den Studenten eine Ausnahme?

 

Ja. Die Roma, die damals auf eine Hochschule gegangen sind, hätte man an einer Hand abzählen können. Dazu muss man aber wissen, dass ich aus, sagen wir, ungewöhnlichen Verhältnissen stammte. Mein Vater war Jurist, aber er hat in der Armee gearbeitet, als Staatsanwalt. Er war eine große Persönlichkeit, nach physiognomischen Kriterien eindeutig ein Rom, aber in der Mehrheitsgesellschaft wegen seines hohen militärischen Ranges sehr angesehen. Und unter den Roma war der Herr Oberst Holomek sowieso jedem ein Begriff. Er hat sich bemüht, mich auf die beste Schule zu bringen, und das war die Militärakademie in Brünn. Nach fünf Jahren war ich Diplommaschinenbauer und erhielt an der Akademie eine Stelle als Fachassistent. Aber ich bin auch in der Armee geblieben.

 

LZ: Was bedeutete der Prager Frühling für die Roma?

 

Im Rahmen dieser allgemeinen Euphorie, die damals herrschte, haben auch die Roma eine Wiedergeburt erlebt. Es gab eine Art Rückkehr zur eigenen Identität. „Wir haben unsere Sprache, unsere Kultur und wir sind anders als die Tschechen.“ Der Verband der Zigeuner-Roma wurde gegründet. Hier wurde zum ersten Mal der Begriff Roma verwendet, in unserer Sprache bedeutet das einfach „Mensch“. In diesem Verband haben wir Programme entworfen, um den Roma bessere Arbeit und Bildung zu verschaffen. Aber das war nur ein kurzes Aufflackern eines nationalen Selbstbewusstseins.

 

Auch für mich selbst bedeutete das Jahr 68 ein Erwachen. Zum ersten Mal habe ich mich gefragt: Was machst du hier eigentlich? Langsam habe ich angefangen zu verstehen, dass die kommunistische Gesellschaft schadhaft ist, dass ich ganz neu anfangen muss. Aber das war nicht einfach. Ich hatte schon eine Familie, Kinder, und jetzt das! Ich hätte nie gedacht, was das alles für Folgen haben würde.

 

LZ: Wenige Wochen nach dem Einmarsch der Gruppen des Warschauer Paktes im Jahre 68 wurden Sie aus der Armee entlassen. Was war passiert?

 

Nach der Invasion wurde klar, dass wir als Soldaten revolutionäre Aufstände auseinanderjagen sollen. Und dann gab es Untersuchungen. „Genosse Major“, hieß es da, „was denken sie über den Einzug der Truppen?“ Und ich sagte: „Was für ein Einzug? Das ist eine gemeine Aggression, und ich will damit nichts zu tun haben“. Innerhalb einer Woche war ich draußen. Ohne Abfindung, mit dem schlechtesten Gutachten, das man sich vorstellen kann. Dann habe ich Arbeit gesucht. Überall hieß es da: Ingenieur, Qualifikation, alles schön und recht, aber sobald sie das Gutachten gelesen hatten, war die Sache erledigt.

 

LZ: Bis zum Ende des Kommunismus haben Sie sich mit allerlei technischen Arbeiten durchgeschlagen. Nach 1989 haben Sie sich in verschiedenen Gremien für die Belange der Roma-Minderheit eingesetzt, unter anderem im Brünner Bürgerforum und im Helsinki Citizens’ Assembly, einem europäischen Menschenrechtsgremium. Welche Entwicklungen konnten Sie beobachten?

 

In den ersten zehn Jahren nach der Samtenen Revolution hat sich die Situation der Roma leider extrem verschlechtert, und zwar in den folgenden Punkten: Sozial gesehen sind die Roma auf den Boden der Gesellschaftspyramide gefallen. Vor allem die Arbeitslosigkeit hat sich ungemein vergrößert, sie liegt bei Roma bei 90 bis 100 Prozent. Das liegt an der offenen Diskriminierung der Roma bei der Vergabe von Arbeitsplätzen. So viel Perspektivlosigkeit frustriert natürlich und verursacht weitere Probleme, Kriminalität und dergleichen.

 

Die zweite besorgniserregende Entwicklung betrifft die Identität der Roma. Wir haben große Schwierigkeiten sowohl mit unserem Selbstbild als auch mit der Fremdwahrnehmung. Wir sollten uns als mündige nationale Minderheit präsentieren. Aber wenn Roma nur als Asoziale wahrgenommen werden, ist das einfach schlecht. Umfragen ergeben, dass bis zu 80 Prozent der Tschechen Roma hassen. Ich bin inzwischen so weit zu sagen: Aus dieser Lage können sich die Roma nicht allein befreien. Wer sozial am Boden ist, der wird kein engagierter Bürger und bringt sich in die Politik ein, das ist nun mal leider so.

 

LZ: Worin sehen Sie das größte Problem?

