Auf tschechischen Autobahnen gilt – anders als in Deutschland – ein gesetzliches Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde. Ob sich das bald ändern sollte, kommentiert Hans-Jörg Schmidt im LandesECHO.

 

Das vergangene Wochenende habe ich auf einem deutsch-tschechischen Seminar im oberbayerischen Kochel am See verbracht. Die von der erfahrenen Prager Journalistenkollegin Bára Procházková einmal mehr exzellent geführte Veranstaltung mit sehr qualifizierten Referenten verdiente einen eigenen Text. Mir geht es hier aber zunächst einmal um eine vergleichsweise Nebensächlichkeit.

Um von Prag in die Gegend von Garmisch zu kommen, braucht es ein Auto. Ich hatte mich am Freitag rechtzeitig auf den Weg gemacht, ahnend, was mich auf der Autobahn erwarten würde. Schon gegen Mittag herrschte reger Verkehr zwischen Prag und Pilsen (Plzeň). Danach wurde es bis zur Grenze nach Roßhaupt (Rozvadov) ruhiger. Das änderte sich erst auf der Autobahn Richtung Regensburg und weiter Richtung München. Auf meiner Spur kam ich noch gut vorwärts. In der Gegenrichtung staute es sich dagegen heftig. Kein Wunder: Besagte Autobahn führt aus Richtung Bayern nach Sachsen. Sie ist die Ein- und Ausflugschneise für die Sachsen, die in ihrem Bundesland keine Arbeit haben und seit Jahr und Tag die Woche über in Bayern ihr Geld verdienen. 

In Regensburg ging Richtung Sachsen gar nichts mehr. Der Verkehrsfunk meldete Staus mit dadurch verlängerten Fahrzeiten von einer Stunde und mehr. Besonderes Pech: Der Fahrer eines defekten Fahrzeuges musste sein Auto in einem städtischen Tunnel abstellen, wartete aber nicht etwa auf Hilfe, sondern verließ den Tunnel in seiner Panik durch einen der Notausgänge. In dem Moment, in dem man aber diesen Weg nimmt, schließt sich automatisch der ganze Tunnel. Laut dem Verkehrsfunk sollten die Leute in ihren Autos warten, bis ein zuständiger Fachmann den Tunnel wieder für freie Fahrt öffnet.

Die Pein in meiner Richtung wurde richtig groß, als ich auf die A9 fuhr, die von Berlin nach München führt. Auf vier Fahrspuren kroch man in Richtung der bayerischen Landeshauptstadt. Um diese Spuren zu entlasten, wurde selbst der eigentliche Standstreifen für die Autos freigegeben. Mit Erreichen der Vororte von München ging es dann auf der Westumfahrung nur noch im Schritttempo voran. Für die paar Kilometer bis zur Autobahn nach Garmisch brauchte ich mehr als eine Stunde.

Was aber dann auf besagter Autobahn in die Alpenregion abging, habe ich so nur selten bisher erlebt. Trotz mehrerer Baustellen rasten vor allem Fahrzeuge mit Münchner Kennzeichen, vorrangig BMW, als würden die Alpen vor ihrer Haustür nach dem Wochenende für immer verschwinden. Eine solche Rücksichtslosigkeit habe ich auf einer deutschen Autobahn noch nie erlebt. Es grenzte für mich an ein Wunder, dass es auf der knapp einstündigen Fahrt dort nicht wiederholt martialisch gekracht hat. Ich habe mir gesagt, ok, die Münchner wollen so rasch wie möglich in den Alpen sein. Die sind ja auch traumhaft schön, wenn man nicht vorher im Krankenhaus landet oder – schlimmer noch – von einem Leichenwagen abtransportiert werden muss.

Nach einer alles in allem sechsstündigen Fahrt landete ich einigermaßen erschöpft am Tagungsort, wo ich mich erst einmal mit einem Bier belohnen musste. Die Rückfahrt am Sonntag war leider nicht viel besser. Und das, obwohl für Lkw ein Sonntagsfahrverbot gilt und somit „nur" Pkw und Motorradfahrer unterwegs waren. Das Navigationsgerät führte mich diesmal durch das Zentrum Münchens, das völlig verstopft war, vorbei am Olympiapark und der von einem Fan von Borussia Dortmund herzlich gehassten Allianz-Arena des FC Bayern. Richtung Nürnberg, also wieder auf der A9, kam mir laut Verkehrsfunk ein „Geisterfahrer" entgegen, den ich aber nicht bemerkt hatte. Womöglich haben wir uns knapp verpasst, weil ich im großen Hopfen- und Spargelanbaugebiet der Hallertau schon wieder den Abzweig nach Regensburg unter die Räder genommen hatte. Der Rest des Weges Richtung Prag war einigermaßen erholsam.

Weshalb schreibe ich das hier? Zum einen, weil ich jetzt die jüngsten Proteste gegen überdimensionierte und sehr schnelle SUVs auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) besser verstehe. Und weil ich dringend davor warnen möchte, dass sich solche Jagdszenen wie auf der Autobahn München-Garmisch auch irgendwann in Tschechien einbürgern. 

Ich bin seit vielen Jahren einiges von tschechischen Autobahnen gewöhnt. Abstand halten ist ein Fremdwort, Blinker bedienen sowieso, Drängeln steht auf der Tagesordnung. Wer sich an Tempo 130 hält, wird rasch zum Verkehrshindernis, sieht zunächst die Lichthupe im Rückspiegel und später den gestreckten Mittelfinger des Überholenden.

Ich möchte eindringlich davor warnen, dass die Prager Politiker an der Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auch nur ein kleines bisschen rütteln. Sollten daraus irgendwann 160 werden, wie das einige im Abgeordnetenhaus und Senat - gegen den weisen Rat der Verkehrspolizei - erwägen, dann bekommen wir auf tschechischen Autobahnen womöglich rasch „deutsche Verhältnisse“: „Freie Fahrt für freie Bürger“. Das braucht Tschechien ganz entschieden nicht.

Mein Seminar übrigens zeigte, wie sehr sich Tschechen und Deutsche in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden. Häufig muss man das mit Bedauern konstatieren. Bei den Verkehrsvorschriften sollte man aber in Prag Mut beweisen, anders als in Deutschland zu verfahren. Nicht nur wegen der Verkehrstoten, auch wegen des Klimas, das nicht zuletzt unter dem Autoverkehr leidet. Man muss sich schlichtweg nicht alles bei den großen deutschen Nachbarn abgucken.


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