 

Eine Ursache für viele Schwierigkeiten ist das Bildungssystem. An manchen Sonderschulen stammen bis zu 80 Prozent der Schüler aus der Roma-Minderheit. Das sind Schulen, die praktisch ausgelegt sind und eigentlich gedacht sind für Kinder mit geistigen Behinderungen. Ich sehe keinen Grund, warum ein Roma-Schüler, kommt er auch aus sozial schwierigen Verhältnissen, nicht eine Regelschule besuchen sollte.

 

Als noch gefährlicher erachte ich aber die Segregation, vor allem in den Städten. In Brünn gibt es um die 50 Grundschulen, davon werden mindestens sieben nur von Romakindern besucht, die restlichen nur von weißen. In so getrennten Schulen haben die Kinder nur Umgang mit Kindern aus ähnlichen Verhältnissen, es besteht kaum eine Möglichkeit, aus diesen Kreisen herauszukommen. Es sollte doch die Aufgabe eines Schulsystems sein, sich nicht nur an die guten Schüler zu richten, sondern auch die schlechten, und so das soziale Gefälle abzufedern.

 

Aber die Wurzel allen Übels ist meiner Meinung nach tatsächlich die Arbeitslosigkeit. Ich sage: „Gebt den Roma Arbeit, und die anderen Probleme lösen sich mit der Zeit von selbst.“ Wir haben aber momentan keinerlei Mechanismen, weder auf staatlicher Ebene, noch in den Regionen oder den Gemeinden, um die Arbeitslosigkeit in Romakreisen zu verringern. Das ist eine Katastrophe. Man redet schon seit zehn Jahren darüber, aber das steht alles noch in den Sternen, es gibt noch nicht mal eine Legislative dafür. Die Situation der Roma ist für das Parlament nur eine randständige Angelegenheit. Wenn überhaupt.

 

LZ: Gibt es auch Entwicklungen, die ihnen Hoffnung machen?

 

Unsere große Hoffnung ist die Europäische Union, zu der wir jetzt auch gehören. Sie übt Druck auf die Mitgliedsstaaten aus, die Lage der Roma zu verbessern. Auch verspreche ich mir vom neuen Bildungsminister, Petr Fiala, einige positive Maßnahmen. Aber natürlich ändert sich das alles nicht von jetzt auf nachher, das wird Jahre dauern.

 

LZ: Sie gehören zu den Gründern des brünner Museums für die Kultur der Roma (Muzeum romské kultury),

das in seiner Art einzigartig ist. Wie kam es zu dieser Idee?

 

Die Idee für das Museum für Romakultur entstand schon im Jahr 1968. Es sollte ein Institut zur Unterstützung und Kultivierung der Identität der Roma sein, ihrer Kultur und ihrer Sprache. Nach der Wende hat mich meine Tochter, heute Direktorin des Museums, wieder an diesen alten Plan erinnert. Sie sagte zu mir: „Papa, jetzt oder nie. Lass uns ein Museum für Romakultur gründen.“ Und das haben wir gemacht. Dazu habe ich noch drei Experten ins Boot geholt, mit denen ich schon im Verband der Zigeuner-Roma zusammengearbeitet hatte. Wir haben ein verfallenes Haus in der Brünner „Roma-Bronx“ gekauft.

 

Für die Renovierungsarbeiten haben wir nur Firmen verpflichtet, die Roma beschäftigen. So etwas könnte doch auch zur Staatsangelegenheit gemacht werden, zum Beispiel indem man für Betriebe Anreize schafft, Roma als ungelernte Arbeiter einzustellen. Nun ja, eineinhalb Jahre und einige Kämpfe mit der Stadt und verschiedenen Ämtern später stand das Museum. Wir haben eine Dauerausstellung, ständig wechselnde Sonderausstellungen und sehen uns auch als Kulturzentrum, es gibt Romanes-Sprachkurse, Konzerte, Vorträge und verschiedene Angebote für Kinder und Jugendliche.

 

LZ: Seit Jahrzehnten setzen Sie sich in den verschiedensten Gremien und Organisationen unermüdlich für die Rechte der Roma ein, auch wenn die Erfolge oftmals auf sich warten lassen. Woher nehmen Sie die Energie?

 

Ich sehe in meiner Arbeit, wenn schon nicht immer einen Effekt - die Misserfolge sind ja offensichtlich - dann doch zumindest eine Notwendigkeit. Die Gruppe, der ich und der meine Familie angehört, zu unterstützen, ist mir ein Grundbedürfnis. Alle Organisationen, die sich hier für die Rechte der Roma einsetzen, habe ich von Anfang an begleitet. Heute ist die Situation in Brünn, wo immerhin 15 000 Roma leben, deutlich besser als in vielen anderen Städten. Es freut mich, dazubeigetragen zu haben. Der Bürgermeister und die Stadträte machen schon lieber einen Bogen um mich. Aber ich bin gerne persona non grata.

 

Das Gespräch führte EVA-MARIA WALTER

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